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Wer kämpft im Irak gegen wen?

Der Terrorgruppe Isis stellen sich nicht nur Schiiten entgegen. Es  steht mehr auf dem Spiel als ihre Macht.

Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent

Die Rauchsäulen waren noch in 50 Kilometer Entfernung zu sehen. Gestern tobten erbitterte Kämpfe um die größte irakische Ölraffinerie in Baidschi. Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) nahmen die Anlage rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad unter Beschuss. Die Regierungsarmee antwortete mit Luftangriffen. Kurz darauf nahmen die Terroristen die Anlage ein.

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Der Vormarsch der Isis-Kämpfer wäre undenkbar, hätten sie nicht wichtige Verbündete – vor allem alte Getreue von Saddam Hussein, sunnitische Milizen und Stammesführer. Sie eint ein gemeinsames Ziel: Sie wollen ein Ende der schiitischen Machtdominanz und den Sturz von Premier Nuri al-Maliki. Wer sind die wichtigsten Gruppen in dem Machtkampf, der in einem Zerfall des Landes enden könnte?  

Die Angreifer

Der Terrortruppe Isis gehören etwa 3 000 bis 5 000 Kämpfer an; die Mehrheit von ihnen sind Iraker. Die Miliz ist straff organisiert, ihre islamistische Scharia-Ideologie ist noch extremer als bei al-Qaida. Die finanziellen Mittel stammen überwiegend aus Kreisen reicher Bürger in Saudi-Arabien, Katar und Kuwait. Isis kontrolliert zudem Ölquellen im Osten Syriens, deren Förderung sie teilweise an das Assad-Regime verkauft. Im Irak werden die Gotteskrieger unterstützt von sunnitischen Stämmen und Guerillagruppen, die gegen die US-Besatzer gekämpft haben. Wichtigster Stratege der ehemaligen Saddam-Gefolgsleute ist Izzet Ibrahim al-Duri, einer der wenigen aus der Führungscrew des Diktators, den die US-Armee niemals fassen konnte.

Die Verteidiger

Zur schiitischen Allianz gehören die Kataibe-Brigade, die Assaub-Brigade, die Imam al-Sadr-Brigade sowie die Mahdi-Armee, deren Kämpfer in der Regel im Iran in Ausbildungslagern der Revolutionären Garden trainiert wurden. Einzig die Mahdi-Armee wurde nach Ende des irakischen Bürgerkriegs offiziell aufgelöst, nachdem Nuri al-Maliki sie 2008 in einem Feldzug von der irakischen Armee niederwerfen ließ. Die übrigen drei Verbände verfügen momentan jeweils über 2 500 bis 3 000 Mann, die allerdings ausgezeichnet bewaffnet sind. Tausende weiterer Kämpfer sind in Syrien an der Seite von Bashar al-Assad im Einsatz. Hinzu kommen Zehntausende Freiwillige, die jedoch wenig Kampferfahrung haben. 

Die Profiteure

Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer haben die Grenzkontrollen zwischen dem halbautonomen Nordirak und dem übrigen irakischen Staatsgebiet erheblich verstärkt. Ihre Streitmacht umfasst mehr als 100 000 Mann. Teilverbände rückten unmittelbar nach Beginn der Isis-Offensive in die Stadt Kirkuk ein, wo die viertgrößten Ölfelder Iraks liegen, auf die die Kurden seit Langem Anspruch erheben. Die Krise hat die Kurden quasi über Nacht zu den neuen Herren der umstrittenen Stadt gemacht. Die irakische Armee ist abgezogen.

Die Überforderten

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Die irakischen Streitkräfte bestehen aus 14 Divisionen mit 270 000 Mann unter Waffen, von denen vier Divisionen in den ersten Tagen der Offensive komplett zusammengebrochen sind. In diesen Einheiten dienten viele Sunniten und Kurden, die keinerlei Neigung hatten, ihr Leben für die verhasste Regierung von Nuri al-Maliki zu riskieren. Umgekehrt waren schiitische Soldaten wenig motiviert, für die Verteidigung überwiegend sunnitischer Städte wie Mossul oder Tikrit zu kämpfen. Die irakische Armee ist modern ausgerüstet und wurde jahrelang von US-Ausbildern trainiert. Für die morsche Struktur und schwache Moral sind die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten verantwortlich, aber auch inkompetente Führungskräfte, Korruption, mangelnde Disziplin und schlampige Wartung des Geräts. (mit dpa)