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Wer ist Nino K.?

© Szene aus YouTube-Video

Der 30-Jährige soll Ende September den Anschlag auf eine Dresdner Moschee verübt haben. Im Sommer sprach er auf der Pegida-Bühne. Lutz Bachmann will mit ihm aber nichts zu tun haben.

Von Ulrich Wolf

Der junge Mann hat sich ganz tief hinabgelassen in die Welt der vermeintlichen Patrioten und Verschwörungstheoretiker. Zumindest auf Facebook. Für mehr als 100 Gruppierungen und Personen hat er den Daumen gehoben: Sämtliche Pegida-Ableger sind darunter, AfD-Kreisverbände, Identitäre, Anti-Islam- und Anti-Amerika-Bewegungen, Björn Höcke, Beatrix von Storch, Vladimir Putin, Lügenpresse, Compact, Nato-Austritt, Bürger in Wut, Widerstand Deutschland, Illuminaten 23, HC Strache, Norbert Hofer, Odins Wölfe, Nein zum Heim, Frauke Petry, German Defence League und Lutz Bachmann natürlich. Doch mit dem Pegida-Gründer hat der junge Mann nun Ärger.

Der Brandanschlag auf die Fatih Camii Moschee

Eine Frau verlässt die Fatih Camii Moschee durch den zerstörten Eingang.
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Nino K. ist sein Name. Der 30-Jährige soll Ende September die Sprengstoffanschläge auf die Fatih-Camii-Moschee in Dresden-Cotta und das Kongresszentrum in der sächsischen Landeshauptstadt verübt haben. Seit Freitag sitzt er in Untersuchungshaft, die Ermittler hatten ihn einen Tag zuvor auf einer Baustelle in Hessen festgenommen. Und Pegida-Chef Bachmann überschlägt sich auf Facebook nahezu damit, sich von dem Beschuldigten zu distanzieren.

Nicht ohne Grund. Es ist der 13. Juli 2015, Pegida hat sich auf dem Altmarkt versammelt, als Bachmann nach seinem Auftritt den nächsten Redner ankündigt: „Als Nächsten habe ich den Nino für euch. Wo ist er? (...) Da ist er, einen Riesenapplaus für unseren Nino.“ Dann betritt ein schlaksiger Typ die Bühne. Er wirkt unbedarft, wie ein Streber, ein Musterschüler, trägt Jeans, eine weiße Sweatshirt-Jacke, ein T-Shirt. Er stellt sich vor als Nino K., 29 Jahre, gebürtiger Dresdner, und er gehöre „laut Spiegel zum harten Kern von Pegida“. So zeigt es der Film, der auf der Videoplattform Youtube im Internet zu finden ist.

Acht Minuten lang zieht Nino vor allem über Bundeskanzlerin Angela Merkel her, gelegentlich verdeckt ein Plakat mit der Aufschrift „Keine Moschee in Leipzig und Dresden“ das Bild. Merkel lasse zu, dass „faule Afrikaner unsere Sozialkassen plündern“, ruft Nino ins Mikrofon. Er bezeichnet den Islam „als größte Massenvernichtungswaffe“ und warnt Merkel: „Wenn Sie wollen, dass es in Deutschland und in Europa zum Bürgerkrieg kommt, dann machen Sie nur so weiter. Aber dann gnade Ihnen Gott. Denn von uns werden Sie keine Gnade erhalten.“ Nach seiner Rede bekommt Nino Lob von höchster Pegida-Stelle. „Das waren starke und deutliche Worte. Vielen Dank dafür“, sagt Bachmann.

Die 180-Grad-Kehrtwende

Eineinhalb Jahre später hört sich das ganz anders an. Nun ist Nino für Bachmann ein „Pegida-Dresden-Hasser“, „eine Made“, „ein Kasper“. Er habe nur einmal bei Pegida seine Meinung geäußert über das „offene Bürgermikrofon“. Nino K. sei vermutlich eher ein Unterstützer seiner einstigen Weggefährtin und heutigen Intimfeindin Tatjana Festerling und von deren Bewegung „Festung Europa“ radikalisiert worden. Vielleicht aber sei Nino K. auch einfach nur „eingeschleust“ worden, um Pegida und dessen Organisationsteam zu schaden. Seine Bewegung distanziere sich jedenfalls „ganz klar und unmissverständlich von jeglicher Gewalt“. All das schreibt Bachmann Freitagvormittag in einem Post auf, der wenig später wieder gelöscht ist. Seine frühere Mitstreiterin, die ehemalige Dresdner Oberbürgermeister-Kandidatin Festerling, bezeichnet die Beschuldigungen Bachmanns als „Ablenkungsmanöver“, als „übliches Hass-Gehetze gegen mich.“ Sie kenne Nino K. „definitiv nicht“, sagt sie der SZ.

Entgegen seiner vielen Likes war Nino K. auf Facebook nicht auffallend vernetzt. Nur acht Personen standen in seiner Freundesliste. Nachdem die Bild-Zeitung am Freitagmorgen als erstes Medium den tatverdächtigen Bombenbauer als Pegida-Redner enttarnt hatte, kündigten ihm fünf der acht Personen sofort die virtuelle Freundschaft. Sein Profilbild zeigt ihn mit einer Deutschlandfahne vor der Altstadt-Silhouette an der Elbe. Auf dem ein halbes Jahr später von ihm veröffentlichten Foto im russischen Facebook-Pendant vk.com sieht Nino K. schon deutlich abgemergelter aus. Außerdem trägt er nun zwei schwere Ohrringe. Er lebt nahe seinem mutmaßlichen Anschlagsziel im Dresdner Stadtteil Cotta. Der MDR berichtet, der 30-Jährige sei von Nachbarn als „freundlich und unauffällig“ beschrieben worden. Auch Wolfgang Klein, Sprecher der sächsischen Generalstaatsanwaltschaft, spricht von einem „unauffälligen jungen Mann ohne Vorstrafen“. Die Ermittler hätten zehn Wochen lang gepuzzelt. Ein DNA-Abgleich habe schließlich zur Festnahme in Hessen geführt, wo Nino K. auf Montage war. Seitdem sitzt der Dresdner in Untersuchungshaft, hat nach SZ-Informationen noch kein Wort zu den Vorwürfen gegen ihn gesagt.

Beim Brandanschlag auf die Moschee hielten sich der Imam und seine Familie in dem Gebäude auf, sie blieben unverletzt. Der Iman zeigte sich im Gespräch mit Radio Dresden erleichtert über die Festnahme. Er und seine Familie lebten dennoch weiter in Angst. Er habe Drohbriefe erhalten, in denen zum Beispiel zu lesen sei: „Der beste Muslim ist ein toter Muslim.“