merken

Landtagswahl 2019

Wie die SPD in Sachsen um Stimmen ringt

Im Gegensatz zu seiner Partei, die im Sinkflug ist, gilt Sachsens SPD-Chef Dulig als populär. Er sucht die Nähe zum Bürger. Genügt das, um das Ruder herumzureißen?

Sachsens SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig. © Hendrik Schmidt/dpa

Von Christiane Raatz

Chemnitz/Dresden. Dicht neben seinem kleinen roten Podest steht Martin Dulig inmitten der Chemnitzer Fußgängerzone, ein Mikrofon in der Hand. Der Spitzenkandidat der sächsischen SPD spricht spontan und ohne Redezettel - über Tariflöhne, Grundrente und sein Herzensprojekt, die Gemeinschaftsschule. Der Wirtschaftsminister hat für die heiße Phase des Wahlkampfes ein neues Format kreiert: den "Fünf-Minuten-Dulig", wie der Schriftzug auf dem Podest verrät. Damit taucht der 45-Jährige unvermittelt in Fußgängerzonen auf. Ohne sein Podest, so berichten Wahlhelfer, verreist Dulig nicht mehr.

Die Idee für das Format hatte er selbst, inspiriert von der Speakers' Corner in London. Gerade der Wahlkampf habe oft etwas Parolenhaftes. "Genau das mag ich nicht so." Mit seiner Mini-Rede will er die Menschen erreichen, die vorbeischlendern. "Ich stelle mich hin und rede. Das mache ich gern." Das Bad in der Menge liegt ihm. Er zeigt sich gern als Politiker von nebenan, sucht den direkten Kontakt. So reist er seit Jahren mit seinem Küchentisch durchs Land und lädt Bürger zu Gesprächen ein. Oder Dulig arbeitet undercover als Dachdecker, Pfleger oder Bergmann.

Anzeige
Kein „Supermarkt für Medizin“

Fach- und sachkundige Beratung sind in der Apotheke im Seidnitz Center das A und O.

Während seine Partei in jüngsten Umfragen zur Landtagswahl noch weiter auf acht Prozent gerutscht ist, kommt Dulig scheinbar an. Im Sachsentrend des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) zeigten sich 47 Prozent der Befragten mit dem Politiker und seiner Arbeit zufrieden. Damit liegt Sachsens Vize-Regierungschef auf dem zweiten Platz hinter Ministerpräsident Michael Kretschmer (66 Prozent) von der CDU.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Landtagswahl-Spitzenkandidaten erleben

Beim gemeinsamen Wahlforum der drei großen Zeitungshäuser in Sachsen können Leser am 21. August live dabei sein.

Riesige Lücke zwischen Person und Partei

Kritiker werfen Dulig hingegen Aktionismus vor und stellen seine Macherqualitäten in Frage. Er reise durchs Land und erkläre, was alles nicht gehe statt Lösungen anzubieten, meint ein Abgeordneter einer Oppositionspartei.

Eine Einstelligkeit bei Wahlergebnissen ist der Sachsen-SPD vertraut. 2004 erreichte sie bei der Landtagswahl nur 9,7 Prozent und verbuchte damit das bis dato schlechteste Ergebnis für Sozialdemokraten bei einer Landtagswahl in Deutschland. Bei den darauffolgenden zwei Wahlen 2009 und 2014 wurden die sächsischen Genossen mit 10,4 Prozent und 12,4 Prozent zumindest wieder zweistellig. Nun droht ein neuer Tiefpunkt.

Nicht einmal vier Wochen hat Dulig, um die enorme Lücke zwischen seiner Person und der Partei zu schließen. Die einzige Chance der SPD: Die guten Werte von Dulig und der anderen beiden Zugpferde - Frank Richter und Petra Köpping - auf die Partei zu übertragen. Richter geniest als früherer DDR-Bürgerrechtler Ansehen, Köpping hat sich als Integrationsministerin für eine Aufarbeitung der Wendezeit stark gemacht. "Die Lage der SPD bundesweit hat uns in Sachsen derart runtergezogen, dass wir gar nicht erst spekulieren oder warten wollen. Wir müssen es aus eigener Kraft schaffen."

Der SPD-Wirtschaftsminister sucht die Nähe zum Bürger, zum Beispiel während seiner Küchentisch-Tour im Wahlkampf. © Hendrik Schmidt/dpa

Dennoch ist an diesem Sommernachmittag auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nach Chemnitz gereist. Er lobt Dulig als einen, "der Dinge tut, die sich viele nicht trauen - auch, was den direkten Kontakt zu den Bürgern betrifft". Daher könne das Ergebnis am Ende des Wahltages besser ausfallen, als manche vorhergesagt haben.

Viele laufen vorbei, einige bleiben stehen und lauschen. "Dulig ist glaubwürdig und weiß, was er will. Er hat eben ein Problem, weil die Bundes-SPD voll durchhängt", sagt ein älterer Mann. Eine Frau ist mit dem Rad unterwegs zum Markt, sie hält an und steigt ab, um dem "Fünf-Minuten-Dulig" zu lauschen. "Ich hoffe, dass SPD und CDU wieder die Regierung bilden können", sagt sie. Ein frommer Wunsch: Denn nach derzeitiger Konstellation ist in Sachsen abseits von AfD und Linken mindestens ein Dreier-Bündnis nötig. Die Frau mit dem Rad hofft auf eine Bahnverbindung. Vor 30 Jahren habe man bis nach Eisenach fahren können. "Jetzt komme ich nicht mal mehr nach Erfurt."

Schwierigste Wahl der letzten 25 Jahre

Die fehlende Anbindung von Chemnitz, ein Thema, das viele Bürger auch am Abend bewegt, als Dulig an seinen vollgekritzelten Küchentisch ins Chemnitzer Veranstaltungszentrum Luxor einlädt. Rund 100 Menschen haben sich im Saal versammelt, die Plätze für Bürger bleiben nicht lange frei. Auch die Chemnitzer SPD-Landtagsabgeordnete Hanka Kliese und Bundesfinanzminister Scholz haben am Tisch Platz genommen. Ein Bäckermeister fragt nach der Rente, einem jungen Mann ist die SPD nicht links genug. Eine Altenpflegerin in knallroter Jacke kritisiert die mangelnde Volksnähe der Politiker, viele seien unnahbar geworden.

Dabei sei es noch nie so einfach gewesen, mit Politikern ins Gespräch zu kommen, halten Dulig und Kliese dagegen. Der stellvertretende Regierungschef betont, wie die SPD in den vergangenen fünf Jahren das Erbe von Schwarz-Gelb "repariert" und etwa bei Lehrern oder Polizei nachgesteuert habe. Auch die Bahnstrecke Chemnitz-Leipzig, die inzwischen in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde, schreibt Dulig auf sein Konto als Verkehrsminister. Man brauche jetzt bei der SPD eine "Trotzreaktion aus Zuversicht", ruft er mit Blick auf die Wahl am 1. September. Seine Partei wolle weiterhin mitregieren, um etwas zu verändern. Es stehe viel auf dem Spiel, so Dulig. "Das wird die schwierigste Wahl der letzten 25 Jahre." (dpa)

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.