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Wie die Cranberry ins Erzgebirge kam

Die Beere ist in Deutschland immer noch ein Geheimtipp. In Klingenberg gibt es die einzige Plantage in Sachsen.

© Egbert Kamprath

Von Jane Jannke

Nur keine Socken

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Die irische Band „The Cranberries“ beschwört sie künstlerisch; Gesundheitsapostel schwören auf ihre heilende Wirkung. Trotzdem ist die Cranberry in Deutschland bislang kaum mehr als ein weißer Fleck auf der Landkarte der Beerenfrüchte. Ganz anders in Nordamerika, der eigentlichen Heimat der Beere, wo es riesige Plantagen gibt. Doch in einem kleinen osterzgebirgischen Dorf wehrt man sich erfolgreich gegen diese Verkennung eines wahren Allroundtalentes. In Neuklingenberg wächst sie: die Moos- oder auch Kranichbeere, weithin bekannt unter ihrem englischen Namen Cranberry. Ihre zartrosa Blüten erinnern an Kranichschnäbel – und stehen derzeit in voller Pracht.

Wie die Kranichbeere nach Klingenberg kam, ist eine lange Geschichte. Und sie steckt voller Leidenschaft für das seltene Obst aus der Gattung der Heidelbeeren. Erzählt wird sie von Ines und Hermann Ilgen aus Dorfhain. Sie Lehrerin, er Ingenieur, beide hatten eigentlich bislang wenig mit der Landwirtschaft am Hut.

Zur Beere kommt Ines Ilgen aber schon vor rund zwölf Jahren. „Das ist mein Spleen“, gibt die 52-Jährige freimütig zu, die Mathematik und Wirtschaftslehre an der Oberschule Klingenberg unterrichtet. Für einen Schülerkochwettbewerb sucht Ines Ilgen damals nach ungewöhnlichen Zutaten – und stößt auf die noch so gut wie unbekannte Moosbeere. Eine segensreiche Zusammenkunft, die die Beere in der Region populärer macht und Ines Ilgen einen Ausgleich zum stressigen Job verschafft.

„Anfangs habe ich mit wenigen Pflanzen im Garten experimentiert“, erzählt Ilgen. Das Ergebnis kommt trotz geringen Ertrages einer Erleuchtung gleich: „Die Cranberry ist ein Alleskönner. Sie ist supergesund, vielfältig kulinarisch verwertbar, und man kann sie trotz ihres herben Geschmacks im Gegensatz zur Aronia sogar roh essen.“ Aufgrund des enthaltenen natürlichen Konservierungsstoffes hält sie sich im Keller zudem ewig.

Zu kaufen bekam man sie im unbehandelten Zustand lange Zeit trotzdem meist nur in Bioläden. Einen Siegeszug wie die Aroniabeere hat sie bis heute nicht angetreten. Jene hat in Sachsen mit 140 Hektar Anbaufläche beim Beerenobst die Nase vorn und wird in großem Umfang in Dresden und Coswig, in kleinerem aber auch fast bis an den Erzgebirgskamm angebaut. In den Zahlen des Statistischen Landesamtes über die Erträge landwirtschaftlicher Betriebe taucht die Moosbeere nicht auf.

Ines Ilgen aber fängt Feuer. Alsbald ist auch Ehemann Hermann mit dem Cranberry-Virus infiziert. „Ich konnte nie verstehen, warum das bei uns niemand so recht aufgreift“, sagt seine Frau. Bis heute gebe es in ganz Deutschland nur zwei größere Anbaugebiete, in der Lüneburger Heide und nahe München. Der Plan, die Beere im größeren Stil selbst anzubauen, reift. Das Paar erwirbt dafür 1 000 Quadratmeter Gartenland hinter dem Hotel „Zur Neuklingenberger Höhe“. Ostern 2014 stecken sie mit Freunden 5 000 Cranberry-Pflanzen der eher anspruchslosen Sorte Stevens.

Ganz einfach ist der Anbau trotzdem nicht, denn die Beere fordert besondere Bedingungen. „Der Boden muss nährstoffarm und sauer sein“, erklärt Hermann Ilgen. Ein Sand-Torf-Gemisch hält das Wasser länger in der oberen Erdschicht, denn Cranberrys sind Flachwurzler. Zusätzlich tüftelt der 56-Jährige ein eigenes Bewässerungssystem aus, baut einen 35 Meter tiefen Brunnen und eine Sprinkleranlage. Rund 25 000 Euro investieren Ilgens in die Plantage. „Wenn erst mal alles angelegt ist und wächst, macht es aber eher wenig Arbeit“, verrät Ines Ilgen. Cranberrys sind ausgesprochen wetterunempfindlich und winterhart, lieben aber sonnige Standorte. Nur späte und frühe Fröste in der Blüte und vor der Ernte können ihnen schaden.

Die Hobby-Obstbauern genießen die Feldarbeit, zelebrieren sie regelrecht. Um vier Uhr morgens, wenn der Tau noch auf den Wiesen liegt, geht es mit dem Rad im Sommer von Dorfhain hinauf nach Neuklingenberg. „Wir arbeiten dann, ohne miteinander zu reden“, erzählt Ines Ilgen glücklich. Die beste Meditation sei das. Und diese Liebe zum Obst bleibt nicht unerwidert. 200 Kilogramm Cranberrys bringt die erste richtige Ernte im vergangenen Herbst. Mit fast doppelt so viel rechnet Hermann Ilgen in diesem Jahr. Geerntet wird Ende Oktober – und zwar per Hand.

Die Selbstpflücke wird damit immer wichtiger: „Wir brauchen künftig einfach noch mehr Hilfe“, so Ines Ilgen. Denn wenn der volle Ertrag mal erreicht ist, werden jährlich bis zu 700 Kilo Beeren reif – zu sechs bis acht Euro das Kilo.

Bereits jetzt sind Ilgens Moosbeeren bei Gourmetrestaurants bis nach Dresden begehrt, unter ihnen die Teichwirtschaft in Tharandt. Im Herbst will das Paar erstmals auch an der Dresdner Gourmet-Messe teilnehmen, um weitere Abnehmer aufzutun. Ein Broterwerb soll der Cranberry-Anbau aber dennoch niemals werden. Denn so, als Hobby, bleibt Ines Ilgen mehr Zeit für neue kulinarische Experimente.