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„Wer die Stadt liebt, der hilft eben, wo er kann“

Ein Posting und sie sind da, die über soziale Netzwerke gerufenen Helfer. Das Hochwasser offenbart eine neue Facette moderner Kommunikation und vernetzt hilfsbereite „Flutbürger“.

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© dpa

Von Marco Henkel

Es ist Donnerstag gegen 9 Uhr, als auf der Facebook-Seite der „Fluthilfe Dresden“ Alarm geschlagen wird: „Leipziger Straße braucht dringend Helfer und Sandsäcke – Dammbruch befürchtet.“ Wenige Minuten später die ersten Reaktionen: „Bin unterwegs“, „Ich komme auch“, „Eine Schulklasse mit 15 Personen hat Freistellung vom Betrieb bekommen und kommt zur Hilfe“. Tausende weitere ebenso.

Schneller geht´s kaum: Organisation der Hilfe bei Facebook.Foto: SZ/Screenshots
Schneller geht´s kaum: Organisation der Hilfe bei Facebook.Foto: SZ/Screenshots

Wenige Stunden hat sich die Situation auf einer der Hauptverkehrsadern Dresdens spürbar entspannt. Auf Facebook postet unterdessen jemand: „Hier werden keine Sandsäcke und keine Helfer gebraucht! Hier ist alles sicher! Offizielle Info von dem THW! Danke an alle Helfer!“ Es ist Mittagszeit. Die Sonne brennt vom Himmel. Ein asiatisches Restaurant verteilt gebratene Nudeln, eine Fleischerei hat den Grill angeschmissen. Wüsste man nicht, dass die braune Brühe, die nur vereinzelt in dünnen Rinnsalen auf den Gehweg fließt, auf der anderen Seite der Barriere meterhoch steht, man könnte meinen, man sei auf einem Volksfest gelandet. Es ist genau diese Stimmung, die der 15-jährigen Lena so gefällt. „Ich bin stolz auf den Zusammenhalt untereinander,“ sagt sie.

Am Alexander-Puschkin-Platz regeln Polizisten den Verkehr. „Wollen Sie eine Tomate“, ruft ihnen eine junge Studentin quer über die Straße zu. „Oder ein belegtes Brötchen?“, schreit ihr Begleiter, der eine ganze Schubkarre voll davon vor sich herschiebt, hinterher. Der Polizist lächelt: „Gebt´s lieber euren Leuten, die sind so fleißig.“ Das waren sie tatsächlich. Fast zwei Meter hoch türmen sich die Sandsäcke etwa anderthalb Kilometer die Straße entlang. Es sind zehn-, vielleicht hunderttausend, die die Freiwilligen, wie der Student Nico, hier in den letzten Tagen von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht verbaut haben. Dabei wäre der 21-Jährige eigentlich gerade in Zürich. Am Montag war er dorthin mit einigen Kommilitonen und seinem Professor zu einer einwöchigen Exkursion aufgebrochen. Dienstag ein Anruf. Alle sollen zurückkommen. Aufbruch um 0.30 Uhr in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Gegen 13 Uhr kamen sie in Dresden an. Um 16 Uhr stand Nico in Badehose auf der Leipziger Straße – bis nachts um halb 12. „Wer die Stadt liebt, der hilft eben, wo er kann“, sagt er bescheiden.

An der Moritzburger Straße verkündet ein Mann per Megaphon: „Esst, trinkt, feiert. Ihr habt das Gröbste überstanden, ihr Retter von Pieschen.“ Jubel und Applaus branden auf. „Der Scheitelpunkt ist erreicht. Das Wasser fließt ab. Es kommen keine Sandsäcke mehr.“ Wieder Jubel.

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Zwar hat der Pegel in der sächsischen Landeshauptstadt mit 8,76 Meter in diesen Stunden tatsächlich seinen Höchststand erreicht, doch es wird noch Tage dauern, bis sich die Fluten vollständig zurückgezogen haben. So lange wird das Hochwasser weiter gegen die Deiche drücken, sie aufweichen und drohen, die Straße zu überschwemmen. Doch nun geht es erst einmal darum, dafür zu sorgen, dass übermütig gewordene Helfer oder Gaffer die harte Arbeit der letzten Tage nicht wieder zunichtemachen. Vorsichtshalber positionieren sich Polizisten vor den Barrikaden.

Die Helfer wirken indes zufrieden und auch etwas stolz. Einige holen Bierflaschen aus ihren Rucksäcken und stoßen an. Andere zücken ihre Handys, schauen, wo gerade dringender Hilfe benötigt wird, und machen sich kurz darauf in Gummistiefeln und mit Schaufeln bewaffnet auf den Weg. „Stimmt, mehr können sie hier nicht tun“, sagt ein älterer Mann, der das Geschehen auf der anderen Straßenseite verfolgt hat, anerkennend zu seiner Frau.

Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Ein Laster hat auf einem Parkplatz doch noch eine neue Lieferung Sand abgekippt. Sofort fallen Freiwillige wie Ameisen über ihn her. In Windeseile bilden sich mehrere Menschenketten. Ein Pritschenwagen kommt herbeigefahren. Im Nu ist er vollgeladen. Die restlichen Sandsäcke werden als Reserve auf einen Haufen geworfen.

Die wird schneller gebraucht als erwartet. An einigen Stellen sprudeln die Rinnsale schon wieder etwas kräftiger. Doch viel Hände ersticken die Gefahr schnell wieder im Keim. Das kann jetzt noch Tage so weitergehen. Doch die Retter von Pieschen sind bereit.