Merken

Wie ein abgesperrter Weg zum Schlachthof

In Duisburg wachsen nach der Tragödie Wut und Trauer. Nach und nach melden sich immer mehr Augenzeugen – und berichten Unglaubliches.

Teilen
Folgen

Von Bianca Belouanas

Der Duisburger Todestunnel ist zur Trauermeile geworden. Zwei Tage nach der Loveparade, die 20Menschen das Leben gekostet hat, erweist er sich am Montag als Ort des Abschieds und der Tränen, an beiden Enden flankiert von rot-weißen Absperrungen und Übertragungswagen der Fernsehsender.

Mit zitternden Händen zündet die 24-jährige Patricia aus Schwerte eine Kerze an. Aus Trauer „um die, die gestorben sind“. Gerade hat sie zwei Rosensträuße abgelegt. Sie schluchzt, die Wimperntusche läuft ihr mit den Tränen über die Wange. Mutter Karin Otto nimmt sie in den Arm. Ein verstauchtes Handgelenk, Rippenprellungen und zwei lockere Schneidezähne erinnern Patricia noch immer an die grauenvolle Enge in der Menschenmasse. Mit fünf Freunden kam die junge Frau am Sonnabend auf die Loveparade, wo sie selbst zum Zeitpunkt des Unglücks gegen 17Uhr vor dem Tunnel nahe einem Treppenaufgang zum Gelände des alten Güterbahnhofs eingequetscht wurde.

„Es war bedrückend, alles war eng. Plötzlich fingen die Schlägereien an, die Leute waren nur noch in Panik. Wir haben uns dann durch den Tunnel gequetscht. Ich habe nur noch um mich geschlagen und wollte nur noch raus, egal wie“, erzählt Patricia. Seither quälen sie die schrecklichen Bilder der Verzweifelten: „Die letzten zwei Nächte habe ich nicht geschlafen.“

Während sie sich am Sonnabend noch durch den Tunnel kämpfte, kam ihre Mutter beinahe um vor Sorge. „Ich hatte in den Nachrichten die Bilder von der Massenpanik gesehen. Meine Tochter konnte ich über das Handynetz nicht erreichen, und die Hotline war immer besetzt“, sagt die 55-Jährige. Sie sei unglaublich erleichtert gewesen, als ihre Tochter sie gegen halb zehn am Abend endlich angerufen habe. „Wenn man die Bilder im Fernsehen gesehen hat, das war doch wie ein abgesperrter Weg zum Schlachthof“, sagt Karin Otto.

„Schlimm, ganz schlimm“, bestätigt ein vorbeigehender Fußgänger. Es sind Hunderte Menschen, die hier bereits Teelichter, Kerzen, Plüschtiere, Porzellanengel und Blumensträuße auf dem Gehweg abgelegt haben. Auf selbst entworfenen Zetteln und Plakaten, teils vom Regen aufgeweicht, teils von Klarsichthüllen geschützt, stehen Botschaften wie „Ich klage an: Die verantwortlichen Organisatoren haben unsere Kinder in den Tod getrieben. Eure Mütter“. Und auf einem gelben Schild bittet jemand: „Ruhet in Frieden. Gott, tröste du die Angehörigen und Freunde.“

Längst hat der Regen einige der Kerzenflammen gelöscht, doch immer wieder werden neue entzündet. Acht Meter misst die Kondolenzstrecke an der Ostseite des Tunnels an der Karl-Lehr-Straße. Dort steht eine weiße Kondolenztafel. „In tiefer Trauer und Anteilnahme“, steht darauf. Auf der Vorderseite haben viele mit ihrem Namen unterschrieben, auf der Rückseite ist unter anderem zu lesen, dass sich einige Menschen „schämen, Bürger dieser Stadt zu sein“.

Einige halten es für richtig, nach dem Tod von 20 Menschen auch die Loveparade sterben zu lassen. „Erst euer Tod hat die Verantwortlichen angemessen handeln lassen“, steht etwa auf einem Schild. Doch für Patricia steht trotz des Schreckens und ihrer Verletzungen fest: Sie würde wieder zur Loveparade gehen, wenn sich die Veranstalter wider Erwarten doch für eine Fortsetzung entschieden. „Man soll das den Menschen nicht kaputt machen. Man muss das nur im Vorfeld besser planen und uns nicht so einsperren wie hier“, fordert sie aber als Voraussetzung. (apn)