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„Wenn Sie schwach sind, haben Sie keine Chance“

Klaus-Ewald Holst, Ex-Chef der Leipziger Verbundnetz Gas AG, über die Gasversorgung in Zeiten der Ukraine-Krise.

© picture alliance / dpa

Herr Holst, die Krise in der Ukraine verschärft sich drastisch. Die Sorge des Westens ist groß, dass Russland den Gashahn zudreht. Zu Recht?

Ex-VNG-Chef Klaus-Ewald Holst.
Ex-VNG-Chef Klaus-Ewald Holst. © dpa

Die Frage der Gaslieferung betrachte ich relativ gelassen. Weniger gelassen sehe ich, dass in der Diskussion die Ebenen verrutschen. Es wird immer so getan, als handele hier Europa mit Russland. Dieses Europa hat aber noch nicht einen Kubikmeter Gas gekauft. Es sind Unternehmen, die da handeln. Diese Unternehmen haben langfristige Verträge – und diese Verträge gelten. Sie sind übrigens auch in den vergangenen Jahrzehnten zuverlässig erfüllt worden. Selbst ein Präsident Putin, wenn er denn wollte, könnte nicht einfach den Hahn zudrehen. Dann würde etwa die Gazprom sich sofort eine Schiedsklage einhandeln, die den Konzern dermaßen viel Geld kosten würde...

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Aber die Preiserhöhungen für die Ukraine, die Gazprom im Zuge des Konflikts verkündet hat, sprechen doch für einen erheblichen politischen Einfluss.

Den will ich auch nicht kleinreden. Aber was denken Sie denn, wie das in Norwegen ist? Das größte norwegische Unternehmen, von dem wir seit fast zwanzig Jahren Erdgas beziehen, heißt Statoil. Das ist ein Staatskonzern. Im Vordergrund steht aber das privatwirtschaftliche Handeln. Auch Gazprom ist ein professionell geführtes, kapitalistisches Unternehmen, das, im Gegensatz etwa zur VNG, nur einen Eigentümer hat – das ist der russische Staat. Dass der wiederum eigene Interessen hat, liegt auf der Hand.

Sie haben mit der VNG das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum ins Leben gerufen, das Anfang April in Dresden tagte. Eine Botschaft des Treffens war: Wir sollten uns von dem Konflikt nicht den schönen Handel kaputt machen lassen. Gilt sie noch?

Wichtig waren die Signale. Die deutschen Unternehmen haben den russischen Unternehmen klar gesagt: Wir werden unsere Seite der Verträge erfüllen, wir nehmen euer Gas. Und an die Politik ging von beiden Seiten die Botschaft: Lasst die Kirche im Dorf, hört nicht auf die Scharfmacher. Gleichzeitig können Sie beim Abendessen, Auge in Auge, auch sehr deutlich sagen, dass man trotzdem eben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann.

Helmut Kohls Kanzlerberater Horst Teltschik hat beim Rohstoff-Forum gesagt, er habe schon sehr viel ernstere Differenzen und Krisen mit Russland erlebt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Politisch will ich das nicht beurteilen. Wirtschaftlich teile ich das durchaus. Anfang der Neunzigerjahre gerieten wir bei der VNG in Leipzig in eine fürchterliche Auseinandersetzung mit der russischen Seite, in einen regelrechten Wirtschaftskrieg. Die Russen verließen die DDR, und es ging um die Frage, wer hier nun das Gas liefert. Und das wollten natürlich auch andere machen, da ging es schlicht um den Markt. Wir haben im übertragenen Sinne um unser Leben gekämpft, auch mit den Russen. Dabei habe ich eines gelernt: Wenn Sie schwach sind, haben Sie keine Chance. Wirtschaft und Politik haben nichts mit Charakter zu tun. Es ist schön, wenn man welchen hat. Aber Gut und Böse sind keine Kategorien, sondern es zählen allein die Interessen.

Sie können die Forderung der Politik, beim Gas die Abhängigkeit von Russland zu verringern und die Diversifikation voranzutreiben, also unterschreiben?

Ich finde allein schon die Wortwahl unglücklich. Sie tut so, als wenn da jemand – womöglich sogar Herr Putin – sitzt, die Knute schwingt und wir immer zittern müssen: Liefert er oder liefert er nicht? Es ist aber eher wie in einer Ehe. Das größte Handelsnetz, das es gibt, ist das europäische Pipeline-Netz. Das gibt es so im Strom nicht, das ist auf der Gasseite entstanden, über inzwischen mehr als 50 Jahre, und es überzieht ganz Europa. Es funktioniert wie ein Adersystem, der Kopf ist verbunden mit dem Herz und mit den Beinen. Der eine liefert und der andere lebt von dem Geld, das er für die Lieferung bekommt. Das ist eine klassisch kapitalistisch-privatwirtschaftliche Beziehung – und keine Abhängigkeit.

Was ist mit der Diversifizierung?

Meine zweite Reise überhaupt in den Westen hat mich im März 1990 für die VNG nach Norwegen geführt. Und warum? Um unsere Gasbezüge zu diversifizieren, also mehrere Lieferanten zu suchen. Seit Oktober 1996 fließt bei uns auch norwegisches Gas, das sind jetzt fast 20 Jahre. Diversifizierung ist aus drei Gründen gut: Wenn Sie nur einen Partner haben, dann sind Sie voneinander zu abhängig. Ein 4000 Kilometer langes technisches System wie eine Gaspipeline kann immer ausfallen, selbst wenn Sie die ganze Politik weglassen. Deshalb sind auch die Russen immer für die Diversifikation gewesen.

Warum?

Ganz einfach: Es wäre für das Produkt desaströs, wenn der Kunde trocken bliebe und im Winter kein Gas hätte. Zweitens zählt vor allem das kaufmännische Interesse: Sie müssen den Partner in Wettbewerb bringen. Unser Wirtschaftskrieg mit den Russen ging damals vor allem über die Preise. Und zugespitzt könnte man drittens sagen: Weil es diese Diversifizierung gibt, könnte Putin, selbst wenn er es wollte, uns mit dem Dreh am Gashahn nicht ernsthaft schaden. Aber dass es so weit kommt, davon gehe ich nicht aus. Ich habe mit den Russen als Wettbewerber damals durchaus viel Ärger gehabt, als Handelspartner und Aktionär der VNG allerdings nie.

Wie sehr hat Sie die jüngste Veränderung in der Aktionärsstruktur der VNG getroffen? Die BASF-Tochter Wintershall verkauft ihre Anteile dem Oldenburger Versorger EWE , der damit die Mehrheit an der VNG bekommt. Genau dagegen haben Sie in Ihrer Zeit als Vorstandschef lange gekämpft.

Erstens verbietet es sich für einen ehemaligen Vorstandschef eigentlich, sich in aktuelle Geschehnisse einzumischen. Und zweitens ist das ein völlig normaler und legitimer Vorgang: Wer Eigentum hat, und seien es VNG-Anteile, kann es verkaufen. Gestört hat mich etwas anderes: In dem Moment, wo der eine, der das Geschäft machen will, nämlich Wintershall-Chef Rainer Seele, gleichzeitig noch Aufsichtsratschef des Unternehmens ist, um das es geht, nämlich der VNG, liegt aus meiner Sicht eindeutig ein Verstoß gegen die Regeln zur guten Unternehmensführung vor. Von dieser Corporate Governance reden alle Unternehmen immer theoretisch, aber wenn es dann ernst wird… Aber nun ist auch das Geschichte. Herr Seele ist ja inzwischen vom Aufsichtsrats-Vorsitz zurückgetreten, das Problem ist damit also geheilt. Und ich bin jetzt Rentner, ich rege mich nicht mehr auf.

Das Gespräch führte Lars Radau