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"Man glaubt, die Welt naht dem Untergang"

Das Wetter wird extremer. Doch beim Blick in alte Chroniken aus der Region Löbau-Zittau denkt man, es sei alles schon mal da gewesen.

Unwetterwolken über dem Erntefeld: Oft waren die Bauern froh, wenn sie die Felderträge verlustarm einbringen konnten.
Unwetterwolken über dem Erntefeld: Oft waren die Bauern froh, wenn sie die Felderträge verlustarm einbringen konnten. © Sammlung B. Dreßler

Die Zeit um den Jahreswechsel ist auch die Hoch-Zeit der Wetterrückblicke auf das vergangene Jahr. Für 2020 veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa am 31. Dezember ein erstes Resümee: Bis auf den Mai alle Monate zu warm, zu wenig Niederschlag, nur etwa die Hälfte der üblichen Regenmenge zwischen März und Mai im deutschlandweiten Schnitt, Ende März die frostigsten Nächte des Jahres, noch im April gab es in Sohland an der Spree weitere 23 Frosttage.

Jedoch: Hat es das nicht auch früher gegeben, ist alles nicht schon mal da gewesen? Die Frage ist berechtigt, wenn man in alte Wetterchroniken der Oberlausitz blickt. Schon im 13. und 14. Jahrhundert wurde über extreme Jahre der Hitze und Dürre berichtet. Besonders schlimm muss es 1485 gewesen sein. In einer Aufzeichnung aus jenem Jahr heißt es: "Anno 1485, den 17. März, hatte die Sonne so heiß geschienen, daß man vor Klarheit und Glanz derselben weder in der Stube noch in Häusern hat verbleiben können, sondern sich in Kellern hat verstecken müssen, worauf viel Böses gefolgt ist." Extrem trocken waren auch die Jahre 1573 und 1590, da regnete es 38 Wochen nicht. Die Auswirkungen waren verheerend. Tiere mussten geschlachtet werden, sodass die Bauern weder Zug- noch Nutzvieh hatten. Bauern von Rennersdorf, Berthelsdorf und dem Eigenschen Kreis sollen nach Chronikberichten mit Tonnen und Fässern bis an die Neiße gefahren sein, um das allernötigste Wasser für die Bewohner zu beschaffen.

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Reichlich 200 Jahre später, 1802 und 1807, war es im August vor Hitze nicht auszuhalten. Registriert wurde eine durchschnittliche Tagestemperatur von 40 Grad. Auch 1842 wurde über extreme Hitze berichtet. In einer Niederschrift heißt es wörtlich: "1842, den 30. August, war es noch immer heiß und trocken. Seit dem 1. des Monats hatte auch nicht ein Wölkchen am Himmel gestanden, sondern es herrschten alle Tage heiße Südwinde. Die Erde brannte völlig aus, Wiesen und Gärten waren bis auf die Wurzeln verdorrt. Alle Sommerfrüchte fielen vor Hitze um, die Leute mußten das Vieh häufig schlachten." Flüsse trockneten aus, einige Bäche verschwanden ganz. Die Brandgefahr war sehr hoch.

In einem Schriftstück hieß es: "Dabei waren alle Tage sehr viel Feuer an allen Orten und Enden, daß man glaubte, die Welt nahe sich dem Untergang." Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Preise. „In Neugersdorf galt ein Pfund Rindfleisch 2 Neugroschen (20 Pfennig), ein Zentner Heu 2 Taler (6 Mark), ein Scheffel Erdäpfel 2 Taler." Auch die Müller hielten kräftig die Hand auf. Für die Vermahlung eines Scheffels Getreide verlangten sie einen Taler. „Dabei war keine Arbeit und kein Verdienst, so daß jedem Menschen vor dem Winter bangen mußte“, vermerkte ein Chronist. Doch dieser Winter 1842/43 ließ noch auf sich warten. Noch Ende Oktober zeigte das Thermometer eine Woche lang 27 Grad plus.

Der Kälte folgt Trockenheit

Im 20. Jahrhundert hatte das Nachkriegsjahr 1947 in Oberlausitzer Wetteraufzeichnungen einen hohen Stellenwert. Der Kottmarsdorfer Bauer Richard Wolf vermerkte seit Dezember 1946 eine anhaltende Kälte bis zum März. Danach folgte eine extrem lange anhaltende Trockenheit. "Am 10. November war der erste Regentag seit dem Frühjahr", notierte Wolf. Entsprechend waren die Folgen für die Ernte. Bei Heu brachte sie nur den dritten Teil anderer Jahre ein. Durch miserable Kartoffelerträge konnte das damals übliche Liefersoll an den Staat nicht erfüllt werden. Schließlich sei die Winterkatastrophe erwähnt, die zum Jahreswechsel 1978/79 hereinbrach. Sie dürfte noch vielen in Erinnerung sein. Die Temperatur sank von Pluswerten Silvester 1978 binnen weniger Stunden im Sturzflug bis auf minus 21 Grad am Neujahrstag 1979. Auch zwischen Löbau und Zittau erstarrte alles im Frost, zumal es zuvor ergiebig geregnet hatte. Die Kohleförderung in den Tagebauen Berzdorf und Olbersdorf geriet ins Stocken, Stromabschaltungen waren unvermeidbar, mit spürbaren Auswirkungen für die Wirtschaft und das öffentliche Leben. Stellenweise fiel auch die Wasserversorgung aus. Es verging rund eine Woche, bis wieder Normalität einzog. Wenn nicht Armee und Polizei zugepackt hätten, hätte es noch länger gedauert.

Genug der Aufzählung, noch viele weitere extreme Wetterfälle, beobachtet im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte, ließen sich nennen. Insofern ist – oberflächlich betrachtet – vieles von dem, was die 2020er Wetterrückschau bilanzierte, wirklich schon einmal da gewesen. Jedoch: Das Problem in der Gegenwart sitzt tiefer. Es ist die zeitliche Häufung bzw. Verdichtung sowie Verstetigung extremer Wetterfälle. Sie sind nicht mehr die Ausnahme, sondern immer mehr die Regel. Und das ist sehr bedenklich – milde ausgedrückt.

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