merken

Wenn zwei zusammenziehen

Dresdens Jugendtheater und Operette haben ein neues, gemeinsames Haus – im Kulturkraftwerk. Es war ein lehrreiches Bauen für alle. Zum Start ist fast alles fertig – nur die Pausenklingel …

© Robert Michael

Von Bernd Klempnow

Anzeige
Wieder kunstvolle Pferdeshow in Riesa

Europas beliebteste Pferdeshow ist zurück. Am 26. und 27. Oktober startet CAVALLUNA mit „Legende der Wüste“ in der SACHSENarena die neue Tour.

So international ist kein anderes Theater in Sachsen. Alle Räume, alle Zugänge, sogar die Toiletten hinter der Bühne sind nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch beschriftet. Und die im Zuschauerbereich sogar noch in Russisch. Da wird das Hochparkett zum Operetta Rear Orchestra Balcony und eben zum Operetta Amphiteatr Balkon – das Publikum aus aller Welt kann also kommen, wenn nächste Woche Dresdens Staatsoperette und das Theater Junge Generation im Kraftwerk Mitte starten. „Es darf nur Kraftwerk heißen, weil es bereits ein Kulturkraftwerk in Goslar gibt“, sagt Mario Radicke, Technischer Direktor der Operette. „Doch der Volksmund wird sich wohl nicht dran halten“, gibt sein Kollege Lutz Hofmann vom Jugendtheater zu bedenken. Beide lächeln.

Die Herren sehen etwas müde aus, wenn auch ziemlich zufrieden. Das ist kein Wunder. Seit Jahren begleiten sie den Bau, haben mit Architekten, Planern, Arbeitern nahezu täglich zu tun gehabt. „So ein Projekt hat man nur einmal im Leben“, sagt Radicke. So ein Projekt gibt es auch nur alle paar Generationen. Für gut 100 Millionen Euro wurde seit 2013 die alte Maschinenhalle des ehemaligen Kraftwerks Mitte saniert und um zwei imposante Bühnenanbauten erweitert. Wo einst ab 1902 Dampfdynamo-Maschinen den Gleichstrom für Dresdens Straßenbahnen erzeugten, befinden sich heute das Eingangsfoyer, der Kassenbereich, die Kleine und die Studiobühne. Von hier aus gehen die Besucher in den Saal der Staatsoperette mit 700 Plätzen und in den großen Saal des Theaters Junge Generation mit 350 Plätzen.

Verblüffend: „Das Bauunternehmen Züblin ist mit allem rechtzeitig fertig geworden“, sagt Lutz Hofmann. „Die Behörden haben sehr kooperativ mitgezogen. Wo in Deutschland baut die öffentliche Hand, und es werden Termine und Kosten weitgehend eingehalten?“ Weitgehend muss man sagen, denn es gab Überraschungen – wie bei jedem Altbau. So wurden etwa beim Ausheben der Baugrube alte, teuer zu entsorgende Fundamente entdeckt.

„Um den Finanzrahmen trotzdem einzuhalten, haben wir bei der Einrichtung seriös reduziert“, so Radicke, der zwischendurch arg geflucht hat. „Stets war die Prämisse, die Spielfähigkeit der Bühnen nicht einzuschränken.“ So gibt es beispielsweise keine neuen Möbel, die Lagerfläche für Kulissen wurde kleiner. Ob da tatsächlich die Dekorationen für alle Stücke des Spielplans aufbewahrt werden können, wird man sehen. Mit allen Kompromissen könnten sie leben. „Was wirklich schmerzt, ist, dass sich die Werkstätten nicht am Haus, sondern am alten Standort des Kindertheaters in Dresden-Cotta befinden, gut fünf Kilometer Luftlinie entfernt.“

Trotzdem: Erstaunliches ist gelungen. Ein großes, überwiegend denkmalgeschütztes Industrieareal wird allmählich zu einem Kulturquartier mit Museum, Diskothek, Musikschule, Kunsthalle und Arbeitsmöglichkeiten für andere Kreative. Und das Herzstück dieses Kulturkraftwerks sind die beiden Theater unter einem Dach.

Das Besondere: „Wir haben völlig andere Zielrichtungen und Spielarten, bieten aber so Theater für alle Generationen“, sagt Hofmann. „Wir sind ein Haus für ein Publikum quasi von zwei bis 102 Jahren. Wir bieten Puppentheater und Märchen, Kinder- und Jugenddrama ebenso wie Operette, Musical, Oper und die große Show.“

Deshalb war das Projekt ein stetiges Lernen für alle Beteiligten. Die Bauleute mussten beispielsweise verinnerlichen, dass ein Theater anders als andere Gebäude funktioniert. „Sie fielen vom Glauben ab, als wir darauf bestanden, dass die schönen hellen Sichtbetonwände des Bühnenhauses schwarz gestrichen werden sollten. Doch im Theater brauchen wir das Schwarz, damit darin alles verschwindet, was nicht im Bühnenlicht gesehen werden soll.“ Oder: Die Bauleute staunten über die gigantischen Seitenbühnentüren, durch die meterhohe Kulissen passen. Oder: Warum sollen die Spiegel im Ballettsaal höher sein, als ein Mensch groß ist? Ganz einfach: Weil Tänzerinnen auch mal gehoben werden.

Große Aufklärungsarbeit leisteten die Theaterleute auch, damit nicht ständig irgendwelche Haustechnik Transportwege blockiert oder einengt. Speziell die Bühnenarbeiter des Jugendtheaters werden künftig täglich bis zu sechs Kilometer mit Dekorationen unterwegs sein, um die drei Spielstätten für die Vorstellungen vorzubereiten. Doch auch die Theaterleute mussten sich erst aufeinander einstellen, weil eine Musikbühne andere Gesetzmäßigkeiten hat als eine Jugendbühne: andere Zeiten, anderes Publikum, andere Gewohnheiten, andere Abläufe. „Es ist wie in einer WG“, sagt Lutz Hofmann, es habe Vorteile, aber jeder müsse auf Besonderheiten des anderen Rücksicht nehmen. „So wird es interessant, wenn mal Vorstellungen für Schulklassen und Senioren zeitgleich stattfinden.“

Faktisch ist alles startklar: Die Bauleute erledigen letzte Handgriffe. Die Teams beider Häuser haben versucht, an alles zu denken. Die ersten Produktionen sind premierenreif. „Trotzdem werden wir erst im Alltag merken, was noch zu klären ist.“ So wie letzte Woche, als auffiel, dass es nicht einfach – wie vorher – nur ein Pausenklingeln geben kann. Woher weiß der Studiobesucher, dass es für ihn weitergeht, und woher der Operettenbesucher, dass er nicht gemeint ist? Die Experten tüfteln noch. Der Spielbetrieb läuft ja erst ab 17. Dezember.