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Wie es zum Datenskandal bei Facebook kam ...

... und was Experten fordern, damit er sich nicht wiederholt:

© Franziska Gabbert/dpa (Symbolfoto)

Von Nora Miethke

Facebook schlittert in eine schwere Krise nach dem Skandal um den Missbrauch von Nutzer-Informationen durch die Datenanalyse-Firma des Wahlkampfteams von Donald Trump. Rufe nach mehr staatlicher Aufsicht über Online-Plattformen werden lauter. Die Aktie fiel um rund sieben Prozent, und das löschte über 35 Milliarden Dollar Börsenwert aus. Gründer und Chef Mark Zuckerberg und seine rechte Hand Sheryl Sandberg würden sich erst zu dem Fall äußern, wenn interne Untersuchungen abgeschlossen seien, berichtet der Finanzdienst Bloomberg.

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Am Wochenende war bekannt geworden, dass die britische Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica von bis zu 50 Millionen Facebook-Profile illegal ausgewertet haben soll. Um an die Daten zu kommen, hatte der russischstämmige Professor Alexander Kogan eine Umfrage zu Persönlichkeits-Merkmalen aufgesetzt und bei Facebook als wissenschaftliche Forschung angemeldet. Die Daten gingen dann ohne Wissen der Nutzer an Cambridge Analytica. Facebook sperrte die Analyse-Firma aus, weil sie die unrechtmäßig erhaltenen Nutzerdaten entgegen früheren Zusicherungen nicht gelöscht habe. Politiker zeigen sich entsetzt, dass es für Cambridge Analytica überhaupt möglich war, nicht nur an Informationen der Nutzer zu kommen, die sich an der Umfrage beteiligt hatten, sondern auch an die von deren Freunden.

Durchsuchungsbefehl in London

Die britische Datenschutzbehörde beantragte einen Durchsuchungsbefehl für die Londoner Zentrale von Cambridge Analytica. Die Firma habe innerhalb einer gesetzten Frist nicht auf eine Anfrage reagiert, sodass die Behörde nun gerichtlich versuche, auf den Systemen der Beratungsfirma Beweise zu sichern, teilte die Behörde laut britischer Medien mit. Cambridge Analytica geriet weiter unter Druck, nachdem ihr Chef Alexander Nix vor versteckter Kamera mit Erpressungsversuchen von Wahlkandidaten geprahlt haben soll. Ein Undercover-Reporter traf sich mit Top-Managern der Firma mehrfach in Londoner Hotels von November 2017 bis Januar 2018. An einer Stelle antwortete Nix dem Channel-4-Bericht zufolge auf die Frage nach der Möglichkeit, negative Informationen über politische Opponenten zu beschaffen, seine Firma könne „Mädchen zum Haus des Kandidaten schicken“. Ukrainerinnen seien „sehr schön, ich finde, das funktioniert sehr gut“. Cambridge Analytica erklärte am Montag, der Bericht sei irreführend zusammengeschnitten worden.

Die umstrittene Analysefirma soll maßgeblich am Wahlerfolg von Donald Trump zum US-Präsidenten beteiligt gewesen sein. Laut der New York Times und ihrem Kronzeugen Chris Wylie, einem ehemaligen Mitarbeiter, hat die Firma aus den gewonnenen Nutzerdaten, inklusive Angaben zu Interessen, Vorlieben und Neigungen, Wähler-Psychogramme erstellt. Auf deren Grundlage konnte das Trump-Team die Wähler auf Facebook mit maßgeschneiderten Anzeigen erreichen. Diese seien darauf ausgerichtet gewesen, „ein Netz an Desinformationen zu schaffen“, das die Leute am Ende an Unwahrheiten glauben ließ, betonte Wylie. Neben den Amerikanern waren auch Briten bei der Brexit-Kampagne solchen Manipulationen ausgesetzt.

Das dürfte die Debatte um eine strengere Regulierung der Internetkonzerne weiter anheizen. Facebook, Google und Twitter mussten sich erst vor wenigen Monaten Anhörungen im US-Kongress stellen wegen der versuchten russischen Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen. Erst schrittweise räumte das Soziale Netzwerk ein, dass 150 Millionen Nutzer von Facebook und Instagram mit politischer Propaganda aus Russland in Berührung gekommen sein dürften.

Die neuen Enthüllungen machen laut Jura-Professorin Indra Spiecker gen. Döhmann von der Goethe-Universität Frankfurt, deutlich, was viele Nutzer oftmals nicht wahrhaben wollen: Das Geschäftsmodell von Facebook und anderen kostenlosen Online-Plattformen beruht auf Handel mit Nutzerdaten, und die Daten, die erhoben und verarbeitet werden, können zu verschiedensten Zwecken verwendet werden. „Einer der Zwecke, zu dem Facebook-Daten nun verwendet wurden, ist offensichtlich für die Demokratie und die freie Wahl nicht ganz unproblematisch. Wir wollen nicht ausgeforscht und manipuliert werden“, betont die Expertin für Informations-, Datenschutz und IT-Recht.

Offenlegung von Umgang mit Daten

Um künftig solche Missbräuche zu verhindern, müssten Digitalfirmen offenlegen, dass und wie sie Daten verwenden und an wen sie weitergegeben werden. „Das betrifft nicht nur Facebook, sondern gerade auch diejenigen, die die Facebook-Daten nutzen, also etwa Cambridge Analytica“, so Spiecker. Die Verpflichtung dazu bestehe schon lange, aber sie wurde bisher nur wenig beachtet. Zum anderen fordert sie auch eine andere politische Haltung. Bisher sei Digitalisierung im Wesentlichen auf „Breitbandausbau“ und „Open Access“ (offener Zugang) reduziert worden. „Tatsächlich bedarf es eines klaren Bekenntnisses der Politik zur Wertigkeit des Datenschutzes. Erst dann können datenschutzfreundliche Unternehmen, die es gerade in Europa mit einer anderen Tradition als in den USA gibt, wirklich eine Konkurrenz aufbauen“, sagt die IT-Rechtlerin.

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Die EU-Datenschutzgrundverordnung, die im Mai wirksam wird, sei dabei ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. „Sie sorgt dafür, dass Datenschutz besser durchsetzbar wird. Dann halten sich die Datenverarbeiter auch daran“, hofft Spiecker. Dazu bedarf es jedoch einer guten Ausstattung und Unterstützung der Aufsichtsbehörden, damit sie ihre Aufgaben auch erfüllen könnten. (mit dpa)