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Zweimal an einem Tag abgesoffen

Der heftige Regen hat in der Region Löbau-Zittau zu Hochwasser-Alarm, überfluteten Straßen und Kellern geführt. Ein Vor-Ort-Bericht aus Eckartsberg.

Am ehemaligen Konsum-Markt in Eckartsberg flutet der sonst beschauliche Ochsengraben Straßen und Grundstücke.
Am ehemaligen Konsum-Markt in Eckartsberg flutet der sonst beschauliche Ochsengraben Straßen und Grundstücke. ©  privat

Nicht schon wieder! Gerade erst haben Hans-Jürgen Espig, seine Frau und die drei zur Hilfe geeilten Söhne die Folgen des ersten Hochwassers auf dem Grundstück an der Geschwister-Scholl-Straße in Eckartsberg beseitigt, als das am Abend noch einmal zurückkommt. Das Schlimmste sei der Schlamm, sagt der 66-Jährige, der mit Sandsäcken versucht die braune, stinkende Brühe am Zaun aufzuhalten. Wenn der sich erst einmal festsetze, könne er nur noch schwer entfernt werden. Doch die Arbeit scheint zunächst aussichtslos.

Die heftigen Regenschauer an diesem Sonnabendnachmittag haben die Pegel von Bächen und Flüssen im südlichen Landkreis Görlitz in kurzer Zeit steigen lassen. Nach Auskunft des Landeshochwasserzentrums überschritt beispielsweise die Neiße in Zittau gegen 22.30 Uhr die Alarmstufe 4. Der Wasserstand lag da bei 3,26 Meter und damit drei- bis viermal so hoch wie normal. Das Oderwitzer Landwasser und die Pließnitz in Rennersdorf erreichten kurze Zeit Alarmstufe 1, das Löbauer Wasser bei Großschweidnitz sogar die 2. Erst in der Nacht zum Sonntag sollten die Pegel wieder signifikant fallen.

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Verletzte gab es keine. Nur mehrere Straßen in der Region Löbau-Zittau standen am Sonnabend teilweise unter Wasser und mussten gesperrt werden. In Neugersdorf rückte die Feuerwehr aus, weil durch das Unwetter ein Baum an der Umgehungsstraße umfiel und die gesamte Fahrbahn blockierte. Mit Unterstützung der Rumburger Kameraden konnte die Einsatzstelle schnell beräumt werden.

In Eckartsberg und anderswo war die Feuerwehr mit Keller auspumpen, Sandsäcke verteilen und stapeln sowie dem Freiräumen von Gullys beschäftigt, der Bauhof mit dem Abtransport des Angespülten. "Sie haben gute Arbeit geleistet", sagt Hans-Jürgen Espig, dem beide ebenfalls halfen. Das erste Mal am Nachmittag, als der sonst beschaulich den Hang hinunterplätschernde Ochsengraben sich binnen weniger Minuten zu einem mitreißenden Fluss verwandelte, mehrere Gärten flutete, vor seinem Grundstück auf die Alte Gasse, Geschwister-Scholl-Straße und schließlich in den Eckartsbach lief. Am späten Abend erneut.

Das Problem dabei: Unbekannte laden laut Hans-Jürgen Espig immer wieder ihren Müll in einem privaten Wald ab, der weiter oberhalb am Hang liegt. Glasflaschen, Blech, Holz - alles wird bei jedem stärkeren Regen mit nach unten gespült und setzt sich vor oder im Rohr unter seinem Grundstück ab, von wo aus das Wasser bis in den Eckartsbach laufen soll. Zumindest theoretisch, praktisch schafft es das in solchen Fällen nicht mehr.

Ab dem Grundstück der Familie Espig an der Geschwister-Scholl-Straße in Eckartsberg verläuft der Ochsengraben bis zum Eckartsbach unterirdisch.
Ab dem Grundstück der Familie Espig an der Geschwister-Scholl-Straße in Eckartsberg verläuft der Ochsengraben bis zum Eckartsbach unterirdisch. © Thomas Christmann
Doch an diesem Sonnabend kann das Rohr die Wassermassen nicht aufnehmen, weswegen diese auf die Straße laufen und dabei auch andere Gärten fluten.
Doch an diesem Sonnabend kann das Rohr die Wassermassen nicht aufnehmen, weswegen diese auf die Straße laufen und dabei auch andere Gärten fluten. © Thomas Christmann
Das Wasser schwemmt allerlei Müll mit an.
Das Wasser schwemmt allerlei Müll mit an. © Thomas Christmann
Mit Sandsäcken versucht die Familie das Grundstück am Abend vor der braunen Brühe zu schützen.
Mit Sandsäcken versucht die Familie das Grundstück am Abend vor der braunen Brühe zu schützen. © Thomas Christmann
Die Kameraden der Eckartsberger Feuerwehr stapeln weitere auf der Geschwister-Scholl-Straße.
Die Kameraden der Eckartsberger Feuerwehr stapeln weitere auf der Geschwister-Scholl-Straße. © Thomas Christmann
Damit kann das Wasser nicht weiter vorwärts dringen und in den Eckartsbach abfließen.
Damit kann das Wasser nicht weiter vorwärts dringen und in den Eckartsbach abfließen. © Thomas Christmann

Die Kameraden unterstützten die Familie deshalb nicht nur mit Sandsäcken, sondern versuchten auch das Rohr freizubekommen - vergebens. "Hier muss etwas passieren", sagt der Eigentümer. Schließlich ist das Grundstück seit 2007 bereits nun zum dritten Mal abgesoffen. Solange schon leben Espigs in dem Haus, das durch das hohe Fundament vom Hochwasser bisher verschont blieb. Darin befand sich bis zur Wende der Dorfkonsum, danach jahrelang ein Baumarkt. Nachdem der Pleite ging, haben der folgende Eigentümer und schließlich Espigs die Räume für Wohnzwecke umgebaut.

Ursprünglich zogen die Zittauer wegen der ruhigen Lage nach Eckartsberg. "Wenn wir damals gewusst hätten, was auf uns zu kommt, hätten wir das Haus nicht gekauft", sagt der 66-Jährige angesichts der Hochwasser-Lage. Dabei stehe der Eckartsbach bei Versicherungen gar nicht auf der "roten Liste" als potentieller Überschwemmungskandidat, berichtet er. Und während bei den letzten Malen fast ausschließlich das Grundstück der Espigs von der Flut betroffen war, mussten nun auch die Gärten der gegenüberliegenden Nachbarn mit dran glauben. Wie sie ihm erzählten, sei das bisher noch nie so schlimm gewesen.

Hans-Jürgen Espig sieht beim Thema Hochwasserschutz nun vornehmlich die Gemeinde Mittelherwigsdorf in der Pflicht. Zu aller erst müsste nach seiner Ansicht mal mit einer Kamera durch das Rohr gefahren werden, um die Ursache für die Verstopfung zu finden. Der 66-Jährige vermutet dahinter größere Steine. Es hätte manchmal darin gerumpelt, ein dumpfes Geräusch gegeben, berichtet er. Auch an diesem Sonnabend wieder. Zudem sei das Rohr zu vergrößern, um in Ernstfall die Wassermassen bewältigen zu können, erklärt der Eigentümer. Für die Arbeiten opfere er auch gern seine Hecke, die darüber entlang verlaufe. Was den Wald angehe, dort könnte vielleicht ein Zaun Abhilfe schaffen - sollten die Verursacher nicht ausfindig gemacht werden.

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Doch erst einmal steht Espigs eine unruhige Nacht bevor. Inzwischen habe er mehr Wasser in den Gummistiefeln als auf dem Grundstück, sagt der Eigentümer nach der zweiten Reinigungsaktion. Eine dritte könnte folgen. Und wenn nicht: Der Güllegestank werde in jedem Fall noch Tage anhalten.

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