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Westerwelles Stimmen-Einmaleins

Wochenendbetrachtung

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Von Erich Böhme

Guido Westerwelle schwebt seit letztem Wochenende über den Wolken, wo die Freiheit – nach der Erfahrung von Reinhard Mey – wohl grenzlos sein muss. Der FDP-Parteitag hat seinen Vorsitzenden mit der an realsozialistische Parteitage erinnernden Mehrheit von 95,6 Prozent wiedergewählt.

Der so Hofierte verdankt dieses Traumergebnis einer rhetorischen Dreisatzregel: Wer in Deutschland die Große Koalition satthabe – und wer habe das nicht? –, der dürfe bei den Bundestagswahlen im September auf keinen Fall eine der beiden Parteien wählen. Wähle er dagegen die Freidemokraten, befreie er sich aus der Riesenklammer. Für den Fall, dass eine Koalition mit der CDU nicht ausreichen sollte, lässt der Schlaumeier ein Votum zugunsten einer Ampelkoalition mit jedweder anderen Partei (außer der Linken natürlich) bis zum Entscheidungstag offen.

Der geneigte Wähler ist nach dieser Rechnung also immer dabei: Und als Zubrot kann er zusätzlich eine Steuersenkung kassieren – mittelstandsfreundlich, versteht sich. Denn die Freidemokraten, so Westerwelle, gingen nur ein Bündnis mit einem Partner ein, der eine Senkung der Abgaben garantiere, wo immer das Netto-Plus aus dem absehbaren Brutto-Minus auch herkommen mag. Stimmentrunken honorierte der Parteitag Westerwelles Stimmen-Einmaleins.

Die Delegierten belohnten zugleich eine verdeckte Westerwelle-Kalkulation auf eigene Rechnung. Geht seine Spekulation auf, dann wird er nach Jahren persönlicher Erfolgs-Dürre endlich das, was er sich erträumt: Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, ein Job, der vor ihm den Freidemokraten Blücher, Mende, Scheel, Genscher, Möllemann und Kinkel in den Schoß gefallen war.

Und Westerwelle will mehr. Zwei vorgeschickte „Bild“-Redakteure lassen das schon vorab wissen. Der FDP-Vorsitzende ist gar nicht so sehr am Chefposten im Außenamt interessiert, der außer Ärger wenig Meriten verspricht. Der auf seine Steuerpläne fixierte Liberale möchte Superminister für Wirtschaft und Finanzen werden wie die einst übermächtigen Sozialdemokraten Karl Schiller und Helmut Schmidt. Käme es, wie abzusehen, endlich zum Wiederaufschwung der Wirtschaft, dann könnte sich Westerwelle zum Heiland der sozialen Marktwirtschaft aufschwingen.

Die Machtspielen nicht abgeneigte Angela Merkel hat den Schlachtplan ihres Lieblingspartners und Duz-Kameraden offensichtlich längst gerochen. Hat doch die Kanzlerin inzwischen bei sich eine leichte Neigung zu niedrigeren Abgaben für den Mittelstand entdeckt. Und wie lange Steinmeier dann noch beim Steuersenkungs-Nein bleibt, ist abzusehen. Dann empfiehlt sich für den Überflieger Westwerwelle, den Fallschirm bereitzuhalten.