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Feuilleton

Wenn zwei sich streiten ...

... sollte das in einer Demokratie kein Problem sein. In der Dresdner Frauenkirche wird das jetzt geübt - mit Prominenten.

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Was einst so völlig normal schien, ist aus der Mode gekommen. Und nur eine ambitionierte Aktion von Medienleuten rückt die Verhältnisse wieder für mindestens einen Tag gerade: Haben zwei Menschen zu einem bestimmten Thema unterschiedliche Meinungen, treffen sie sich und diskutieren das Ganze aus. Ohne anonyme Beschimpfung im Netz, ohne Verunglimpfung, ohne Niederbrüll-Attacken. Das gibt es tatsächlich. Am 30. Oktober gleichzeitig in der Dresdner Frauenkirche, in der Frankfurter Paulskirche und überall in Deutschland.

Zeit Online und diverse Partner, zu denen auch die Sächsische Zeitung gehört, hatten zuvor im Internet unter dem Motto „Deutschland spricht“ nach debattierwilligen Menschen gesucht, rund 18.000 beantworteten die Schlüsselfragen auf den jeweiligen Websites und registrierten sich anschließend für die Aktion. Gefragt wurde: Sollten Flugreisen stärker besteuert werden? Ist Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden? Haben Frauen in Deutschland die gleichen Chancen wie Männer? Kümmert sich Deutschland zu wenig um die Ostdeutschen? Sollte Deutschland engere Beziehungen zu Russland anstreben? Leben die Alten in Deutschland auf Kosten der Jungen? Sollte der Staat stärker in den Immobilienmarkt eingreifen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

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Die größten Meinungsverschiedenheiten gab es bei der Russlandfrage. So sprechen sich 52,3 Prozent für engere Beziehungen, 47,7 Prozent genau dagegen aus. Während 72 Prozent glauben, dass Deutschland durch Einwanderung mitnichten unsicherer geworden ist, sehen wiederum 28 Prozent diese Gefahr. Eine Statistik am Rande: Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt bei 43,9 Jahren; 67,7 Prozent sind Männer, 30,6 Prozent Frauen.

© Zeit

Vor wenigen Tagen hat nun ein von Zeit Online entwickelter Algorithmus die perfekten Streitpaare aus den registrierten Diskutierwilligen gebildet: Menschen, die die Fragen möglichst unterschiedlich beantwortet hatten, aber wiederum nah beieinander wohnen. Für rund 14.000 Teilnehmer konnte auf diesem Weg ein Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin gefunden werden. Sie alle treffen sich am kommenden Mittwoch für kultivierte Streitgespräche im echten Leben.

Zuvor kommen bei den Veranstaltungen in Dresden und Frankfurt diverse Prominente zusammen, um ihrerseits über verschiedene Themen zu diskutieren. In Dresden streiten Selmin Çalışkan, Direktorin für Institutionelle Beziehungen/Open Society Foundations, mit dem Autor und Rowohlt-Verleger Florian Illies und der SPD-Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe zum Thema „Wie geht’s dir, Deutschland?“ Die „Fragen, die Deutschland spalten“ erörtern anschließend Illies und Çalışkan mit dem Lausitzer Schriftsteller Lukas Rietzschel, Marieke Reimann, Chefredakteurin des Magazins ze.tt, und Martin Machowecz vom Leipziger Büro der Zeit.

Zudem wird Wolfgang Merkel, Politikprofessor und Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin, versuchen zu klären, vor welchen Herausforderungen die Demokratie steht und wie wir sie schützen können. Und der Spitzen-Ökonom und Politikforscher Armin Falk erklärt, was dieses Miteinanderreden eigentlich bringt. Exakt das werden jedoch anschließend auch noch Tausende jeweils für sich selbst herausfinden.

„Deutschland spricht“, 30. Oktober, 14 Uhr, Frauenkirche, Dresden. Der Eintritt ist frei, eine Online-Anmeldung zuvor jedoch erforderlich.