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Wie die Görlitzer Siemens-Chef Joe Kaeser heute trafen

Noch vor der Hauptversammlung konnten die Görlitzer Siemensianer heute dem Siemens-Chef persönlich ihr Zukunftspapier überreichen. Die anschließenden Äußerungen Kaesers stimmen die Mitarbeiter optimistisch.

© privat

Von Sebastian Beutler

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München/Görlitz. Überraschung in München: Die Görlitzer Siemensianer konnten Siemens-Chef Joe Kaeser heute Morgen vor der Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle persönlich ihr Zukunftspapier überreichen. Damit hatten die Görlitzer Turbinenbauer ursprünglich gar nicht gerechnet. Doch als gestern die Nachrichten sich verdichteten, dass auch andere Einheiten von Siemens vor der Olympiahalle demonstrieren würden, schrieben die Görlitzer kurzerhand eine Mail an Kaeser und erläuterten ihr Anliegen, nämlich zusammen mit Siemens etwas für Görlitz zu erreichen. „Das war um 21 Uhr“, berichtet Christoph Scholze vom Organisationsteam gegenüber der SZ. „Um 23.59 Uhr schrieb Joe Kaeser zurück, dass er sich freuen würde, persönlich das Zukunftspapier von den Görlitzern zu erhalten.“

Daraufhin wurde der morgendliche Ablauf nochmals völlig über den Haufen geworfen. Die Görlitzer Radfahrer fuhren unter die Olympiahalle, wo Kaeser sie empfang. Vor der Bühne der Hauptversammlung überreichten ihm dann Vertreter des Görlitzer Siemens-Werkes das Papier, in dem eine Zukunft für die Industriedampfturbinen in Görlitz gefordert wird. Es ist die Grundlage seitens der Arbeitnehmer für die Gespräche mit der Siemens-Spitze. Görlitz spielte dann in der Rede von Kaeser vor den Aktionären eine große Rolle. Zwar verteidigte Siemens-Chef Joe Kaeser die geplanten massiven Einschnitte im Kraftwerksgeschäft wegen der anhaltenden Probleme in der Sparte als unvermeidlich.

Angesichts schrumpfender Umsätze und eines Ergebniseinbruchs im ersten Geschäftsquartal sei der Handlungsbedarf „sogar dringlicher geworden“, sagte Kaeser am Mittwoch vor Beginn der Hauptversammlung in München. Siemens will in der Sparte tausende Jobs streichen und hatte auch die Schließung von Werken angekündigt, darunter auch der Standort im sächsischen Görlitz. Doch brachte Kaeser nun am Rande des Aktionärstreffens eine mögliche Lösung für den Standort ins Spiel. Man erwäge ein „Industriekonzept Oberlausitz“, sagte Kaeser. Vorstellbar wäre etwa, dass das Werk eigenständiger werde, dabei aber zunächst unter dem Dach von Siemens verbleibe.

In einigen Jahren könnte der Standort dann in einem Industrie-Verbund aufgehen. Nötig wäre dann wohl auch eine Umsteuerung bei den Produkten, etwa hin zu Speichertechnologien. Um solche Erwägungen umzusetzen, bedürfe es aber der Mitwirkung der Bundes- und Landesregierung sowie anderer Beteiligter, sagte Kaeser. Erst jüngst hatte er den Beschäftigten in Görlitz am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos Hoffnung gemacht.

Christoph Scholze wertete die Ankündigung Kaesers positiv. „Wenn wir eigenständiger werden könnten, könnten wir die Vermarktung der Industriedampfturbinen verbessern“, erklärte er. Die Pläne Kaesers für ein Industriekonzept Oberlausitz deuten auch in die Richtung, die der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende Christian Hainke in einem SZ-Interview vor zwei Wochen angedeutet hatte. So könnte die Produktion der Industriedampfturbinen in Görlitz zunächst einmal weiter laufen. Parallel dazu würden neue Produkte gemeinsam mit Universitäten und Hochschulen und teilfinanziert von Bund und Land entwickelt, die dann zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft die Industriedampfturbine ablösen würden. Zu den Siemens-Mitarbeitern sagte Kaeser, er wolle nicht nur eine Zukunft für die nächsten 5 oder 10 Jahre für das Görlitzer Werk, sondern auch die Kinder der heutigen Mitarbeiter sollten in Görlitz und bei Siemens eine Zukunft haben.

Die Vorschläge von Siemens-Chef Joe Kaeser werden in ersten Reaktionen der Politik positiv gewertet. Der sächsische Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Stephan Kühn erklärte, „es kommt jetzt darauf an, nicht nur die Arbeitsplätze bei Siemens im Blick zu haben, sondern die Rahmenbedingungen für klein- und mittelständische Unternehmen in der Region zu verbessern. Dazu gehören belastbare Strukturen für den Technologietransfer von Hochschulen zu den Unternehmen wie auch die Verbesserung der Infrastruktur insgesamt. Der Breitbandausbau wie auch die Elektrifizierung der wichtigen Eisenbahnverbindungen der Oberlausitz müssen jetzt vordringlich angegangen werden. Hier kann die Bundesregierung ihren Unterstützungsankündigungen konkrete Taten folgen lassen.“