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Wenn schon fluchen, dann kreativ

Beim Nimmerland Theater werden Wörter feilgeboten. Denn manche von ihnen sind vom Aussterben bedroht.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Welches sind Eure Lieblingsworte? Als Musicaldarstellerin Stefanie Adam (28) die Grundschüler vom Schacht das fragt, wird klar, was hier im Vordergrund steht. Sport, Turnen, Handball, Reiten, Karate, aber auch Traktor und Ballerina kommen als Antwort. Nun, dass jemand in diesem Alter Desoxyribonukleinsäure gerufen hätte, war wirklich nicht zu erwarten. Allerdings sind bestimmte Wörter wirklich vom Aussterben bedroht, so die quirlige Akteurin vom Nimmerland Theater. Die Grundschule hatte die Worthändlerin eingeladen, wohl wissend, dass das so ist. Vor allem die Worte der Höflichkeit geraten in Vergessenheit. Immer wieder hört man, dass Kinder andere Menschen nicht mehr grüßen.

Singend, mit ausdrucksstarken Gesten und bunten Plüschbuchstaben vermittelt Stefanie Adam den 165 Grundschülern, dass Ausdrücke der Höflichkeit Zaubersprüche sind, eine Art Formel. „Wer höflich formuliert, verschließt sich keine Tür“, singt sie den Kindern vor. Und die Kinder singen mit. Kurzweilig und musikalisch unterhaltsam zeigt die Wortverkäuferin, dass diese bisweilen kostbar und zerbrechlich sind – und nur mühsam wieder geheilt werden können. Wie das Wort Freundschaft. Manche Wörter wiegen auch schwer, wie ein Klotz auf einer Waage. Sie sind rein praktisch nur mit ganz vielen kleinen süßen Wörtern aufzuwiegen – und einem Duden obendrauf.

Woher kommt das Wort Anorak?

Beleidigungen verkauft die Markthändlerin allerdings nicht. Eher Fremdwörter. Sie fragt die Kinder, ob sie wissen, wo sie herkommen. Shampoo kommt aus dem Englischen, das wissen die Grundschüler. Aber Anorak? Das kommt aus dem hohen Norden von den Eskimos. Da haben sicher auch die Deutschlehrer vom Schacht noch etwas hinzugelernt.

Doch kritisch wird es, als Stefanie Adam die verschlossene Kiste mit den Schimpfwörtern ins Spiel bringt. Das hätte sie besser nicht tun sollen. Immer wieder schreien alle Kinder lautstark: Zeigen! Und wollen sich auch kaum beruhigen, als die Darstellerin ihnen erklärt, das könne sie nicht tun, um nicht mit Schimpf und Schande aus der Schule gejagt zu werden.

Gestohlene Wörter per Post schicken

Aber gut – Fluchen, darüber könnte man reden. Manchmal hat man einfach keine andere Wahl, singt die Markthändlerin. Aber wenn schon fluchen, dann kreativ. Zum Beispiel: beim Fußpilz des Drachen! Oder: Da platzt doch die Winde! Das gefällt den Schachtschülern, und alle wollen mitspielen und mitmachen. Die gestohlenen Worte des guten Zusammenlebens dürfen die Kinder in einen Umschlag stecken und ans Theater schicken. Zu Hause und im Deutschunterricht wird dieser amüsante Theaterbesuch also noch etwas nachklingen. Schulleiterin Siglinde Unruh hätte sich noch bisschen mehr pädagogischen Tiefgang gewünscht. Aber den Schülern Ben und Vincent aus der vierten und Mariella aus der dritten Klasse gefiel es sehr.