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„Wer drei Stücke beherrscht, ist dabei“

Der Spielmannszug Freital fährt zum zehnten Mal nach Mainz zum Rosenmontagsumzug. Der Verein selbst hat bald 50-Jähriges.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Stephan Klingbeil

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Freital. Die Trommler geben den Takt vor, die Flöten folgen, einige Minuten lang hallt das beschwingte neapolitanische Lied „Funiculi Funicula“ durch die Gänge der Lessingschule in Freital-Potschappel. Dann setzen die Musikanten vom Spielmannszug Freital ab. Kurze Pause, ehe es weiter geht. Die Stücke müssen sitzen. Auch beim Laufen, wie etwa am nächsten Sonntag. Dann steht in Freital wieder die Karnevalsparade auf der Dresdner Straße an. Damit es harmoniert, muss geübt werden. Jeden Mittwoch trifft sich der Verein mit 63 Mitgliedern dazu abends in der Lessingschule. Erst die Kinder und jüngeren Jugendlichen, dann die Über-16-Jährigen und Junggebliebenen. Hier musiziert die Friseurin mit der Staatsanwältin, der Computerspezialist und die Verkäuferin. Einige sind schon seit ihrer Grundschulzeit im Verein. Es herrscht familiäre Atmosphäre.

Vereinschefin Helga Heerwig begleitet das wöchentliche Orchesterspiel. Die im Verkauf der BGH Edelstahlwerke tätige Freitalerin ist von Beginn an dabei. Ursprünglich war es ein Mädchenspielmannszug, eine Sparte der früheren Betriebssportgemeinschaft Blau-Weiß Stahl Freital.

1968 wurden Schülerinnen gesucht, die bei der internationalen Ostseewoche musizieren. „Da gab es einen Aufruf“, erinnert sich die 63-Jährige. Als Ersatz für das Blasorchester der Dänen-Mädchen, die dort nicht mehr auftraten. In Freital und Quedlinburg wurden Mädchen-Spielmannszüge gegründet, die beim Turn- und Sportfest der DDR in Leipzig spielten. Sie waren bei den Weltfestspielen in Berlin – und auch mal bei der Angel-WM in Cottbus. Ihre ersten Trainer seien Rentner aus Wurgwitz gewesen.

Helga Heerwig war lange Stabführerin des Zugs, auch Tambourmajor genannt. Die geben nicht nur den Takt vor, sondern auch den Ablauf, wer wann sein Instrument aufnimmt und losmarschiert. „Es kann ja nicht jeder machen, was er will.“ Sie schmunzelt. „Wer drei Stücke beherrscht, ist dabei“, sagt sie. „Ein gewisses Repertoire sollte man drauf haben, wir sind nicht nur paar Minuten unterwegs.“

Gespielt werden nicht nur Märsche, sondern auch modernere Lieder wie zuletzt „Westerland“ oder „Schundersong“ von der Band „Die Ärzte“. Ehe es so weit ist, und man für die Auftritte gewappnet ist, kann mehr als ein halbes Jahr vergehen. Ehrenamtliche Vereinsmitglieder bringen Neulingen das Notenlesen bei und zeigen, wie man die Instrumente spielt.

„Wir machen auch viel zusammen.“ Es gibt neben Auftritten auch Trainingslager, wie gerade am Wochenende mit den Kindern in Grillenburg. Vor den Landesmeisterschaften, bei dem sich der kleine Spielmannszug seit Jahren im guten Mittelfeld hält, finden Extraproben statt.

Nach dem Umzug in Freital wartet schon der nächste Höhepunkt für den Spielmannszug. Dann geht es nach Mainz. Zum zehnten Mal sind sie dort beim Rosenmontagsumzug dabei. Dort laufen sie bei der Garde „Die Wallensteiner“ mit. „Die hatten uns 2007 im Internet gefunden und riefen an, sie suchten einen kleinen Spielmannszug“, erzählt Helga Heerwig. „Da haben wir zugesagt. Nur voriges Jahr wollten unsere Mädels nicht mehr. Als sie aber den Umzug im Fernsehen sahen, hat es wieder gekribbelt. Jetzt fahren wir wieder hin.“

Zum 50-jährigen Bestehen, im Mai 1969 wurde der Spielmannszug gegründet, soll es neue Uniformen geben. Die jetzigen sind oft nur Flickwerk. 30 000 Euro für 30 Uniformen werden benötigt. Zu viel Geld, um das allein zu stemmen. So setzt der Verein auch auf das Crowdfunding-Programm „99 Funken“, bei dem viele Spender mit kleinen Beträgen Projekte unterstützen.

www.99funken.de/spielmannszug-freital