merken
PLUS Deutschland & Welt

Unwetter: Was kommt da noch an Extremen?

Schwere Unwetter erschüttern den Westen Deutschlands. Warum ist Tief Bernd so beständig? Und was kommt da noch an extremen Wetterlagen auf uns zu?

Rheinland-Pfalz, Schuld: Die zerstörte Brücke in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach Unwetter und Hochwasser.
Rheinland-Pfalz, Schuld: Die zerstörte Brücke in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach Unwetter und Hochwasser. © dpa

Von Hanna Gersmann

Tief Bernd treibt schwere Gewitter über Deutschland, bringt sturzflutartige Regengüsse, lässt Häuser einstürzen. Es gibt Tote. In den vergangenen drei Sommern war Wasser etwa in Niedersachsen, in Brandenburg, in Rheinland-Pfalz noch zu knapp, litt die Republik unter Hitze und Trockenheit.

Wieso spielt das Wetter verrückt? Fünf Fragen und Antworten.

UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand

Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Warum ist Tief Bernd so beständig?

Einzelne Unwetter ließen sich zwar nicht auf den Klimawandel zurückzuführen, sagt der Meteorologe Özden Terli, der auch im ZDF das Wetter erklärt. Aber in einem Punkt seien sich die Experten einig: „Weil sich der Planet erhitzt, gerät die Wettermaschinerie aus dem Takt.“ Es gehe dabei „um das große Ganze“.

Bisher funktionierte das so: Am Äquator ist es warm, an den beiden Polen sehr kühl. Dieses Gefälle führt in der Atmosphäre zu Winden, nicht am Boden, sondern in etwa zehn Kilometer Höhe – Jetstream genannt. Dieser Jetstream verschiebt Tiefs und Hoch von einer in die andere Region. „Nur“, sagt Terli, „mit der Erderhitzung hat sich die Arktis dreimal schneller erwärmt als der Rest des Planeten.“ Das Temperaturgefälle zwischen der Arktis und den mittleren Breiten nehme ab, der Jetstream verliere an Schwung. „Er leiert aus.“

Die Folge: Tiefdruckgebiete wie Bernd bleiben länger an einem Ort, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Hochdruckgebiete ebenso.

Weitgehend zerstört und überflutet ist das Dorf Insul in Rheinland-Pfalz nach massiven Regenfällen (Luftaufnahme mit Drohne).
Weitgehend zerstört und überflutet ist das Dorf Insul in Rheinland-Pfalz nach massiven Regenfällen (Luftaufnahme mit Drohne). © dpa

Wieso ist Tief Bernd so zerstörerisch?

„Tief Bernd wäre nicht der Rede wert, läge es nur zwölf Stunden über Deutschland“, sagt Wetterexperte Terli. „Aber nun dreht es sich ganz langsam vor sich hin“ – und bringt dabei über längere Zeit feuchte, schwülwarme Luft aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland. Dies sei „Treibstoff für Gewitter und Starkregen-Ereignisse“.

Dahinter stecke „simple Physik“: Die Luft kann umso mehr Feuchtigkeit aufnehmen, je wärmer sie ist – und zwar sieben Prozent mehr pro Grad Erwärmung. In der Feuchtigkeit stecke Wärmeenergie. Terli: „Wird diese bei der Wolkenbildung freigesetzt, kommt es zu heftigen Gewittern.“ Und da sich Wasser immer den Weg des geringsten Widerstands suche, könne aus einem kleinen Rinnsal ein reißender Fluss werden, wenn es so viel regnet wie derzeit.

Was kommt da noch an Extremen?

Mehr Wolkenbrüche, mehr Hochwasser mit Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, aber auch Hitze, Dürren, Wälder, die Feuer fangen: Selbst wenn es gelingt, den Klimawandel aufzuhalten, lasse sich die Erderwärmung nicht mehr in Gänze vermeiden, sagt Terli. In Deutschland macht der Deutsche Wetterdienst schon heute eine durchschnittliche Erwärmung von mindestens 1,6 Grad Celsius im Vergleich zur frühindustriellen Zeit aus. Terli meint, Sommer mit Sturzregen und Dürrejahre würden sich künftig abwechseln: „Die Klimakrise haut auf jedes Extremereignis nochmal eins drauf.“

Anwohner im nordrhein-westfälischen Hagen schauen sich die Schäden an, die die Überflutung der Nahmer gestern Abend mit sich gebracht hat.
Anwohner im nordrhein-westfälischen Hagen schauen sich die Schäden an, die die Überflutung der Nahmer gestern Abend mit sich gebracht hat. © dpa

Wie muss sich Deutschland wappnen?

Das Umweltbundesamt hat erst kürzlich mit Experten von zahlreichen Behörden und Ministerien in Deutschland eine Klimawirkungs- und Risikoanalyse zusammengestellt. Demnach sollen Flüsse mehr Platz bekommen, Bäume in Siedlungen mehr Schatten spenden. Seit Anfang Juni gibt es dafür auch eine zentrale Beratungsstelle – das bundesweite „Zentrum Klimaanpassung“.

Aber vor allem sollen Städte, aber auch Dörfer, in denen derzeit große Flächen versiegelt sind, so umgebaut werden, dass sie sich wie ein Schwamm mit Wasser vollsaugen können. Die Experten sprechen von der Sponge-City, der Schwammstadt. Das Wasser würde dann nicht einfach in Massen die Straßen runter rauschen, sondern leichter im Boden versickern – auf extra angelegten Sickerflächen und Regenspeichern. Auch begrünte Dächer können helfen, dass Wasser nicht einfach so abfließt.

Gegen die Wassermassen von Tief Bernd hätte das allerdings auch nicht geholfen, meint Terli – „abgemildert hätte es die Folgen aber schon.“

Was bringt Tief Bernd die nächsten Tage?

Weiterführende Artikel

Wieder Überschwemmungen in Belgien

Wieder Überschwemmungen in Belgien

Unbeständige Wetterlage in Deutschland, THW-Helfer in Flutgebiet mit Müll beworfen, in Sachsen Vermisster ist tot - alle Infos im Newsblog.

"Die Bilder erinnern mich an die Flut 2002"

"Die Bilder erinnern mich an die Flut 2002"

Sachsens damaliger Ministerpräsident Georg Milbradt hofft auf schnelle Hilfe aus Berlin für die betroffenen Regionen - und auf Hilfe aus Sachsen.

Dresden will Unwetteropfern helfen

Dresden will Unwetteropfern helfen

Oberbürgermeister Dirk Hilbert spricht den Betroffenen der Unwetter in NRW und Rheinland-Pfalz sein Mitgefühl aus. Dresden will einen Beitrag leisten.

Gewitter mit viel Regen - das kommt auf Dresden zu

Gewitter mit viel Regen - das kommt auf Dresden zu

Eine spezielle Wetterlage war für das Hochwasser 2002 verantwortlich. Diesmal kommt es anders. Doch Meteorologen rechnen mit kräftigen Gewittern.

Der Deutsche Wetterdienst kündigt für den zentralen und östlichen Mittelgebirgsraum am Donnerstag erneut einzelne kräftige Gewitter mit Starkregen an. Für das Erzgebirge gelten am Nachmittag Unwetterwarnungen vor schwerem Gewitter mit heftigem Starkregen und Hagel. In der Nacht lassen die Schauer und Gewitter nach. Dann verabschiedet sich Tief Bernd aus Deutschland.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt