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Wer länger sitzt, ist früher tot

Werden Sie wieder zum Stehaufmenschen. Das tut nicht nur der Gesundheit gut, sagt SZ-Kolumnistin Beate Hofmann.

Beate Hofmann ist Sachbuchautorin und Resilienzcoach aus Radebeul. Sie schreibt regelmäßig für die SZ die Kolumne "Rauszeit". © SZ

Wie lange haben Sie heute schon gesessen? Vermutlich ganz schön lange, wenn Sie genau nachdenken. Knapp acht Stunden Lebenszeit verbringen die Deutschen täglich sitzend, so der Gesundheitsreport der DKV für 2018.

Mittlerweile gehört das Sitzen schon so in unseren Alltag, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Wir sitzen im Bus, in der Bahn und im Auto. Diejenigen, die im Büro arbeiten, lassen sich zügig auf dem Bürostuhl nieder, vergraben sich in Akten, schauen auf den Bildschirm, telefonieren im Sitzen und und stehen nur auf, um sich in die nächste Sitzung zu begeben. In der Mittagspause gehen wir in die Kantine, um mit den Kollegen am Tisch zu sitzen. Und wenn wir am Abend endlich in den eigenen vier Wänden sind, sinken die meisten erleichtert oder erschöpft in den Sessel. Füße hoch, Fernseher oder Laptop an und eintauchen in andere Welten.

Statistisch gesehen steigt die Dauer, in der die Deutschen ihr Leben sitzend verbringen, immer weiter an. Dabei fällt auf, dass Menschen ab 66 zwar zwei Stunden kürzer täglich sitzen als Jüngere, dafür aber die längste Zeit vor dem Fernseher verweilen. Jüngere Menschen sitzen insgesamt deutlich länger, allerdings in Schule, Uni oder auf Arbeit. Sitzen scheint luxuriös im Vergleich zu anstrengender körperlicher Arbeit, ist genau betrachtet jedoch ziemlich verheerend. Denn dieser Bewegungsmangel erhöht das Risiko, an Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Osteoporose, Depression, Übergewicht und Diabetes Typ 2 zu erkranken. 

Gesundheitskiller Sitzen. © dpa/J. Wolf

Gleichzeitig sinken körperliche Leistungsfähigkeit und Knochendichte. Sogar die Sterblichkeit erhöht sich nachweisbar durch langes Sitzen. Plakativ auf den Punkt gebracht heißt das, wer länger sitzt, ist früher tot. Früher dachte man, 30 Minuten Bewegung an fünf Tagen die Woche oder ein Besuch im Fitnesscenter gleichen das aus. Ich war überrascht von Gesundheitswissenschaftlern der TU München zu hören, dass das Sitzen inzwischen generell als Gesundheitskiller eingestuft wird, der mit einer einzelnen Aktion schwer auszugleichen ist. Was also tun?

Wir dürfen uns wieder zu Stehaufmenschen entwickeln. Es sind die vielen kleinen Bewegungen und kurzen Pausen, deren Wert ganz neu in den Blick gerät. Viele kleine Schritte sind wirksamer als ein großer Sprung, denn sie bewirken in der Summe eine Haltungsänderung. Nach 90 Minuten aufstehen, ans Fenster treten und den Blick mal in die Weite richten. Mal eben das Gesicht in die Sonne halten, sich erinnern, dass diese Lichtdusche unsere Wohlfühlhormone ankurbelt. Oder der altbekannte Trick: früher aussteigen und eine Station bewusst nach Hause laufen, das Tempo rausnehmen, schlendern und die ersten Krokusse dabei entdecken.

Stehaufmenschen, die sich mehr und vor allem in der Natur bewegen, werden noch etwas bemerken. Sie können sich leichter konzentrieren, sie nehmen sich Ärgerliches nicht mehr so sehr zu Herzen und sie finden zurück zu ihrer Lebensfreude. Vor allem aber sind sie in der Lage, ihren seelischen Haushalt mit Leichtigkeit zu bewältigen. Probleme werden schneller gelöst, Frust wird bewältigt statt ihn mit sich herum zu tragen. Solche Erkenntnisse haben beispielsweise in Dänemark dazu geführt, dass es die „Udeskole“, ein skandinavisches Konzept von Draußenschule, in 18 Prozent der öffentlichen Schulen bereits gibt. Ein Tag Unterricht im Freien, in Park oder Waldumgebung bewirkt, dass die Schüler mehr Lust auf Lernen haben, motivierter und konzentrierter bei der Sache sind und ganz nebenbei noch etwas für ihre Gesundheit tun.

Am 12. März 2019, 18.30 Uhr, können Sie Beate Hofmann live beim Leserforum erleben: „Einfach raus! So multiplizieren Sie Lebensglück & Leistungskraft“ heißt die Veranstaltung mit ihr im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20. Karten für 13 Euro, mit SZ-Card 10 Euro in allen SZ-Treffpunkten. Verbindliche Voranmeldung auch per Mail.