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Wenn sächsische Bergsteiger arabisch singen

Zusammen mit den Musikern der Banda Internationale bereitet sich der Bergsteigerchor aufs gemeinsame Adventskonzert vor. © Ronald Bonß

Es ist eines der ungewöhnlichsten Musikprojekte seit Jahren: Bergfinken und Banda Internationale im Konzert.

Noooooo ... wenn fast hundert Kehlen auf einmal den tiefsten und rundesten aller Vokale entlassen, vibrieren die Magenwände, als säße man in einer startenden Propellermaschine. Zumal das „nooooo“ mit der Kernkraft klettergestählter Herrenlungen ertönt. Und die Dresdner Bergfinken es als Klangteppich stehen lassen, über den sich in Vierteltonschritten eine Oud, eine Laute vorantastet. Bis in ihrer Mitte die Trommel einsetzt, Bläser sich hinzugesellen und die Sachsenstimmen eine orientalische Melodie singen: „Fog elna khel ya ba, fog elna khel fog madri la ma khad“ Was auf Deutsch ungefähr heißt: Da oben im Himmel haben wir eine Geliebte.

Weihnachten in der Wüste

Was in der Kletterhalle des Sächsischen Bergsteigerbundes noch geprobt und am Wochenende in Dresdens dreimal ausverkaufter Annenkirche aufgeführt wird, ist eines der ungewöhnlichsten und überraschendsten Musikprojekte seit Jahren. Die traditions- und heimatverbundenen Bergfinken und die Integrations-Vorzeigekapelle Banda Internationale geben ein gemeinsames Konzert. Eingeborene von hier und Zugewanderte etwa aus dem Irak, aus Burkina Faso und Syrien, vereint in der Hauptstadt der Pegida-Bewegung. Nicht als musiksoziologisches Experiment unter wissenschaftlicher Aufsicht. Sondern „nur“ als 2018er-Ausgabe der jährlichen Bergfinken-Adventsauftritte.

„Wir stellen unsere Adventskonzerte ja immer mal wieder unter ein anderes Motto“, sagt Ulrich Schlögel, der die Finken seit 1999 leitet. „Und in diesem Jahr hatten wir die Idee zum Motto ,Internationale Weihnacht‘“. Klar habe man dem Chor erklären müssen, warum er auf einem Weihnachtskonzert Lieder aus einem Kulturkreis singen solle, in dem Weihnachten keine Rolle spiele. „Aber wenn man sich die Kernbotschaften der Weihnachtsgeschichte anschaut, dann erkennt man die vielen Gemeinsamkeiten“. Etwa in „Fog elna khel“, dessen Bilder aus dem Hohelied Salomons stammen könnten. Dessen Liebender sich die Geliebte unter Palmen herbeiträumt, wie einst vielleicht Maria und Josef. „Das Stück ,Dire Gelt‘ wiederum ist ein jiddisches Klagelied über einen hartherzigen Gastwirt“, sagt Schlögel. „So einer hat auch Maria und Josef abgewiesen, worauf sie sich für die Niederkunft von Jesus einen Stall suchen mussten.“

Es sind gerade die schmissigen Rhythmen von „Dire Gelt“, die ein helles Lächeln, hier und dort gar ein Strahlen auf die Bergfinkengesichter zaubern. Auch wenn sie jetzt außer Deutsch und Arabisch auch noch Jiddisch singen müssen ... obwohl „müssen“ der falsche Ausdruck ist. „Rischdsch geiler Song“, findet ein 18-jähriger Sänger. „Das geht super ab“, ergänzt ein Bergkamerad, der locker sein Großvater sein könnte.

Das Seil zwischen Finken und Banda hat ein Chormitglied geknüpft. „Ich kenne einige Musiker der Banda noch von der Musikhochschule her“, sagt Max Röber. „Und die Idee, auch arabisch-syrische Lieder zu singen, war für mich naheliegend. Schließlich hat sich die Weihnachtsgeschichte ja genau da abgespielt, sie rührt aus der dortigen Kultur her.“ Nein, nicht alle Chormitglieder haben sich damit anfreunden können, manche enthalten sich beim Konzert. Einige, weil sie sich nicht für die fremdartigen Klänge erwärmen können. Zwei, weil ihnen die Banda Internationale mit ihrem Engagement für Flüchtlingshilfe und gegen die Pegida-Bewegung „zu linkspolitisch“ ist. „Natürlich haben wir auch Mitglieder, die mit den Zielen von Pegida sympathisieren“, räumt Max Röber ein. Umso bemerkenswerter: Einige von ihnen machen trotzdem mit.

Eine besondere Erfahrung ist das für beide Seiten. Manchem beschert sie einen Glücksmoment. Zum Beispiel, wenn ein Bergfink das schwierige Solo von „Fog el nakhel“ singt. „Das habe ich noch nie so schön gehört“, sagt Oud- und Trommel-Mann Tabeth Azzawi aus Syrien, der vor drei Jahren nach Dresden kam, hier sein Medizinstudium weiterführt und unlängst von der Deutschen Studienstiftung ein Stipendium für Hochbegabte erhielt. „Ich hatte beim Solo Tränen in den Augen.“

Bergkameraden sind füreinander da

Doch die Annäherungen finden nicht allein in musikalischen Bahnen statt. „Naja, im Probeverhalten gibt es schon noch ein paar Unterschiede“, sagt Banda-Frontmann Michal Tomaszewski mit breitem Grinsen im Vollbart. Immer wieder muss er raus in den Flur, um einen Bandista, eingeboren oder nicht, zurück zur Probe zu rufen. „Die Bergfinken sind disziplinierter. Auch da können wir noch was von ihnen lernen.“

20 Lieder stehen auf dem Programm, zwei Drittel aus Westeuropa, der Rest aus Spanien, Russland, Syrien, Burkina Faso, Äthiopien ... Es geht von der „Felsenheimat“ im „Doppelhoppereiter“ über „Yegelle Tezeta“ und „Kuliga-Noore“ bis zu „O du Fröhliche“ und dem entsprungenen Ros. Mit Stimmen, Trommeln, Bläsern, Oud, Gitarre. „Passt perfekt zum Geist der Bergkameradschaft“, sagt Max Röbel. „Alle sind füreinander da“. Außerdem, weiß Ulrich Schlögel, „kommen Bergsteiger eigentlich immer mit allen Menschen klar, egal, wen man in den Bergen trifft“.

Nur eins bereitet dem Chorleiter noch einen Sorgenrest: „Unser großes Ensemble und zusätzlich die 15 Leute von der Banda auf einmal in der Annenkirche – na das kann enge werden.“

Die Konzerte am 7., 8. und 9. Dezember in der Dresdner Annenkirche sind leider ausverkauft.