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Wie ein Treppenwitz dieses Schloss rettete

Die Geschichte des Schlosses Krobnitz erzählt von Adel, Krieg und Verfall - und von einem Professor, dessen Idee mutige Sachsen auf ihre Weise vollendeten.

© kairospress

Von Thomas Schade

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Wer baut ein strahlend weißes neoklassizistisches Schlösschen in die sächsische Provinz? Diese und ähnliche Fragen muss Johannes Ansorge oft beantworten, wenn er am Portal von Schloss Krobnitz Besucher empfängt. Die Antwort fällt dem ehrenamtlichen Schlossführer nicht schwer. Er kann stundenlang Geschichten erzählen über den preußischen General Albrecht Theodor Emil Graf von Roon, der das ehemals barocke Anwesen 1873 kaufte, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. „Damals gehörte Krobnitz noch zu Preußen“, erzählt Ansorge, „die Sachsen hatte diesen Teil der Lausitz nach den Befreiungskriegen 1815 an die Hohenzollern verloren.“ Und Graf von Roon, Generalfeldmarschall und Ministerpräsident Preußens, suchte mit 70 Jahren ein ruhigeres Örtchen fernab von Berlin, wo er Jahrzehnte am preußischen Hof gedient hatte. Ganz unkriegerisch sei auf diese Weise ein Stück Preußen in die obere Lausitz gekommen, pflegt Johannes Ansorge zu sagen. Und er versichert den Besuchern, dass sie gerade das bedeutendste neoklassizistische Schloss in Ostsachsen betreten. „Wir halten diese Tradition hoch, so gut wir können, auch wenn sie erst im 19. Jahrhundert beginnt.“

Das Schloss Krobnitz

Besiedelt war die Gegend am Schwarzen Schöps westlich der Königshainer Berge schon 700 Jahre früher. Akribisch hat der Museologe Steffen Menzel in den Archiven gesucht. Mehr als drei Jahrhunderte hatte eine Familie von Döbschütz das Sagen in Krobnitz. Neben weiteren Lehnsherren ist vor allem ein Zweig der Familie von Uechtritz zu nennen. Sie ließ um 1732 ein barockes Herrenhaus errichten, von dem nur noch eine Zeichnung existiert.

Zwei Generationen lang sorgte Familie Uechtritz dafür, dass sich das Dorf entwickeln konnte. Die Herrschaft wurde aber nicht glücklich in Krobnitz. Todesfälle setzten dem Familienerben Friedrich Wilhelm zu. Mit 28 Jahren verlor er, ein Jahr nach der Hochzeit, seine Frau. Sie starb nach der Geburt des ersten Kindes. Das Kind starb nur zwei Jahre später, 1764, fast zur gleichen Zeit wie Friedrich Wilhelms Vater.

Dennoch seien Spuren vom Wirken derer von Uechtritz bis heute in Krobnitz zu finden, sagt der Schlossführer. Nach dem Vornamen Friedrich sei das kleine felsige Tal „Friedrichstal“ benannt worden, das heute Friedenstal heißt. „Nach dem Tod seiner Familienangehörigen ließ Friedrich Wilhelm dort einen romantischen Park anlegen, mit Tümpeln, einem Wasserfall und einem Pavillon.“ Von ihm stamme vermutlich auch die Allee zum Park, deren mächtige Linden noch erhalten sind.

Als Graf von Roon 1873 das barocke Anwesen für 134 600 Taler kaufte, 75 Jahre nach dem Tod Friedrich Wilhelms von Uechtritz, wirtschafteten in Krobnitz zwei Fuhrwerke. Es wurden Ziegel und Schnaps gebrannt, Bier gebraut, Mehl und Öl gemahlen und Merino-Schafe gezüchtet. Etwa 200 Menschen lebten in 35 Häusern.

Ziemlich mittendrin ließ der in die Jahre gekommene Graf sein Stück Preußen aufwachsen. Mit strengen geraden Linien ähnelt seine Residenz dem preußischen Kriegsministerium, das zu jener Zeit in Berlin an der Leipziger Straße stand, allerdings viel größer war. So sahen sich die Dachbalustraden beider Gebäude zum Verwechseln ähnlich. Heute sind nur die Balustraden in Krobnitz noch zu sehen.

Bauherr Albrecht von Roon zählte im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten Militärs in Preußen. Er betrieb wissenschaftlich Militär-Topografie. Diese Fähigkeiten führten ihn alsbald in den preußischen Generalstab nach Berlin. Von Roon machte in der Zeit Karriere, als Napoleons Vorherrschaft in Europa endete, als Wissenschaftler und Techniker immer neue Bausteine für wirtschaftliche Fortschritte lieferten und als Preußen nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1871 an der Spitze des Kaiserreiches stand.

Auf dem Bild, das zeigt, wie Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wird, musste Kunstmaler Anton von Werner auf Geheiß des Kaisers auch General von Roon einen Platz einräumen, obwohl er bei dem Ereignis gar nicht anwesend war. Roon stand an jenem 8. Januar 1871 am Fenster eines Nebengebäudes und lauschte aus der Ferne den Jubelrufen. Der Arzt hatte ihm verboten, der Krönung beizuwohnen.

Für den Museologen Steffen Menzel zählt Albrecht Graf von Roon zu den wichtigsten Gestaltern des preußischen Kaiserreiches – zusammen mit dem Grafen von Bismarck, den Roon schon aus Jugendtagen kannte, und Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, dem Urgroßonkel des Widerstandskämpfers Helmuth James Graf von Moltke. Deshalb sei es vollkommen gerechtfertigt, dass die Erinnerung an den Grafen nun ausgerechnet in Sachsen hochgehalten werde, sagt Johannes Ansorge.

Graf von Roon gestaltete den Park neu und baute eine Familiengruft. Er lebte nur sechs Jahre im Schloss. Im Februar 1879 reiste er noch einmal nach Berlin, um den Kaiser zu treffen. Im Hotel de Rome verschlechterte sich der Zustand des 76-Jährigen so sehr, dass Wilhelm I. zu ihm ans Krankenbett kommen musste. Tage später verstarb der Mann, nach dem Kasernen und Schiffe benannt wurden, der aber nie aus dem Schatten seiner Wegbegleiter Bismarck und Moltke treten konnte. Das Schloss blieb bis 1945 im Besitz der Familie.

In den Wirren nach Ende des Zweiten Weltkrieges litt der Herrensitz schwer. Der markante Turm wurde teilweise abgetragen. Das Familienarchiv soll in einer Sandgrube verkippt worden sein. Mobiliar wurde zerschlagen und verfeuert. Flüchtlinge aus dem Osten zogen ein. Die Sowjets wollten das Schloss abreißen. Das verhinderte die sächsische Landesbodenkommission in letzter Minute, erzählt Johannes Ansorge. Der Umbau zur Schule sei aber zu teuer gewesen. Nur aus einem Saal wurde ein Turnraum. Später richteten Feuerwehr und LPG eine „Bauernstube“ ein. Im Hauptgebäude schuf die Gemeinde elf Wohnungen. Als das obere Balkongeschoss einstürzte, war guter Rat teuer. Mit 45 000 Mark aus der staatlichen Lotto-Kasse wurde das Notwendigste repariert. Die letzten neoklassizistischen Elemente verschwanden vor der Wende, als das Haus neu geputzt wurde. Zu der Zeit war auch die Roon’sche Familienkapelle über der Gruft abgerissen worden, obwohl die DDR sich zu einer Neubewertung preußischer Geschichte durchgerungen und in Berlin Unter den Linden ein Reiterstandbild vom Alten Fritz wieder aufgestellt hatte. So war 1990 von dem preußischen Herrensitz in der Lausitz nicht viel übrig geblieben.

Wie vielerorts sei auch in Krobnitz heftig diskutiert worden, was aus dem Anwesen werden sollte. Es gehörte nun der Stadt Reichenbach, erzählt Schlossführer Ansorge. Ein Kinderdorf zu errichten, sei am Geld gescheitert. Dem Mut der Reichenbacher Stadtväter sei es zu verdanken, so der Museologe Steffen Menzel in seinem Buch über die Schlossgeschichte, dass in Krobnitz aus einer Vision Realität wurde. Schritt für Schritt bekam das kleine Dorf mit nur noch 63 Einwohnern ab dem Jahre 2001 seinen preußischen Herrensitz zurück.

Den entscheidenden Anstoß gab ein alter Professor, der sein halbes Leben damit verbracht hatte, die Treppen dieser Welt zu erforschen. Er suchte eine Heimstatt für Treppenteile aus aller Herrenländer und eine Forschungsstelle für sich. Irgendwie hatte er Krobnitz gefunden. In der sächsischen Provinz sollte das erste Treppenmuseum Europas entstehen. Der Reichenbacher Bürgermeister erkannt die Chance: Dafür gab es Fördermittel vom Land und von der EU. Einen „schönen Wahnsinn“ nannte er das Projekt 2003 in der SZ.

Aber der über 80-jährige Treppen-Professor sagte ab, als die Bauarbeiten schon im Gange waren. Die Lausitz konnte ihm wohl nicht bieten, was er verlangte. Die Reichenbacher ließen sich nicht beirren, bauten weiter und machten fortan ganz auf preußisch. Graf von Roon sollte in Krobnitz endgültig aus dem Schatten seiner Weggefährten Bismarck und Moltke heraustreten. Er stieg zum musealen Star in seiner alten Heimstatt auf. Ihm ist heute die einzige Dauerausstellung im Schloss gewidmet. Bis 2010 wurden neben dem Schloss auch das ehemalige Inspektorenhaus und die alte Schmiede sowie die Roon’sche Gruft im Park saniert. Offiziell ist von Kosten um die drei Millionen Euro die Rede. Für das Geld musste einiges auf der Strecke bleiben. So wurde die zweite Etage auf den Balkon nicht wieder aufgebaut, und auch die beiden Obergeschosse des markanten Turmes sind nur „Fassade“.

Ungeachtet dessen ist ein bemerkenswerter Veranstaltungsort entstanden, den es zu bespielen gilt. Im Schloss werde geheiratet, hier fänden regelmäßig Kammerkonzerte, Vorträge und Lesungen statt, sagt Schlossmanagerin Marion Keßler. „Wir bieten Familientage an, hier ist Platz für Konferenzen aller Art, hier treffen sich Familienforscher und Biker“, sagt sie.

Dennoch bröckelt es an und hinter der Fassade etwas. Erste Putzschäden sind zu erkennen. Nicht alle Räume im Schloss sind genutzt. Das Schlosscafé öffnet nur zu Veranstaltungen. Dennoch vergehe fast kein Wochenende ohne ein Angebot in Krobnitz, ist von Sven Mimus zu hören. Er leitet seit einigen Monaten die Geschäfte des Schlesisch-Oberlausitzer Museumsverbundes, zu dem das Schloss, das Dorfmuseum Markersdorf, das Ackerbürgermuseum Reichenbach und das Granitabbaumuseum Königshainer Berge gehören.

Aber die Zeiten waren schon besser. Etwas mehr als 8 500 Besucher kamen 2017 ins Schloss, in Vorjahren waren es mal mehr. Die jüngste Sonderausstellung über die Tafelkultur des 19. Jahrhunderts sollte im April 2017 enden. Sie steht immer noch. Gehen musste Steffen Menzel, der den Museumsverbund jahrelang geleitet und maßgeblichen Anteil daran hat, dass Schloss Krobnitz mit neuem Leben erfüllt wurde.

Menzel hatte schon 2007 auf der Jahrestagung des sächsischen Museumsbundes angemahnt, dass hauptamtliches Fachpersonal und dessen angemessene Entlohnung ein „wesentliches Element zielgerichteter Museumsarbeit“ sei. Zehn Jahre später musste er gehen. Marion Keßler als Veranstaltungsmanagerin und ein Hausmeister halten seither fest angestellt die Stellung im Schloss. Museologische Expertise kauft der neue Geschäftsführer, der Chef einer kommunalen Entwicklungsgesellschaft ist, nun extern ein. Dennoch, so kündigt Sven Mimus an, werde in diesem Jahr eine neue Sonderausstellung öffnen.

Zur nächsten öffentlichen Führung lädt Schloss Krobnitz am 18. Februar ein. Dann werden bald die Knospen der großen Magnolie vor dem Eingang aufplatzen, und sicher wird Johannes Ansorge die Besucher begrüßen. Er gehört zu den Ehrenamtlichen, ohne die das Leben in Schloss Krobnitz wohl wieder erlöschen würde. Schlossführer Ansorge ist 70, aber fit wie ein Mittfünfziger. Deshalb werde er „noch ein Weilchen machen“, sagt er. Aber Sorge um die Zukunft des Schlosses ist auch ihm ein wenig anzumerken.

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