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Wirtschaft

Wie Corona Ungleichheit fördert

Ab 2015 stiegen die Einkommen - selbst bei den Ärmsten. Bisher verstärkt Corona die soziale Ungleichheit nicht dramatisch. Doch das kann sich ändern.

© Symbolbild: Rafael Sampedro

Von Hannes Koch

Die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland hat während der vergangenen Jahre nicht mehr zugenommen. Dieser positive Trend kam unter anderem dadurch zustande, dass seit 2015 auch diejenigen zehn Prozent der Privathaushalte vom Wirtschaftsaufschwung profitierten, die die niedrigsten Verdienste zur Verfügung haben. Nun ist die Frage, welche Auswirkungen die Corona-Krise für die soziale Ungleichheit mit sich bringen könnte.

Laut einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sagen 23 Prozent der befragten Angehörigen des untersten Einkommensdrittels der Bevölkerung, dass ihre Verdienste im Zuge der Corona-Krise gesunken seien. Das ist ähnlich viel, wie beim obersten Einkommensdrittel (25 Prozent). Das mittlerere Drittel kommt bisher dagegen besser weg: Dort hatten nur 17 Prozent Gehaltsverluste zu verzeichnen.

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Die größeren Verluste von Leuten mit niedrigen Einkommen hängen wohl damit zusammen, dass viele Geschäfte und alle Gastronomiebetriebe wegen der Ausgangsbeschränkungen ab Ende März schließen mussten. In diesen Bereichen werden besonders geringe Gehälter gezahlt. Aber auch die Besitzer der Geschäfte hatten Einbußen zu verzeichnen – das mag die Abnahme im oberen Drittel erklären. Die geringen Verlust beim mittleren Drittel lassen sich unter anderem damit begründe, dass alle öffentlichen Bediensteten ihre Gehälter ungeschmälert weiter erhielten.

Zur näheren Zukunft sagt Sozialwissenschaftler Markus Grabka vom DIW: „Wenn die Corona-Krise länger dauert, was sich mittlerweile andeutet, könnten die Einkommen der unteren Hälfte der Bevölkerung sinken.“ Eine Ursache dafür dürfte die Kurzarbeit unter Beschäftigten beispielsweise im Hotel- und Gaststättengewerbe sein, so Grabka.

Auf diesem Hintergrund entwickelt sich eine Debatte, ob und wie der Sozialstaat grundsätzlich einer Renovierung bedarf, um Leute mit niedrigem Einkommen, Vermögen und Lebenstandard besser zu schützen. So fordern der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Grünen, die Hartz-IV-Sätze deutlich zu erhöhen. Andererseits plädieren zahlreiche Prominente, Politiker und Ökonomen dafür, einen ernsthaften Aufschlag für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu unternehmen (Grundeinkommen – Es ist Zeit). Beides hat in der Regierungskoalition augenblicklich aber keine Chancen.

„Allerdings verlieren auch Angehörige der oberen Hälfte Einkommen“, erklärte Grabka. Im weiteren Verlauf der Krise würden Selbstständige Umsatzverluste erleiden, oder Dividenden für Kapitalerträge blieben aus. „So kann eine Krise grundsätzlich dazu beitragen, dass sich die Einkommensunterschiede insgesamt verringern.“

Vor Corona profitierten erstmals seit langer Zeit auch die Angehörigen des untersten Einkommensdezils von der guten Wirtschaftsentwicklung. Nach Angaben des DIW stiegen die verfügbaren Haushaltseinkommen der ärmsten zehn Prozent der Bundesbevölkerung zwischen 2015 und 2017 um etwa fünf Prozentpunkte an. 

Dazu trug maßgeblich die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns bei. Außerdem machte sich bemerkbar, dass die Zahl der Arbeitsplätze anstieg und die Erwerbslosigkeit abnahm. Bei den darüber liegenden Einkommensgruppen – 90 Prozent der Bevöllkerung – hatte sich der Aufschwung schon früher positiv bemerkbar gemacht.

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