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"Es gibt keinen Vollschutz vor Hochwasser"

Der Kreis Bautzen ist auf Starkregen-Ereignisse gut vorbereitet, findet Landrats-Vize Birgit Weber. Sie nimmt aber auch die Bürger in die Pflicht.

Beim Hochwasser am 17. Juli trat in Neukirch/Lausitz die Wesenitz über die Ufer, das Wasser überflutete auch Grundstücke am Dammweg.
Beim Hochwasser am 17. Juli trat in Neukirch/Lausitz die Wesenitz über die Ufer, das Wasser überflutete auch Grundstücke am Dammweg. © privat/Andreas Hultsch

Bautzen. Birgit Weber, Beigeordnete des Bautzener Landrats, ist Expertin für den vorbeugenden Schutz vor Überschwemmungen. Das jüngste Starkregen-Ereignis vor knapp zwei Wochen hat die Hochwasserschutzmaßnahmen, die im Landkreis Bautzen insbesondere nach den Hochwassern 2010 und 2013 umgesetzt wurden, erstmals ernsthaft auf den Prüfstand gestellt. Jetzt zieht Birgit Weber eine erste Bilanz über deren Wirksamkeit.

Nach der ersten echten Zerreißprobe für die Hochwasserschutzmaßnahmen des Landkreises Bautzen zieht Beigeordnete Birgit Weber im Gespräch mit Sächsische.de eine erste, positive Bilanz.
Nach der ersten echten Zerreißprobe für die Hochwasserschutzmaßnahmen des Landkreises Bautzen zieht Beigeordnete Birgit Weber im Gespräch mit Sächsische.de eine erste, positive Bilanz. © Matthias Schumann

Frau Weber, die Hochwassersaison fängt erst an. Müssen sich die Menschen im Kreis auf weitere Überschwemmungen einstellen?

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Wir können nie sicher sein, dass wir von einem Hochwasserereignis verschont bleiben. Der Landkreis ist auf diese Situationen aber gut vorbereitet - auch in Bezug auf das Thema Gefahrenabwehr. Aber es gibt keinen Vollschutz vor Hochwasser. Das haben wir auch immer wieder kommuniziert. Nach den Überschwemmungen 2002 und dann wieder 2010 und 2013 hat der Freistaat versucht, solche Schadensereignisse vorzudenken. Wann ein sogenanntes HQ 100 - also ein Hochwasser, das in der Wahrscheinlichkeit alle 100 Jahre auftritt - tatsächlich eintritt, kann aber keiner vorhersagen.

Lässt sich das jüngste Hochwasser bereits statistisch bewerten?

Das haben wir noch nicht ermittelt. Regional war es auch sehr unterschiedlich. Wenn ich ans Oberland denke, an Neukirch und Wilthen, werden wir sicher deutlich über dem HQ 100 liegen. Das liegt vor allem daran, dass es so viel Wasser in so kurzer Zeit war, hat aber auch mit Fragen der Aufnahmefähigkeit von Freiflächen zu tun, den Möglichkeiten des Wasserabflusses, der Versickerung. Erst wenn verschiedenste Faktoren aufeinandertreffen, kann so ein Regenereignis so eine Kraft entwickeln.

Kann man heute bereits eine erste Bilanz ziehen, wie die Maßnahmen im Kreis sich im Hinblick auf den Hochwasserschutz bewährt haben?

Wir haben nach den Hochwassern 2010 und 2013 weit über 600 teils kleinteilige Maßnahmen umgesetzt und rund 80 Millionen Euro investiert. Grundsätzlich trägt natürlich jede Maßnahme dazu bei, bestimmte Ereignisse positiver zu begleiten - insbesondere Durchflussfähigkeiten herzustellen.

2010 und 2013 haben im Landkreis zu kleine Durchlässe und Brücken dazu geführt, dass Gewässer breitgeflossen sind. Wir haben uns daraufhin ganz intensiv mit jedem Gewässer auseinandergesetzt, haben Risikoanalysen durchgeführt, um festzustellen, welche Maßnahmen dringend umgesetzt werden müssen und wie sie umzusetzen sind. Dieser Prozess hört nie auf.

Nach den Überschwemmungen vom 17. Juli haben wir von 25 Städten und Gemeinden Schadensmeldungen bekommen. Summiert kommen wir auf 8,9 Millionen Euro, die gebraucht werden, um zerstörte kommunale Infrastruktur wieder herzustellen. Im Einzelnen wird nun natürlich noch zu prüfen sein, weshalb es zu diesen Schäden gekommen ist.

Wie sieht der Plan des Landkreises aus, um die Gefahr von Hochwasserereignissen künftig weiter zu senken?

Neue Erkenntnisse fließen in die Hochwasserrisiko-Managementplanungen ein, die alle sieben Jahre fortgeschrieben werden. Das System wird so immer besser. Was wir natürlich nicht können, ist bebaute Flächen in Größenordnungen zurückzubauen. Wir können nur Schutzmaßnahmen für bestehende Gebäude schaffen, außerdem dafür Sorge tragen, dass nicht weitere Flächen bebaut werden. Und wir können Lösungen anbieten, Wasser zurückzuhalten und im Gewässeroberlauf Retentionsflächen zu schaffen.

Hochwasserschutz wird als Maßnahme nie beendet sein, weil natürlich auch die Flächenversiegelung voranschreitet. Zum Beispiel hat auch der Einsatz von Holzerntemaschinen zur Bodenverdichtung geführt. Die Schadensproblematik in unseren Wäldern tut da ihr Übriges: Wo keine Pflanze mehr steht, trifft deutlich mehr Wasser deutlich schneller auf den Boden. Dass Wasser, wie vor zwei Wochen, in Mengen aus dem Wald kommt, hat es in dieser Form noch nie gegeben. Auch daran zeigt sich: Hochwasserschutz ist eine stetige und ständige Aufgabe. Das steht vielleicht nicht immer im Fokus der Öffentlichkeit. Die Städte und Gemeinden sind diesbezüglich aber sehr sensibel.

Was können Bach- oder Flussanrainer tun, um die Hochwassergefahr zu minimieren?

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