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Wie die EU eine geteilte Stadt eint

Görlitz und Zgorzelec haben sich seit dem EU-Beitritt Polens verändert. Doch verschwunden ist die Grenze nicht.

© Rolf Ullmann

Von Frank Seibel

Görlitz/Zgorzelec. Es gab viel Pathos und große Gesten. Zwei Wirte an beiden Ufern der Neiße spannten ein Seil und schickten sich gegenseitig Piroggen und Crêpes über den Fluss. Das war im Mai 1998, die Neiße trennte noch Welten, und die Bürgermeister riefen gerade den deutsch-polnischen Zwilling Görlitz/Zgorzelec stolz zur „Europastadt“ aus. Wenig später schickten sie sich an, „Kulturhauptstadt Europas 2010“ zu werden (und scheiterten nur ganz knapp). Der Görlitzer Einzelhandel machte 30 bis 40 Prozent seines Umsatzes mit polnischen Kunden, für die es auf der deutschen Seite nicht nur schick war, sondern auch günstig: Die Mehrwertsteuer bekamen sie an der Grenze zurück. Als Polen am 1. Mai 2004 in die EU aufgenommen wurde, gab es ein Riesenfest beiderseits der Neiße. Erst danach wurde die neue Altstadtbrücke mit Tausenden Gästen und vielen bunten Luftballons eingeweiht.

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Täglich am Grenzposten vorbei: Der Görlitzer Unternehmer Claus Junkes hat eine Firma in Polen und findet vieles immer noch viel zu bürokratisch.
Täglich am Grenzposten vorbei: Der Görlitzer Unternehmer Claus Junkes hat eine Firma in Polen und findet vieles immer noch viel zu bürokratisch. © Frank Seibel

Yvonne und Claus Junkes haben das alles mitgemacht – und auch wieder nicht. Denn statt um Pathos ging es für das Ehepaar, das vor zwanzig Jahren aus München nach Görlitz gezogen war, eher ums Praktische. Ihre Tochter schickten sie in den polnischen Kindergarten, dann sogar bis zur sechsten Klasse in die Schule in Zgorzelec – und sie gründeten eine Firma in Polen, die darauf spezialisiert ist, alte Fenster zu restaurieren oder im alten Stil neu zu bauen.

Was wäre, wenn die Grenze wieder „dicht“ wäre, wie es immer mal wieder von Leuten in der Oberlausitz geäußert wird, weil Einbrüche und Autodiebstähle oft mit der offenen Grenze in Verbindung gebracht werden? Was wäre gar, wenn Polen nicht mehr in der EU wäre oder es die kriselnde EU gar nicht mehr gäbe?

„Schlimm!“ entfährt es Yvonne Junkes spontan. Ihr Mann denkt kurz nach und sagt dann: „Eigentlich wäre das ziemlich egal.“ Er erinnert sich an seine Kindheit und Jugend in Oberbayern in den 1970er-Jahren und an die regelmäßigen Wochenend-Tripps ins Nachbarland Österreich. Da war die EU, wie wir sie kennen, noch in weiter Ferne. Eigentlich, sagt Claus Junkes, komme es gar nicht darauf an, ob zwei Nachbarländer in der EU sind. Wenn beide gute Nachbarn sein wollen, dann gehe es auch ohne diese Klammer. Wie gut diese Nachbarschaft sich entwickelt hätte, wenn Polen nicht seit vielen Jahren auf eine EU-Mitgliedschaft hingearbeitet hätte, lässt sich im Nachhinein nicht sagen. Die wenigen Görlitzer Familien, die wie die Junkes‘ ihre Kinder in den polnischen Kindergarten geschickt haben, sagen: Wir hätten es nicht gewagt, wenn nicht sehr deutlich gewesen wäre, dass die politischen Vertreter beider Städte eng kooperieren und die Grenze überbrücken wollen.

Was spürbar ist für Familie Junkes: Seit dem EU-Beitritt Polens schrumpfte die tägliche Wartezeit an der innerstädtischen Grenze langsam bis auf null; schon vor dem Beitritt zum Schengen-Abkommen im Dezember 2007 gab es praktisch keine Wartezeiten mehr. „Aber es wäre keine Tragödie, wenn wir wieder diese Viertelstunde mehr am Tag einplanen müssten“, sagt Claus Junkes.

Auch der Kneipen- oder Restaurantbesuch am polnischen Neißeufer war vor 2004 möglich und für Claus und Yvonne Junkes durchaus üblich. Nur die Auswahl war damals viel kleiner, ja fast nicht vorhanden in Zgorzelec. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der einst düstere und etwas schmuddelige „Griechische Boulevard“ zu einer Flaniermeile entwickelt, auf der ein Dutzend Restaurants aller Stilrichtungen Seit an Seit zu finden ist. Die Stadt Zgorzelec hat mehrere Millionen Euro aus EU-Fonds erhalten, um diese Schattenseite der Stadt zur Schauseite zu machen – und zu einem neuen Zentrum in der seit 72 Jahren geteilten Stadt. Görlitz hat seinerseits eine Brache zum Uferpark gemacht, und so spazieren Deutsche und Polen, Einheimische und Touristen an sonnigen Tagen auf beiden Seiten, queren über zwei Brücken den Fluss und füllen die Kassen der polnischen Wirte. Claus Junkes hat nie Fördermittel von der EU bekommen. Seine kleine Firma „Elegancja“ hat er im Hirschberger Tal in Polen gegründet, weil die Löhne niedrig sind, vor allem aber wegen einer langen handwerklichen Tradition in der Holzverarbeitung. „Da gibt’s halt noch die Eichenbohlen, die seit ein paar Jahrzehnten lagern und trocknen.“ Für die Denkmalpflege, wie Junkes sie betreibt, bietet Polen genau dort Vorzüge, wo es noch nicht durchmodernisiert und standardisiert ist.

Und dass die Bürokratie weniger geworden wäre? „Das haben wir auch gehofft, ist aber nicht so gekommen.“ Wo „Schengen“ die Grenzen geöffnet hat, hat der Mindestlohn sie wieder geschlossen, sagt Claus Junkes. Wenn er mit seinen polnischen Mitarbeitern auf einer deutschen Baustelle arbeiten möchte, „muss ich beim Zoll genau angeben, was wir tun und wie lange das dauern wird“. Der Mindestlohn, sagt Junkes, sei wie eine gläserne Wand, die die Arbeitnehmerfreizügigkeit faktisch ausbremst. Wenn schon EU, dann richtig, findet er.

So „wurscht“ wie dem kleinen Unternehmer ist der Stadt Görlitz die EU keineswegs. Viele Investitionen, aber auch laufende Ausgaben funktionieren nur mit Mitteln aus einem EU-Fonds, sagt Stadt-Sprecher Wulf Stibenz. Acht Millionen Euro erhält die Stadt für die Aufwertung eines ganzen Stadtgebietes, 80 Prozent der geplanten Investitionen; Hallenbad, zwei Kitas, die Stadtbibliothek, die Gestaltung eines zentralen Platzes: zwölf von 16 Millionen Euro kamen von der EU; für Kinder- und Jugendprojekte bekam die Stadt nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren eine halbe Million Euro.

Für den Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) hat die EU-Mitgliedschaft beider Nachbarn aber noch einen ganz grundsätzlichen Effekt: „Erst mit den offenen Grenzen sind wir in die Mitte Europas gerückt. Vorher hat die Grenz- und damit Randlage faktisch und als Lebensgefühl der Menschen dieser Region dominiert.“