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Feuilleton

Kultur ist mehr als große Oper

Jetzt wird’s ernst: Sachsen kämpft dreifach um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 – gegen ehrgeizige Konkurrenz.

Hochkultur und Straßenprotest – Dresden sei „exemplarisch“ für Europa, heißt es in der Bewerbung der Stadt.
Hochkultur und Straßenprotest – Dresden sei „exemplarisch“ für Europa, heißt es in der Bewerbung der Stadt. © Ronald Bonß

Ausnahmsweise ist Ostdeutschland mal überrepräsentiert. Acht deutsche Städte wollen europäische Kulturhauptstadt 2025 werden. Um den Titel bewerben sich Chemnitz, Dresden, Gera, Hannover, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg und Zittau. Damit kommen fünf von acht Städten aus einem ostdeutschen Bundesland, davon drei aus Sachsen. „Ich bin froh, dass wir aus vielen Landstrichen Deutschlands Städte dabei haben“, sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD), derzeit Vorsitzender der Kulturministerkonferenz, bei der Präsentation aller Städte in Berlin nach Ablauf der Bewerbungsfrist am Dienstag. Auch die ostdeutschen Bewerber seien sehr unterschiedlich.

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Deutschland darf im Jahr 2025 neben Slowenien eine der beiden Kulturhauptstädte Europas stellen. Im Dezember trifft eine Jury eine Vorauswahl, im Herbst 2020 sollen dann die Titelträger feststehen. Die letzte europäische Kulturhauptstadt aus Deutschland war Essen mit dem Ruhrgebiet (2010). Ausgezeichnet wurden auch schon Weimar (1999) und West-Berlin (1988). Für dieses Jahr wurden das italienische Matera und das bulgarische Plowdiw ausgewählt.

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Mehrere Bewerberstädte warfen bei ihrer Präsentation die Frage auf, wie Gesellschaften zueinanderfinden. Dresden beschäftigt sich mit der Frage nach einer „neuen Heimat“. Dass die Stadt um die eigene Geschichte ringe und das friedliche Zusammenleben „so zerbrechlich“ erscheine, stehe für Entwicklungen, die in ganz Europa zu beobachten seien, sagte Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, Chefin der Dresdner Backhaus GmbH. Ihre Stadt sei deshalb „exemplarisch“ für Europa. Sie trat in traditioneller Bäckerkleidung ans Podest, um ein Zeichen zu setzen: „Es geht auch darum, dass Heimat nicht von einigen bestimmt werden darf“, sagte sie.

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) betonte, gesellschaftliche Konflikte, Provokationen, Grenzüberschreitungen und Gewalt seien ein Thema in vielen Städten Europas. Dazu zeigte sie Bilder von Ausschreitungen in ihrer Stadt und von Protesten der Gelbwesten in Paris. Zugleich hob sie hervor, dass Chemnitz immer von Veränderungen geprägt gewesen sei: „Das sächsische Manchester von einst gibt Machern neue Ideen.“

Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker verwies auf die „enorme Symbolkraft“ des Dreiländerecks, das historisch und geografisch genau die Entwicklungen spiegele, die Europa bis heute ausmachen: Krieg, Vertreibung, Versöhnung, Eiserner Vorhang, offene Grenzen. Die Region sei ein „ungeschminkter Spiegel“ der europäischen Realität, die auch Probleme mit sich bringe. „Wir leben damit“, sagte Zenker. Und er wies noch einmal darauf hin, dass die Zittauer Bewerbung von einer „überragenden Zustimmung“ durch den Bürgerentscheid dieses Jahr getragen werde: Etwa drei Viertel der Wähler haben im Juni Ja gesagt zur Bewerbung.

Auch die anderen Städte präsentierten sich ambitioniert. Hannover ließ seine Bewerbung auf Englisch von der Britin Hannah Gibson vorstellen, die ihre Sorge vor dem Brexit ausdrückte. Nürnberg fragte nach dem eigenen Bild: Denke man bei Nürnberg an Lebkuchen und Dürer? Oder an den Reichsparteitag der Nationalsozialisten? „Vielleicht fällt Ihnen zu Nürnberg aber auch gar nichts ein“, sagte der Leiter des Bewerbungsbüros, Hans-Joachim Wagner. Nürnberg will eine „neue Idee“ der Stadt entwickeln.

Auch das niedersächsische Hildesheim bewirbt sich. „Sie wissen es – und wir wissen es auch: Wir sind Provinz“, sagte der Leiter des dortigen Bewerbungsbüros, Thomas Harling. Das sei aber auch gut so. Mit launigen Wortspielen wie „Feldkulturerbe“ und „progressive Provinz“ versuchte er zu punkten. (SZ/mk mit dpa)

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