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Heftiger Schneefall: Wie in guten kalten Zeiten

Der Winter verursacht einen Ausnahmezustand, den es seit Jahren nicht gab – in anderen Regionen noch mehr als in Sachsen.

Kehren mit Stil. Wer im Adlon Gäste begrüßen darf, muss auch mal den Gehweg vorm Brandenburger Tor kehren.
Kehren mit Stil. Wer im Adlon Gäste begrüßen darf, muss auch mal den Gehweg vorm Brandenburger Tor kehren. © dpa

Fliederfarben wölbt sich der Himmel über der Stadt. Flocken hüllen die Autos ein, Parkplätze wirken wie Iglo-Siedlungen. Ganz dunkel sind verschneite Nächte nie. Aber still. Montagmorgen, 4 Uhr, coronabedingte Ausgangssperre, Dresden schläft. Plötzlich blinken Warnfarben in der Idylle, Motoren rütteln. 53 Stadtangestellte rücken mit 45 Spezialfahrzeugen aus. Einen erheblichen Teil des fast 1.500 Kilometer langen Straßennetzes wollen sie räumen und streuen, auf Straßen mit Gefälle stehen schon jetzt Lkw quer. Es wird ein Tag, wie Deutschland ihn sehr lange nicht erlebt hat.

Ein alter Bekannter, der sich über die vergangenen Wochen zaghaft angekündigt hat, ist endgültig da: der Winter. Legte er Deutschland früher schon vor Weihnachten unter eine eisige Decke, hat er sich zuletzt rargemacht. Er überrumpelt. Schon am Wochenende traf er vor allem Regionen wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen so hart wie seit Jahren nicht, sorgte für Blitzeis auf den Straßen, fegte Bäume und Strommasten um, kostete Leben.

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Auch in Sachsen tänzelt er nicht mehr um den Nullpunkt, sondern weit darunter herum. Bis zu 30 Zentimeter Neuschnee gab es in der Nacht zu Montag. Die Westhälfte Sachsens ist so tief darin versunken, dass sie teilweise kapitulieren muss. Leipzig stellt den Bus- und Straßenbahnverkehr ein, im Vogtlandkreis kollidieren Autos mit umgestürzten Bäumen, auf der Vogtlandautobahn stehen sie kilometerweit.

Nichts geht mehr. Der verschneite ICE im Hauptbahnhof von Hannover ist Sinnbild für die Verkehrslage in den vom Wintereinbruch am meisten betroffenen Gebieten.
Nichts geht mehr. Der verschneite ICE im Hauptbahnhof von Hannover ist Sinnbild für die Verkehrslage in den vom Wintereinbruch am meisten betroffenen Gebieten. © dpa

Von der Dresdner Polizei heißt es, dass man bis zum späten Vormittag 37 Unfälle registriert habe. Größtenteils trifft es Blech, einige Menschen werden verletzt. Über A4 und A17 schlittern Lkw und bleiben quer stehen, die Polizei muss Strecken sperren, das Technische Hilfswerk (THW) eilt zur Hilfe. 100 ehrenamtliche Kräfte sind allein in Sachsen im Einsatz, räumen Straßen frei, enteisen, bergen Lastwagen.

Schwerpunkte liegen auf der A72, auf der A4 bei Nossen und bei Burkau. „Es war psychisch und physisch ein sehr anstrengender Einsatz für die Kräfte“, sagt Andrea Wirth, regionale THW-Sprecherin. „Im Sommer schleppt man mal zwei Lkw ab, gestern waren es aufgrund der Steigung der Autobahn allein bei Burkau 20.“ Kälte und Corona-Maßnahmen erschweren den Einsatz. Auch der Pannendienst ADAC rückt bis Montagmittag mehr als 300-mal aus, vor allem wegen leerer Batterien und Problemen mit der Elektronik im Auto.

Während Menschen im Lockdown über unförmige Haare klagen, tragen Autos am Montag neue Frisuren. Wie ein Irokesenschnitt sieht der weiße Balken aus, der auf manchem Dach stehen bleibt, weil der Fahrer nur Fenster und Türen gefegt hat. Die Dampfer am Terrassenufer fügen sich mit ihren weißen Fassaden wie Chamäleons in das Dresdner Stadtbild ein, am Landtag marschieren Damen mit Langlaufski vorbei. Eiszapfen hängen von den Laternen und den steinernen Statuen, die heroisch, aber nackt auf Pferden thronen, es in Schneeanzügen deutlich besser hätten.

Klirrende Idylle. Unberührt liegt der Schnee in der Nacht zum Montag auf dem Dresdner Theaterplatz.
Klirrende Idylle. Unberührt liegt der Schnee in der Nacht zum Montag auf dem Dresdner Theaterplatz. © dpa-Zentralbild

Westlichere Regionen sind auch am Montag viel härter betroffen. Extreme Unwetter und eisige Stürme verbreiten Chaos in weiten Teilen des Landes. „Es schneit wie verrückt“, heißt es von der Autobahnpolizei bei Hannover. „Die Lage ist katastrophal“, sagt ein Fuldaer Polizeisprecher. Autos und Lkw stehen auf Teilen von A4 und A7 mehr als sechs Stunden im Stau, die Bahn streicht Verbindungen. In Hessen fällt oft die Müllabfuhr aus, in Thüringen die Post, in Jena bleiben Kitas geschlossen, in Niedersachsen verzögerten sich Impfstofflieferungen. Beim Löschen eines Supermarkts im Ruhrgebiet müssen sich Feuerwehrleute abwechseln, weil es so kalt ist, dass von ihren Helmen Eiszapfen hängen.

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Die Bitte, zu Hause zu bleiben, hallt abermals durchs ganze Land. In Bielefeld und im Münsterland werden Menschen tot im Schnee gefunden. Besonders bedroht sind Wohnungslose, mindestens 17 sind diesen Winter in Deutschland erfroren. Hilfsorganisationen erwarten harte Wochen. „Momentan sind es vor allem Straßen“, sagt THW-Sprecherin Wirth. „Es könnten durch die Schneelast Baumbrüche dazukommen, kritische Infrastruktur wie Schienen oder Straßen wären dann bedroht, es könnte zu Todesfällen kommen.“ Der Dresdner Winterdienst arbeitet am Montag bis 23 Uhr. Am Dienstagmorgen sollen die blinkenden Wagen schon ab 3 Uhr durch die Stadt rollen. (mit dpa)

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