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Wie die „Gruppe Freital“ Angst verbreitete

© Ronald Bonß

Zum ersten Mal sagt im Prozess gegen die mutmaßlichen Rechtsterroristen ein Opfer aus. Die Folgen des Anschlags spürt Michael Richter bis heute.

Von Andrea Schawe

Dresden. Das neue Auto steht aus Sicherheitsgründen in einer Tiefgarage. Nach dem Anschlag habe er sein Verhalten „dramatisch geändert“, sagt Michael Richter. Unter Tränen und mit stockender Stimme beschreibt er vor dem Oberlandesgericht die Konsequenzen der Nacht des 27. Juli 2015. Damals ist sein Auto in die Luft gesprengt worden, direkt vor seiner Haustür.

Verantwortlich dafür soll die „Gruppe Freital“ sein. Sieben Männer und eine Frau zwischen 19 und 39 Jahren müssen sich seit Anfang März wegen Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung und versuchten Mordes verantworten. Die Anklage legt den mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe Freital mehrere Sprengstoffanschläge in Freital und Dresden zur Last.

Michael Richter ist das erste Opfer, das in dem Prozess aussagt. Eigentlich ist der Freitaler Linken-Stadtrat ein gefasster Typ. Von den Drohungen gegen ihn erzählte er immer sachlich, gespickt mit ironischen Kommentaren. Im Gerichtssaal scheint der Druck zu groß zu sein. Es gehe ihm „beschissen“. „Ich gehe jeden Tag einen anderen Weg zur Arbeit, jedes Mal zu einer anderen Zeit“, sagt der 41-Jährige, der in Freital mehrere Pro-Asyl-Demonstrationen veranstaltet hat. Unter Tränen schildert er die Beleidigungen und Drohungen gegen ihn, „bis hin zu Morddrohungen“: „Stellt ihn an die Wand, erschießt ihn, steinigt ihn“. An das Parteibüro, auf das die Gruppe ebenfalls einen Anschlag verübt haben soll, sind Hakenkreuze und Parolen wie „Richter, wir kriegen dich“ oder „linke schwule Sau“ geschmiert worden. Seit der Festnahme der ersten Gruppenmitglieder im November 2015 sei es ruhiger geworden, die Bedrohungen – auch bei Facebook – haben aufgehört, sagt er. „Aber ich habe die Zeit, die ich in Freital verbringe, sehr reduziert.“ Er gehe mehr arbeiten, auch an den Wochenenden halte er sich viel außerhalb der Stadt auf.

In der Verhandlung am Freitag hob das Gericht die Überwachungsanordnung für den jüngsten Angeklagten auf. Justin S. muss nun nicht mehr durch eine Trennscheibe mit seinen Verteidigern reden. Außerdem wird auf Kontrollen der Verteidigerpost verzichtet. Der 19-Jährige hat bisher als Einziger umfangreich vor Gericht ausgesagt, sich selbst und die Mitangeklagten belastet. Justin S. verfolge keine terroristischen Ziele mehr, sagt der Vorsitzende Richter. Daraufhin reichten die Verteidiger für drei weitere Angeklagte Anträge ein.

In der Sitzung wurde auch bekannt, dass es den Angeklagten in der Untersuchungshaft offenbar möglich war, sich untereinander abzusprechen. Das belegen Briefe an Mitangeklagte und deren Freundinnen, die sichergestellt wurden. Aus den Schreiben gehe hervor, dass die Taten durch ein rechtsextremistisches Weltbild bestimmt waren, sagt eine Anwältin der Nebenklage. Philipp W. schimpfte in einem Brief über „die Juden in der Justiz“, die ihn nur wegen seiner politischen Einstellung festgenommen hätten. Außerdem schwärmen Timo S. und Philipp W. bis heute von den Taten: Sie waren „nicht klug, aber geil“, schrieb der mutmaßliche Rädelsführer S. an seinen Kumpel.