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„Wer bin ich – ohne Fußball?“

Die frühere Jugend-Nationalspielerin Marie-Kristin von Carlsburg kehrt zu Fortuna Dresden zurück. Aber nicht wegen der Bolzerei.

© Ronald Bonß

Von Alexander Hiller

Sie nippt kurz an ihrer heißen Schokolade, dann huscht ihr ein breites, einnehmendes Lächeln übers Gesicht. Marie-Kristin von Carlsburg wirkt wie ein rundherum zufriedener Mensch. Dabei hat die 22-Jährige vor wenigen Monaten endgültig ihren Kindheitstraum begraben. Den von einer Fußballkarriere im nach wie vor überschaubaren Kosmos des deutschen Frauenfußballs. Die gebürtige Pirnaerin wollte in der 1. Bundesliga spielen, vielleicht damit sogar ein bisschen Geld verdienen.

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Nun spielt sie in der Rückrunde der Regionalliga Nordost für den 1. FFC Fortuna Dresden und muss sich ihre Brötchen anderweitig verdienen. Vor sieben Jahren zog eines der größten weiblichen Fußball-Talente des letzten Jahrzehnts nach Jena um, wollte sich im Nachwuchs der Thüringer entwickeln, irgendwann in den Kader des Erstligisten FF USV Jena aufrücken. „Ich war sieben Jahre in Jena, das war menschlich und fußballerisch eine unglaublich coole Zeit. Dafür bin ich unglaublich dankbar, vor allem Trainer Christian Kucharz“, sagt sie rückblickend. Sie hat auch in Thüringen ein Stück Geschichte geschrieben, erzielte am 25. August 2012 für Jena das erste Tor überhaupt in der neu gegründeten Bundesliga für B-Juniorinnen. Carlsburg bestritt zwei Länderspiele für die deutsche U-15-Auswahl. Die Karriere der Stürmerin schien vorgezeichnet.

Eine schwere Verletzung warf sie weit zurück, nordete ihren Lebenskompass völlig neu ein. Kreuz- und Außenbandriss – mit 16 Jahren. Erst ein Jahr später kehrte sie auf den Platz zurück, als Mensch mit einem anderen Blickwinkel. „Das war ein wichtiger Punkt in meinem Leben, vorher gab es nur Fußball. In diesem einen Jahr, bis ich wieder spielen konnte, habe ich gemerkt, worauf es wirklich ankommt. Meine Familie war sehr für mich da“, sagt die junge Frau.

Die findet als Fußballerin zur alten Stärke zurück, ist immer irgendwie auf dem Sprung in die 1. Mannschaft, der ihr letztendlich verwehrt bleibt. In der Jenaer Reserve häuft sie jedoch einen reichen Erfahrungsschatz an, 57 Regionalligapartien und 17 Zweitligaspiele bestreitet sie für Jena II und erzielt dabei insgesamt 35 Tore.

Doch die einstige Leidenschaft, die Opferbereitschaft, ihrem Sport alles unterordnen zu wollen, kehrt nie zurück. Das wird Marie-Kristin von Carlsburg schlagartig bewusst, als sie bei einem Kurzbesuch in Sachsen ihre jetzige Partnerin kennen- und lieben lernt. Das ist jetzt anderthalb Jahre her. Die beiden jungen Frauen führen ein Jahr lang eine Fernbeziehung. „Ich wusste, dass sich etwas ändern musste“, sagt sie. Fußball allein macht nicht glücklich. „Ich hätte sicher noch 2. Liga spielen können, aber ich hatte das Gefühl, allem nicht gerecht zu werden. Und das verstärkt die Sehnsucht nach dem, was einen glücklicher macht.“

Und das ist die Heimat und ihre Partnerin. Das fühlt sich einfach richtig an. Auch, weil von Carlsburg in einem behüteten Zuhause aufwuchs, in dem sie aus ihrer Zuneigung zum eigenen Geschlecht nie ein Geheimnis machen musste. „Für mich war das ein ganz normaler Prozess, ich musste da nicht mit mir ringen, es war nicht seltsam oder wurde so betrachtet. Meine Eltern waren bei allem sehr unterstützend. Wenn man den Platz bekommt, um zu sein, wer man ist, dann sollte man den auch nutzen“, sagt die Fußballerin.

Von Carlsburg bricht im September in Jena alle Verbindungen und das Studium für Kommunikationswissenschaft ab. An der TU Dresden bewirbt sie sich für Medienwissenschaft, doch bei der Onlinebewerbung gehen offenbar Daten verloren. Deshalb studiert die Dresdnerin vorerst nicht, jobbt dafür im Kaufland und hat sich bei der Polizei beworben.

Bis Dezember bewegt sie keinen Ball, dann meldet sie sich beim 1. FFC Fortuna an, jenem Verein, von dem aus sie die Fußballwelt erobern wollte. „Ich wollte für mich schauen, wie sehr das noch ein Teil von mir ist“, erklärt sie ihre Fußballpause. „Als ich aus Jena weg bin, hatte ich das Gefühl, ich verliere mich. Weil ich nicht wusste, wer ich ohne Fußball bin. Ich habe ja immer gespielt, seit ich sieben Jahre alt war“, erklärt sie. Die Selbstsuche bringt etwas. „Vielleicht musste ich das für mich erst entdecken. Jetzt weiß ich, wer ich bin, denke ich.“ Aber so ganz ohne Fußball geht es dann doch nicht. „Ich kann ohne Fußball mittlerweile glücklich sein, gehe drei- bis viermal in der Woche laufen und mache Krafteinheiten zwischendrin. Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl, da bin ich nur für mich verantwortlich“, sagt die schlanke junge Frau.

Mit einem gewissen Leistungsanspruch hat sie sich dennoch bei ihrem Ex-Verein wieder angemeldet. „Ich hätte es mir bei einem unterklassigen Verein einfacher machen können, aber meine Mitspielerinnen hätten es dann nicht so leicht mit mir gehabt“, erklärt sie lachend. „Ich bin sehr ehrgeizig, und wenn ich Fußball spiele, will ich den Ball auch so zurückbekommen, wie ich das erwarte“, stellt die Angreiferin klar, die sich deshalb hin und wieder für eine eher „unangenehme Mitspielerin“ hält. „Fehler sind normal, die machen wir alle. Das muss man akzeptieren, aber da muss man das richtige Maß finden. Ich denke, dass man das bei Fortuna ganz gut verlangen kann“, betont die frühere Jugend-Nationalspielerin.

Bei ihren Ansprüchen sind nicht nur Ergebnisse wichtig: „Ich will eine gute Kommunikation und ein Miteinander als Team, das ist wichtig. Aber ich möchte auch Spaß haben, das darf man nicht vergessen. Wir machen das ja freiwillig.“