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Wie die Deutsche Bahn der Hitzefalle entkommen will

Bahnchef Rüdiger Grube muss sich warm anziehen: Ein Gipfeltreffen wegen derKlimaprobleme im Zug steht an – und schon vorher hagelt es Kritik.

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Von Georg Moeritz

Dresden. Die Klima-Pannen der Deutschen Bahn werden zum Politikum: Bahnchef Rüdiger Grube muss übermorgen vor Mitgliedern des Bundestags-Verkehrsausschusses berichten, weshalb Reisende in mehr als 30 Fernzügen unter der Hitze zu leiden hatten und Schüler kollabierten. Es wird ein Spitzentreffen, denn Teilnehmer sind auch der Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und der Präsident des Eisenbahn-Bundesamtes, Gerald Hörster. Die SZ analysiert, welche Probleme zu lösen sind.

Wer trägt die Schuld an den Hitzepannen?

Es gibt viele Schuldige: Dass die Klimaanlagen nicht stark genug sind, haben die Bahnchefs und Bahningenieure zu verantworten. Als sie vor 15 Jahren die Züge bauen ließen, genügte ihnen Klimatechnik, die mit maximal 32 Grad zurechtkam. Als nun Passagiere in Hitzenot und Panik gerieten, zeigten sich Schaffner und Disponenten überfordert. Laut Bahnchef Rüdiger Grube hätten beim Totalausfall von Klimaanlagen Ersatzzüge organisiert werden müssen. Das habe „ein paarmal nicht geklappt“. Die „Fehler“ würden von Bahn und Staatsanwaltschaft untersucht.

Hat das Unternehmen zu stark gespart?

In der Wartung sei „nur noch das Nötigste gemacht“ worden, sagt Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Dagegen hält Bahnchef Grube, die Klimatechnik sei nach den Empfehlungen der Hersteller gewartet worden.

Wird künftig an Technik gespart?

In Dresden gibt es eine Bahnwerkstatt für den Güterverkehr. Wer dort an der Hamburger Straße zwischen den Diesel- und Elektroloks umherläuft, sieht kein Unternehmen Zukunft. Die Männer in Blau oder Orange berichten, in einem Teil der Halle sei ihnen schon der Strom abgestellt worden, Werkzeug fehle – die Bahn wolle diese Werkstatt für den Güterverkehr schon länger aufgeben und spare daran. Der Betriebsratsvorsitzende Mario Weiß berichtet, zurzeit liefen Verhandlungen mit der Bahn zum Erhalt des Standorts mit noch 120 Beschäftigten. Während der Wirtschaftskrise seien in Deutschland Zehntausende Güterwaggons abgestellt worden, noch gebe es Kurzarbeit. Doch nun springe die Wirtschaft wieder an, und es fehle an Kapazitäten für die Wartung – und an Nachwuchskräften.

Gibt es einen Zusammenhang mit dem Börsengang?

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gibt den früheren Regierungen eine Mitschuld: Sie hätten vorgegeben, dass die Bahn bald Aktien an der Börse verkaufen solle. Derzeit sei das „kein Thema“. Doch Ex-Chef Hartmut Mehdorn habe „die Bilanz fürs Börsenparkett geschmückt“. Nachfolger Grube dagegen bestreitet einen Zusammenhang mit den Börsenplänen. Er sagt, der Aufwand für die Wartung sei „zwischen 2004 und 2009 ganz erheblich vergrößert“ worden.

Wie soll das Reisen nun kurzfristig kühler werden?

Die Bahn hat angewiesen, vorbeugend zu kühlen, wenn 32 Grad erwartet werden. Das schont die Klimaanlage – allerdings erfuhr die SZ von Reisenden, nun sei es zu kalt im Waggon. Bei Störungen soll die Klimaanlage aus- und wieder eingeschaltet werden. Notfalls muss der Zug anhalten, sobald ein ausreichend langer Bahnsteig erreicht ist, damit die Passagiere aussteigen können. Laut Bahnchef Grube gibt es mehr Getränke in den Fernzügen und mehr Betreuer auf den Bahnhöfen. Reisenden ist an heißen Tagen trotzdem zu raten, viel Wasser oder Tee mitzunehmen, sowie gegen Salzverlust zum Beispiel Salzstangen, Oliven oder Gurken.

Wie sieht die Klimatechnik der Zukunft aus?

Die nun umstrittenen ICE-2-Züge wurden laut Bahnchef Grube Anfang der Neunzigerjahre entwickelt. „Damals waren die Sommer in Deutschland noch nicht so heiß“, sagt er. Die Normen gaben vor, dass die Klimaanlagen für Temperaturen bis zu 32 Grad eingerichtet sein mussten. Ab November werden diese 15 Jahre alten Züge „generalüberholt“ – neue Sitze und Toiletten waren ohnehin vorgesehen, die Klimatechnik soll auf den Prüfstand. ICE der Baureihe 3 sind auf 35 Grad ausgelegt, 45 Grad sind es bei der nächsten Baureihe ICx, über deren Bestellung die Bahn gerade verhandelt. Von den Regionalzügen ist laut Grube etwa die Hälfte klimatisiert, neue Wagen bekämen stets eine Klimaanlage. Bisher schwitzen teilweise auch die Lokführer mit – laut Betriebsrat Weiß auf älteren Dieselloks bei 50 Grad.

Bahnfahren in der Schweiz und in Indien – alles besser?

In Schweden mussten vorige Woche 200 Reisende in einem stehengebliebenen Zug bei über 50 Grad ausharren, ein Passagier schlug schließlich ein Fenster ein. In der Schweiz dagegen hat jeder einzelne Waggon eine Klimaanlage, sodass Reisende notfalls den Wagen wechseln können. Allerdings sind die Reise-Entfernungen in der Schweiz auch nicht so groß. In Indien, wo es in der Nacht zum Montag einen schweren Zusammenstoß gab, müssen die Menschen mit größerer Hitze zurechtkommen. In den Waggons brummen Ventilatoren, durch die offenen Fenster bläst es heiß – aber in der ersten Klasse gibt es eine Klimaanlage, die Touristen ohne Pullover Erkältungen bringt.

Bekommen erhitzte Reisende Schmerzensgeld?

Die Bahn gibt Reisenden den halben Fahrpreis zurück, wenn im ganzen Zug die Klimaanlage ausgefallen war – und den anderthalbfachen Preis, wenn sie deshalb ärztlich versorgt werden mussten. „Das reicht nicht“, sagt Gerd Billen, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Er brachte ein Schmerzensgeld ins Gespräch, mit 300 Euro als Richtschnur. Ohnehin gibt es bisher statt Bargeld Gutscheine für künftige Fahrten. Einige Politiker fordern Barzahlung.

Kann die Bahn gut mit Krisen umgehen?

Nein. Nach Ansicht von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Bahn im Klima-Fall „Salamitaktik“ statt Krisenmanagement betrieben. Erst waren angeblich wenige Züge betroffen, dann stellte sich das generelle Problem heraus. Die Pressestellen der Bahn zeigten sich überfordert: Eine frühzeitige Anfrage der SZ per E-Mail blieb vorige Woche ganz ohne Antwort. Auf Nachfrage nach Ende der gesetzten Frist hieß es in der Leipziger Pressestelle, die Kollegen in Berlin schafften es nicht. Bahnchef Grube allerdings entschuldigte sich öffentlich bei den Passagieren.

Wo gab es bisher große Technikprobleme?

Im Winter ließ Pulverschnee Züge ausfallen. Der Verband der Bahnhersteller gab der Bahn die Schuld, weil die für die Wartung zuständig sei. Im April verlor ein fahrender ICE eine Tür – die traf den Gegenzug. Vor zwei Jahren entgleiste ein Zug nach einem Achsbruch. Die Neigetechnik funktioniert nicht, sodass Züge von Dresden nach Nürnberg langsamer fahren. Die Fahrt nach Berlin dauert länger als vor dem Zweiten Weltkrieg.

Welche anderen Baustellen hat die Bahn?

Grube steckt in einem Dilemma: Bei Preiserhöhungen bleiben Fahrgäste weg, Sparen aber kostet Sicherheit, und Geld von der Börse gibt es nicht. Zudem steckt Grube in Tarifverhandlungen mit streikbereitem Personal. Der sächsische Betriebsratsvorsitzende Mario Weiß fürchtet, dass die Bahn stark an Ansehen verloren hat und künftig kaum noch gute Mitarbeiter finden wird – Lokführer sei kein Traumberuf mehr. (mit dpa)

Klima-Beschwerden an die Bahn unter

[email protected]

Hotline für Anrufe: 01805–996633