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Wie die Alten im Dorf bleiben können

Die Strukturen auf dem Land sind für die Senioren nicht die besten. Es gibt Möglichkeiten, das zu ändern, sagen Experten.

Viele Senioren schwören auf Rollatoren. Auch in den Dörfern sind die Gehhilfen öfters zu sehen. Denn der Anteil älterer Menschen in den Orten nimmt weiter zu. © Andrea Warnecke/dpa

Wülknitz. Dieser Zettel im Briefkasten verheißt nichts Gutes: Der Paketdienst hat niemanden angetroffen und die Lieferung wieder mitgenommen. Für viele kein Problem – sie steigen ins Auto und düsen los, um das Paket zu holen. Eine Seniorin aus Peritz kann das nicht. Sie sei nur mit dem Rad mobil und habe bis ins zehn Kilometer entfernte Gröditz gemusst. Ob es nicht möglich sei, dass Pakete im Ort abgegeben werden – beim Friseur zum Beispiel oder beim Bäcker?

Die Episode illustriert, wie beschwerlich der Alltag für Ältere auf dem Land sein kann – und wie er mit ein wenig gutem Willen einfacher werden könnte. In Wülknitz ist jetzt darüber gesprochen worden. Altern auf dem Dorf war das Thema in einem Mix aus Gemeinderatssitzung und Bürgerversammlung. Mehr als 40 Leute waren der Einladung von Gemeindechef Hannes Clauß (parteilos) gefolgt – so viele wie sonst nur, wenn Henry de Jong Neues zum Tiefenauer Resort verkündet.

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Die Faktenlage zum Altern auf dem Dorf ist beunruhigend. Geburtenstarke Jahrgänge gehen in Rente, der Anteil der Alten im Ort steigt, weil Jüngere weggezogen sind. Betreuungseinrichtungen für Senioren auf dem Dorf gibt es kaum. Pflegedienste oder Heime tummeln sich vor allem in den Städten. Auch andere Dienstleister – Ärzte, Apotheken, Post, Banken, Einkaufsmärkte – ziehen sich aus der Fläche zurück.

Trotz alledem soll es möglich bleiben, dass Dorfbewohner in gewohnter Umgebung alt werden können und nicht woanders hin ins Heim gehen müssen. Dafür müssen rechtzeitig Voraussetzungen geschaffen werden, machte Dagmar Socher klar. Socher ist Pflege- und Versorgungskoordinatorin des Kreises Meißen. Ihre Aufgabe ist es, verschiedenen Interessen zusammenbringen: Bürger, Kommunen, Pflegedienstleister, Bauinvestoren.

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Letztere braucht es zum Beispiel, wenn auf dem Land neue Wohnangebote wie Senioren-WGs entstehen sollen. Pilotprojekte gibt es: In Röderau entstanden schon vor zehn Jahren altersgerechte Wohnungen in einem kommunalen Haus am Dorfplatz – gleich neben Arzt, Apotheke und Bäcker. Ein jüngeres Beispiel gibt es in Leuben bei Nossen, wo das Rote Kreuz eine alte Schule umgebaut hat und jetzt acht altersgerechte Wohnungen bewirtschaftet.

Ob so etwas auch in Wülknitz gewollt ist, müsse vor Ort entschieden werden, so Dagmar Socher. Jede Kommune sei anders, Lösungen aufzwingen wolle und könne man nicht. Zunächst stünden aber die Bürger in der Verantwortung. Socher appellierte, das in den Familien oft tabuisierte Thema offen zu besprechen. Ihr Rat: „Wenn Sie jung sind, betreiben Sie Familienplanung. Wenn Sie älter werden, sollten sie Altenplanung betreiben.“ Das beinhalte zum Beispiel, Barrieren in der eigenen Wohnung abzubauen. Für solche Projekte gebe es auch Fördergeld.

Doch die Bürokratie schreckt viele ab. In ein altersgerechtes Wohnen im Heimatort zu ziehen, scheint hingegen attraktiv – wenn es jemand anbietet. Dem anwesenden Chef der hiesigen Diakonie wollte jemand deshalb gleich eine verbindliche Aussage abringen, ob sich der Wohlfahrtsverband so ein Engagement in Wülknitz vorstellen kann. Der Angesprochene blieb vorsichtig, erteilte aber keine grundsätzliche Absage.

Kritik gab es derweil an der Gemeinde. Der Abriss der alten Wülknitzer Schule sei vorschnell gewesen, daraus hätte ein Seniorenwohnen werden können, so ein Anwohner. Gemeinderäte forderten, dass Dienstleister wie Arzt, Konsum oder Friseur erhalten bleiben müssten, damit der Ort lebenswert bleibe. Andere meinten, es müsse versucht werden, die Jugend vor Ort zu halten – lauter Alte seien sich gegenseitig auch keine allzu große Hilfe. Eine weitere Forderung: Statt große Konzepte brauche es schnelle, praktische Hilfe, zum Beispiel ein kostenloses Seniorentaxi, finanziert über Sponsoring.

Der Abend in Wülknitz hat gezeigt: Das Thema bewegt, Ideen gibt es auch. Doch nicht alle dürften praktikabel sein. Jetzt sollen in den einzelnen Ortsteilen die Visionen zusammengetragen werden, um dann zu sehen, was vielleicht umsetzbar ist. Ein Auftakt ist gemacht.


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