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Wie die Altstadtmillion weiterlebt

Im April ging die letzte Schenkung bei der Stadt ein. Das Geld ist längst aufgeteilt. Nächstes Jahr kommt das Wunder von Görlitz ins Museum.

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© Markus Hilbich

Von Ingo Kramer

Görlitz. Eines will Jasper von Richthofen am 12. Mai auf gar keinen Fall eröffnen: Eine trockene Architekturausstellung. Allerdings hat der Leiter der Kulturhistorischen Museums eine klar definierte Aufgabe. Ab jenem zweiten Freitag im Mai soll im Kaisertrutz „Das Millionenmärchen“ gezeigt werden: Eine Schau, die sich der Altstadtmillion widmet. Ein oder mehrere Unbekannte hatte(n) von 1995 bis 2015 Jahr für Jahr eine Million D-Mark (gut 511 000 Euro) an die Stadt überwiesen. 2016 gingen noch einmal 340  000 Euro als letzte Zahlung ein. Das Geld diente dazu, denkmalgeschützte Gebäude oder Teile davon zu sanieren.

Oberbürgermeister Siegfried Deinege freute sich stets, wenn wieder eine neue Altstadtmillion auf dem städtischen Konto einging.
Oberbürgermeister Siegfried Deinege freute sich stets, wenn wieder eine neue Altstadtmillion auf dem städtischen Konto einging. © Pawel Sosnowski

Die größte Schwierigkeit für die Schau: „Die Exponate stehen draußen in der Stadt, die können wir nicht ins Museum holen“, sagt von Richthofen. Seit September läuft am Museum unter Federführung von Matthias Franke eine umfangreiche Recherche zu dem Thema. Ein Fotografenteam aus Berlin hat im November begonnen, die Gebäude und sonstigen Objekte zu fotografieren. Ein Teil der Bilder ist bereits im Kasten – darunter das Detailfoto der Muschelminna, das die SZ heute exklusiv zeigt. Eine reine Fotoausstellung soll es aber auch nicht werden: „Wir wollen uns dem Phänomen nähern und dem, was es uns gebracht hat, also dass es jedes Jahr deutschlandweit Aufmerksamkeit auf Görlitz gelenkt hat.“

Aus den rund 1 500 Förderprojekten hat das Museumsteam 20 exemplarisch ausgewählt. An ihnen wird das Spektrum der Förderung gezeigt. Dazu sollen Ereignisse und Zahlen erklärt werden, ein Blick auf das Mäzenatentum in Görlitz im 20. Jahrhundert geworfen und die Märchenhaftigkeit des Millionen-Spenders beschrieben werden, der nie eine Spendenquittung haben wollte, die Schenkung also nie steuerlich wirksam gemacht hat. Am Ende soll es um die Nachhaltigkeit gehen – verbunden mit einem Dank an den oder die Spender.

Große Dankbarkeit ist auch im Rathaus zu spüren. Das Thema soll auch dort weiterleben, obwohl im April die letzte Schenkung eingegangen ist. Die wurde im Mai bei der Kuratoriumssitzung der eigens für die Million gegründeten Altstadtstiftung aufgeteilt. Aktuell gibt es keinerlei Restmittel mehr, die noch zu vergeben sind, erklärt Rathaussprecher Wulf Stibenz. Trotzdem will sich das Kuratorium auch im neuen Jahr einmal treffen: „Bislang gibt es dafür aber noch keinen Termin.“ Auf jeden Fall soll die Altstadtstiftung am Leben gehalten werden – für den Fall, dass aus anderen Quellen neues Geld eintrifft. Das bestätigt Stibenz jetzt noch einmal ausdrücklich. Allerdings sagt er auch, dass bisher keine größeren Spenden oder Schenkungen bei der Stadt eingegangen sind, die ebenfalls für die Sanierung von Denkmalen gedacht sind und deshalb in den Topf der Altstadtstiftung fließen würden. Die kleineren Spenden landen hingegen meist direkt bei der Unteren Denkmalbehörde.

Wenn also kein neues Wunder passiert, dann werden von Richthofen und sein Team im neuen Jahr deutlich mehr Arbeit haben als das Kuratorium. Zumal die Museumsleute nicht nur eine Ausstellung planen, sondern auch ein Buch, das ebenfalls am 12. Mai erscheinen soll. Das Buch hat einerseits die gleichen Inhalte wie die Schau, geht aber andererseits darüber hinaus: Statt 20 Förderprojekten sollen 30 gezeigt werden. „Zudem enthält es ein Grußwort, Essays, Ereignisse, Zahlen und sogar einen Pressespiegel“, sagt von Richthofen.

Trotzdem soll es kein hochfachliches Werk werden, sondern populärer gehalten sein, auch mit vielen schönen Vorher-Nachher-Fotos. Erscheinen wird es im Monumente-Verlag, der voriges Jahr auch schon ein Buch zur vielbeachteten Görlitz-Ausstellung des Dresdner Fotografen Jörg Schöner veröffentlicht hatte. Am Ende soll das Buch freilich die Ausstellung überdauern: Sie endet am 22. Oktober. Vorher sind noch einige Begleitveranstaltungen geplant: Gespräche, Podiumsdiskussionen, Hausbesuche bei Eigentümern. So bleibt die Altstadtmillion 2017 im Gespräch – auch ohne frisches Geld.