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Wie die Weihnachtsgans nach Wehrsdorf kam

Vor 25 Jahren wurde die Geschichte von Auguste zum ersten Mal im DDR-Fernsehen gezeigt. Einige Szenen davon entstanden im Oberland.

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Von Katja Schäfer

Gänsegeschnatter ist im Hintergrund zu hören, als der rote Lada durch die enge Straße fährt, um die Kurve biegt und hinter einem Umgebindehaus verschwindet. Am Steuer sitzt Opernsänger Ludwig Löwenhaupt, daneben seine Frau Hanna, auf der Rückbank Sohn Peterle. So beginnt ein Film, der zu Weihnachten gehört, wie Dinner for One zu Silvester. Die Geschichte, in der ein potenzieller Festbraten zum geliebten Haustier wird, ist seit ihrer Erstausstrahlung vor 25 Jahren fester Bestandteil des weihnachtlichen TV-Programms. Und immer, wenn Die Weihnachtsgans Auguste im Fernsehen läuft, blicken Tausende Zuschauer mitten hinein in den Ort Wehrsdorf. Denn der DDR-Film nach einer Erzählung von Friedrich Wolf wurde dort gedreht. Zumindest zum Teil.

Die turbulente Geschichte nimmt in Wehrsdorf ihren Anfang. Foto: RBB
Die turbulente Geschichte nimmt in Wehrsdorf ihren Anfang. Foto: RBB

Zum Martinsgans-Essen fährt Familie Löwenhaupt zu Tante Rosl aufs Land. Und dieses Land, das ist die Oberlausitz; genauer gesagt Wehrsdorf. „Viele Leute aus den mittleren Jahrgängen wissen, dass für den Film hier gedreht wurde; jüngere kaum“, sagt Peter Pietsch von den Wehrsdorfer Heimatfreunden. Aber was führt ein Filmteam aus Berlin ausgerechnet in das Dorf an der tschechischen Grenze? Hatte einer aus der Crew dort eine Freundin? Bodo Fürneisen schüttelt lachend den Kopf. Der 63-Jährige ist Regisseur des Kultfilmes. Die Weihnachtsgans Auguste war sein Durchbruch. Sie machte ihn einem größeren Publikum bekannt. Im Drehbuch waren Umgebindehäuser als Kulisse vorgegeben. Also suchte der Szenenbildner in der Oberlausitz einige geeignete Stellen aus. Die endgültige Entscheidung oblag dem Regisseur. Er erzählt: „Der Szenenbildner hat mich rumgefahren. Ständig ging es raus aus dem Auto, rein ins Auto. Wie die Orte heißen, wusste ich nicht. Einer gefiel mir optisch am besten. Er bot genau das, was das Drehbuch verlangte.“ Es war Wehrsdorf.

Bauernstube im Studio

Das Auto der Löwenhaupts tuckert über eine verschneite Landstraße. Auf dem Hügel beim ehemaligen Gemeindeamt am Ortseingang aus Richtung Sohland hält die Familie an. „Da, Peterle, da haben wir gewohnt. Da, das schwarze Haus“, sagt Dietrich Körner, der den Vater spielt, mit ausgestrecktem Arm. Die nächste Einstellung zeigt den Blick aufs winterliche Wehrsdorf. Mittendrin die Kirche. Es folgt eine Fahrt durchs Dorf. Barbara Geißler kennt die Bilder. „Das ist die Lessingstraße“, sagt die ehemalige Lehrerin, die sich sehr für ihren Wohnort engagiert, unter anderem im Waldbadverein. Mit einer Handkamera sind die Filmleute durchs Dorf gefahren; daran erinnert sich der Regisseur gut.

Alles andere wurde im Defa-Studio in Potsdam-Babelsberg gedreht. „Der Innenraum des Bauernhauses wurde extra dafür nachgebaut“, erzählt Bodo Fürneisen. Auch die Wohnung der Löwenhaupts stand im Studio. Dort wird Auguste – die alle Gustje nennen – zum Familienmitglied, nachdem Peter und seine Geschwister sie aus dem Keller befreit haben. Sie sei ein ganz besonderes Talent gewesen, erinnert sich der Regisseur. „Gänse gehören zu den Tieren, die ganz schwer zu dressieren sind“, sagt er. Deshalb wurden gleich zehn Gänse, die 1987 geschlüpft waren, trainiert. „Die Talentierteste bekamen wir“, erzählt Bodo Fürneisen. Auguste, die eigentlich ein Ganter ist, musste allerhand leisten – sich streicheln lassen, mit Peterle Eisenbahn spielen, ihn in die Schule begleiten, aufs Schlagzeug trommeln ... Und sogar einen Strickpullover tragen. In den wird das Tier gesteckt, als es kahl gerupft wieder aufwacht, nachdem es vermeintlich ins Jenseits befördert wurde.

Musste wirklich eine lebende Gans für den Film ihre Federn lassen? Bodo Fürneisen beruhigt: „Natürlich nicht. Sie hat einen Gummianzug bekommen, mit dem sie aussah wie nackt.“ Der Anzug beeinträchtigte den Gleichgewichtssinn der Gans. „Dadurch ist sie so schön getorkelt“, erklärt der Regisseur. Das passte perfekt. Denn Auguste soll schließlich benommen wirken, als sie wieder aufwacht, nachdem der Opernsänger ihr Schlaftabletten verabreicht hat, um sie schlachten zu können.

Noch viele Auftritte für Gustje

Doch Gustje überlebte – das Weihnachtsfest bei Löwenhaupts und noch viele weitere. Erst im Frühjahr dieses Jahres starb der Ganter mit 26 Jahren. Sein Zuhause war bis dahin eine Tierfilmschule in Brandenburg. Nach dem Erfolg als Auguste hatte er weitere Rollen, unter anderem im Til-Schweiger-Streifen Männerpension oder im Shakespeare-Thriller „Anonymus“ von Hollywood-Regisseur Roland Emmerich. Davon ahnt niemand was, als die Löwenhaupts vor einem Vierteljahrhundert vom Lande wieder in die Großstadt fahren. Da sitzt die Mutter am Lenkrad und Peterle nicht allein auf der Rückbank. Neben sich hat er die Gans, die sechs Wochen später der Weihnachtsbraten der Familie werden soll. Während der pfiffige Sohn über einen Namen für das Tier nachdenkt, ziehen an den Autofenstern Umgebindehäuser vorbei .Und so blicken die Zuschauer noch mal mitten hinein nach Wehrsdorf. Auch zum diesjährigen Weihnachtsfest wieder, selbst wenn der Streifen in den nächsten Tagen nicht auf dem Sendeplan steht. „Die Weihnachtsgans Auguste“ gibt es mittlerweile auf DVD. Denn die Geschichte um Gustje begeistert auch 25 Jahre nach der Erstausstrahlung immer noch Jung und Alt. „Dieser Streifen behält irgendwie immer seinen Frischwert. Er überdauert die Zeiten. Deshalb hat er für mich besondere Bedeutung“, sagt Bodo Fürneisen. Auch für Wehrsdorf ist der Film etwas Besonderes.