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Wie ein Jackpot im Lotto

Eislöwen-Profi Petr Macholda mischt Deutsch, Englisch und Tschechisch. Heraus kommen Begriffe wie Sponsonieren.

© Ronald Bonß

Er sitzt entspannt in der Kabine. Petr Macholda hat die Umkleide für sich allein. Es ist Sommer – die eishockeyfreie Phase und mehr Zeit für die Familie als sonst. Er wohnt in Dresden in einem Appartement, seine Frau Marcela und der gemeinsame Sohn Matthias leben zu Hause im nordböhmischen Litvinov. Das ist nur knapp 70 Kilometer entfernt – höchstens 90 Minuten Fahrzeit, liegt also „quasi um die Ecke“. Das ist dem Eislöwen-Profi wichtig, denn: „Heimat ist für mich Tschechien.“

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Lange Zeit war er weiter weg. 2004 wechselte er erstmals zu einem deutschen Klub, nach Kassel zu den Huskies, die damals in der DEL, der ersten Liga, spielten. Bei den Hessen stand schon sein Vater Vladimir, durch den auch Petr zum Eishockey kam, in den 1990er-Jahren unter Vertrag. „In Tschechien ist diese Sportart die populärste. Es gibt sehr viele Topspieler aus der Region.“ Doch Kassel sowie später Frankfurt am Main, Wolfsburg und Augsburg waren weit weg und er damals „ein Dreivierteljahr von meiner Familie weg“, sagt Macholda. „Deutschland wurde zu meiner beruflichen Heimat. Erstmals hatte ich zwei Lebensmittelpunkte.“

Mit deutschen Wurzeln

Der Verteidiger besitzt wie sein Vater den deutschen Pass. Das hängt mit ihren Vorfahren und der Geschichte zusammen. Macholdas Geburtsort Most (Brüx) und Litvinov (Leutensdorf) gehörten bis 1945 zu Deutschland. Somit fällt der 34-Jährige nicht unter das Ausländerkontingent: vier Profis pro Klub in der DEL 2. Wegen dieser Einschränkung gibt es kaum eine Sportart mit so vielen doppelten Staatsbürgerschaften. Bei den Eislöwen spielen Deutsch-Kanadier, -Letten, -Österreicher und -Tschechen wie Macholda.

Die größte Herausforderung beim Wechsel nach Deutschland war für ihn, die neue Sprache zu erlernen. „Auch, wenn Spieler im Verein sind, die aus demselben Land kommen wie du, hilft das meist nur wenig. Denn wenn du immer auf andere Leute zurückgreifst, die dir bei jeder Sache helfen, lernst du die Sprache nie.“ Es sei wichtig, Deutsch zu können, auch wenn in der Kabine meist Englisch geredet werde. „Andere wollen Deutsch mit dir sprechen – Fans, Angestellte des Vereins, Menschen außerhalb vom Eishockey.“ Inzwischen beherrscht Macholda die Sprache, mischt Deutsch, Englisch, Tschechisch und erfindet dabei Begriffe wie Sponsonieren.

Macholda spielte auch international für beide Staaten – in tschechischen Nachwuchsteams und für die deutsche Auswahl. „Es ist eine Ehre für jeden Eishockeyprofi, in der Nationalmannschaft zu spielen. Sobald du an der blauen Linie stehst, die Hymne hörst und ein Land repräsentierst, willst du dich nicht blamieren.“ 2007 berief ihn der damalige Bundestrainer Uwe Krupp sogar in den Kader für die WM. Aber plötzlich folgte die Absage – nicht aus sportlichen Gründen. Macholda hatte in der Saison 2005/06 noch mal in Karlovy Vary (Karlsbad) gespielt und dadurch die zweijährige Frist für den Nationenwechsel nicht erfüllt. Seine internationale Karriere endete, bevor sie begann. Er hat dieses Thema abgehakt: „Es ist doch ein großes Glück, Beruf und Hobby so zu vereinen, wie wir Profis das können.“

Früher spielte Macholda höchstens zwei Jahre beim gleichen Klub. „Da war ich jünger und mir das Umziehen egal. Ich fand es schön, viele Städte zu sehen.“ Seit 2013 steht er bei den Eislöwen unter Vertrag – so lange wie bei keinem anderen Verein. Macholda geht mit ihnen in seine vierte Saison. „Es ist für uns immer auch bedeutend zu sehen, wie sehr sich ein Spieler mit dem Klub und dem Umfeld identifiziert“, sagt Geschäftsführer Volker Schnabel. „Bei Petr ist das absolut der Fall.“ Macholda sei eine prägende Säule des Teams.

„Ich fühle mich absolut wohl, habe die Eislöwen in mein Herz geschlossen“, sagt Macholda. Die sächsische Hauptstadt sei aufgrund ihrer Nähe zu seiner Heimat ein guter Standort für ihn, der beste, den er sich vorstellen kann – „so, als hätte ich den Jackpot im Lotto gewonnen“. Dresden mit seiner Altstadt sei „wie ein kleines Prag“ und die Eislöwen für ihn zur „zweiten Heimat geworden“. Er hat in Dresden viele Freunde gefunden, dennoch verspürt Macholda manchmal Heimweh.

„Du brauchst für alles einen Schein“

Gerade, als sein Sohn noch ein Baby war, versuchte er, in jeder freien Minute zu Hause zu sein. Inzwischen geht Matthias in die Schule und spielt auch Eishockey. Sein Papa gehört nicht nur zu den Leistungsträgern, sondern ist eine Konstante in der Mannschaft. Das für Eishockey-Vereine typische Kommen und Gehen gibt es auch bei den Eislöwen. „Viele Profis wechseln sehr häufig. Ab und zu ist die Hälfte der Mannschaft neu, hin und wieder sogar das ganze Team und manchmal auch der Kumpel weg“, sagt Macholda. Für die meisten sind finanzielle Gründe entscheidend, er verzichtet lieber auf etwas Geld und bleibt, wo er sich wohlfühlt.

Auf die Frage, was typisch deutsch sei, antwortet Macholda: „In Deutschland brauchst du für alles einen Schein, auch wenn es nicht sinnvoll zu sein scheint, und musst dich an zu viele Regeln halten.“ Er erinnert sich noch gut an seine Zeit in Augsburg: „Am meisten ist mir das in Bayern aufgefallen. Wenn ich da mit dem Hund Gassi gehen wollte, wusste ich nie, ob ich ihn nun an die Leine nehmen muss oder nicht.“ Tschechen sehen das nicht so streng. Sie seien aber auch „nicht so multikulturell“ wie Deutsche.

In einem Punkt ist Petr Macholda garantiert nicht typisch tschechisch. Seine Landsleute haben den höchsten Pro-Kopf-Konsum an Bier in Europa – vor Deutschland. Er aber sagt. dass er sich daraus wenig macht. „Für mich ist das nur Bier.“