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Wie die Burg in die Kirche kam

Stadt und Festung waren in Pirna immer eng verbandelt. Ausgerechnet in der Stadtkirche wird das besonders deutlich.

Die älteste bekannte Darstellung der Burg Sonnenstein ist eine Gewölbemalerei in der Pirnaer Stadtkirche St. Marien. Sie datiert von 1545. © Repro: SZ

Es ist das Jahr 1269, als die Burg Sonnenstein in Pirna erstmals urkundlich erwähnt wird. Im 750. Jubiläumsjahr der Ersterwähnung soll in Sonderausstellungen, Vorträgen und Führungen auf das Erbe der einst so bedeutenden Orts- und Grenzburg sowie Landesfestung hingewiesen werden. Zwischen Burg und Stadt bestand vom Anfang der mittelalterlichen Entwicklung Pirnas an eine enge, symbiotische Verbindung, die sich über die Jahrhunderte bis zum Ende der Festungszeit fortsetzte. Im Stadtbild erinnern daran noch Reste der bis zum Niederen Werk und dem ehemaligen Kommandantenhaus geführten Stadtmauer, der Weiße Turm, die Schloßschänke, die Schloßtreppe und das Amtshaus am Markt. Aber auch Pirnas bedeutendstes kirchliches Bauwerk beherbergt solche Geschichtszeugnisse.

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Kanonenkugel aus dem Jahre 1639 im Gewölbe der Marienkirche.  © Thomas Albrecht

Die Marienkirche, eine der größten spätgotischen Hallenkirchen Sachsens, befand sich um 1545 in der Endphase der Ausmalung der Gewölbe, da entstand am Nordpfeiler Nummer fünf das Bild „Der Durchzug der Kinder Israels durch das Rote Meer“. Dieses Motiv erhielt als „Zugabe“ das Schloss Sonnenstein mit der Kemenate, den zwei Burgtürmen, dem Tor an der Ebenheit und dem Ausfall nach der Stadt. Diesem erst 2002 in der Gewölbemalerei identifizierten lokalen Bezug verdanken wir die älteste Ansicht des Sonnensteins. Sie datiert immerhin über ein Dreivierteljahrhundert vor einer Zeichnung von Wilhelm Dilich von 1628, die bis dahin als älteste erhaltene Darstellung der Pirnaer Burg galt. Aber die Marienkirche hält noch weitere Bezüge zum Sonnenstein bereit.

Ein „Andenken“ an militärische Ereignisse in der Garnisonsstadt Pirna sind mehrere Kanonenkugeln im Gewölbe von St. Marien aus dem Jahre 1639, die pikanterweise nicht vom schwedischen Feind, sondern von den sächsischen Festungsverteidigern stammten.

Totenschild des Festungskommandanten Caspar Löwe.  © Boris Böhm

Wahrscheinlich seit dem großen Brand des Schlosses im Jahre 1486, bei der auch die Georgs-Kapelle ein Opfer der Flammen wurde, verlagerte sich das kirchliche Leben der Burg- bzw. Festungsbewohner in die Stadtkirche. Diese nahmen nicht nur am sonntäglichen Gottesdienst teil. Hier erfolgten die Taufen der Soldatenkinder, Trauungen und Beerdigungen von Offizieren und Berufssoldaten, über die erhalten gebliebene Verzeichnisse im Kirchenarchiv bis heute Auskunft geben. Auch einige Festungskommandanten fanden in der Marienkirche ihre letzte Ruhe.

Dabei war das Liebenausche Begräbnis möglicherweise das prunkvollste, das der Stadtkirche in ihrer langen Geschichte beschieden war. Der mit Abstand bedeutendste Kommandant der Festung Sonnenstein, Johann Siegmund von Liebenau, der die Festung von April bis September 1639 gegen eine gewaltige schwedische Übermacht verteidigte, hatte es danach noch zum Oberbefehlshaber der sächsischen Artillerie und Oberkommandanten der sächsischen Landesfestungen gebracht. Nach seinem Tod am 14. September 1671 in Dresden wurden seine sterblichen Überreste nach einem prunkvollen Leichenbegängnis in der Residenzstadt am 18. Oktober nach Pirna in die Stadtkirche überführt und am darauffolgenden Tag nach der Leichenpredigt des Superintendenten feierlich in der Familiengruft beigesetzt. Der Kupfersarg Johann Siegmund von Liebenaus befindet sich bis heute in einer Gruft im Altarraum.

Auf der Südempore befindet sich das Totenschild des Caspar Löwe aus dem Jahre 1686. Dieser hatte in seiner 20-jährigen Amtszeit als Kommandant des Sonnensteins wesentlichen Anteil am Umbau zur modernen „Berg-Vestung“. Kaum noch lesbar ist das Grabmal seiner 1695 verstorbenen Ehefrau Anna Regina am Außenchor, das früher auf dem alten Kirchhof stand. Die Bedeutung Caspar Löwes zeigt sich daran, dass ihm zusätzlich ein heute in der Vorhalle stehendes repräsentatives Denkmal gewidmet wurde. Mehrere Totenschilder wie das eines 1639 im schwedischen Dienst gefallenen Offiziers, das Totenschild des 1666 verstorbenen Kommandanten Johann Georg von Liebenau (Bruder und Nachfolger von Johann Siegmund) oder die Gedenkplatte des Pirnaer Amtsschössers Sigmund Meischel bereichern heute die Sammlung des Stadtmuseums, ebenso das eindrucksvolle Grabdenkmal des 1749 verstorbenen Kommandanten Generalmajor George Siegismund von Schlichting.

Kupfersarg des Johann Siegmund von Liebenau in der Gruft der Marienkirche. Fotografie von 1889.  © Repro: Stadtmuseum Pirna

Da nach dem Regierungsantritt Augusts des Starken der Sonnenstein zum Staatsgefängnis bestimmt worden war, dienten die Marienkirche bzw. der sie umgebene Kirchhof auch als Begräbnisort für einige Staatsgefangene. Dazu gehörte einer der am längsten inhaftierten Gefangenen, der Merseburgische Geheime Rat Christian Friedrich von Brand, der nach 20-jähriger Haft im Juli 1735 verstorben war. Sein Grabmal befindet sich unter der Südempore der Kirche.

Der Autor dieses Beitrags, der Historiker Boris Böhm, ist Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein.

Am Montag, 11. März, beginnt um 19 Uhr in der Stadtkirche St. Marien eine Sonderführung „Wie kommt die Burg in die Kirche?“ mit Thomas Albrecht, Konrad Flade und Boris Böhm. Der Eintritt ist frei.