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Wie flutsicher ist Nossen?

Während Döbeln, Roßwein und Großschirma vor der Freiberger Mulde gesichert werden, wurde in Nossen nicht groß investiert.

Von Marcus Herrmann

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Gemächlich fließt die Freiberger Mulde in diesen herbstlichen Tagen in ihrem Flussbett durch Nossen. Der extrem trockene Sommer hat dafür gesorgt, dass der Pegel des Flusses zwischen Eichholzgasse und Zella weiter sehr niedrig ist. Die Hochwasserstufe 1, die bei 190 Zentimetern liegt, wurde zuletzt im Februar 2017 erreicht.

Das Bett der Freiberger Mulde ist zwischen der Brücke am Lok-Sportplatz und der Pöppelmannbrücke von einigen Wehren durchzogen, die die Fließgeschwindigkeit abschwächen sollen. Sie sind jedoch an einigen Stellen bröckelig. Hinzu kommen angespülte Bäume un
Das Bett der Freiberger Mulde ist zwischen der Brücke am Lok-Sportplatz und der Pöppelmannbrücke von einigen Wehren durchzogen, die die Fließgeschwindigkeit abschwächen sollen. Sie sind jedoch an einigen Stellen bröckelig. Hinzu kommen angespülte Bäume un © Claudia Hübschmann

Wie schnell Starkregenereignisse die Situation verändern können und wie gewaltig die Auswirkungen eines Hochwassers der Freiberger Mulde auf die Stadt Nossen sind, zeigte sich bei den Jahrhunderthochwassern 2002 und 2013. Wer in der Nähe des Flusses wohnte oder arbeitete, konnte nur Reißaus nehmen.

Einige Bewohner mussten sogar evakuiert werden. Beim Hochwasser vor fünf Jahren richteten Mulde und weitere Gewässer Schäden von rund 1,3 Millionen Euro in der Kleinstadt an. Schon unmittelbar danach wurde der Ruf nach zwei neuen Hochwasser-Rückhaltebecken im Oberlauf der Freiberger Mulde lauter. Diese, so hieß es 2013, hätten die Durchflussmengen in Nossen um bis zu 30 Prozent reduzieren können.

Zwar gibt es seitens der zuständigen Landestalsperrenverwaltung (LTV) für die Bobritzsch und die Freiberger Mulde bereits seit 2004 umfangreiche Hochwasserschutzkonzepte, um die Ortschaften an beiden Flüssen zu schützen. Doch die Planungen sind langwierig, und die Genehmigungsverfahren – vor allem in Sachen Naturschutz – äußerst zäh. Laut Internetseite der LTV befindet sich ein neues Rückhaltebecken in Mulda noch immer in Planung, in Oberbobritzsch wird bereits gebaut.

Für die LTV ist unter anderem die Leipziger Firma ICL Ingenieur Consult tätig und führt seit 15 Jahren umfangreiche Untersuchungen zum Hochwasserschutz an der Freiberger Mulde durch. „Um für das Flussgebiet einen effektiven Hochwasserschutz zu erreichen, wurden die bestehenden Hochwasserschutzgrade sowie das Gefährdungs- und Schadenspotenzial in diesem Gebiet umfangreich analysiert. Die Landestalsperrenverwaltung gelangte zur Schlussfolgerung, dass die Anrainergemeinden im Flussgebiet von Freiberger Mulde und Bobritzsch von zukünftigen Hochwässern bedroht sind“, heißt es wenig überraschend in einer Stellungnahme von ICL.

Demnach beinhalteten die Schutzkonzepte sowohl örtliche Vorhaben, wie die Aufweitung des Abflussquerschnittes an Engstellen sowie Deiche statt Ufermauern oder die Wiederherstellung von Umflutbereichen. „Dabei zeigte sich, dass der Einfluss der geplanten Hochwasserrückhaltebecken Mulda im Chemnitzbach und Oberbobritzsch in der Bobritzsch so stark ist, dass eine Reihe der ursprünglich vorgesehenen Maßnahmen entfallen können“, heißt es in einer Vorlage der Ingenieure. Doch solange diese Arbeiten nicht erledigt sind, wie sicher ist Nossen in dieser Zeit? Und plant die Talsperrenverwaltung auch hier Verbesserungen?

Schaut man nach Döbeln, Roßwein oder Großschirma ist in den letzten Jahren viel passiert. So wurden in Roßwein 2015 und 2016 auf 1,5 Kilometer Länge Ablagerungen aus der Freiberger Mulde entfernt, insgesamt 28 000 Tonnen abgebaggert. In Großschirma sind bereits vor einigen Jahren Ufermauern erhöht und ein neuer Deich auf der linken Seite der Freiberger Mulde gebaut worden. Schutzmaßnahmen für die Döbelner Altstadt samt neuen Hochwasserschutzmauern, neuem Verteilerwehr und Deichen laufen gerade.

Anders ist die Situation in Nossen. Bis auf kleinere Arbeiten hat sich der Schutz vor der Mulde nicht verbessert. Zwar gab es 2014 Geld vom Freistaat für den Wiederaufbau zerstörter Wanderwege, wurden das Ufer der Pöppelmannbrücke neu befestigt und umgestürzte Bäume entfernt. Vor gut einem Jahr ertüchtigten die Stadt und die LTV für 100 000 Euro die marode Böschung entlang des Kirschberges. Aber reicht das? Schon damals ist klar: Nein. Da eine durchgehende Hochwasserwand wegen des hochdrückenden Grundwassers aber keine Lösung ist, müssen andere Optionen helfen. Ein breites, aufgeräumtes Flussbett zum Beispiel. „Das zu schaffen, wurde sträflich vernachlässigt“, sagt ein Anwohner Anfang der Woche der SZ.

Wie zum Beweis zeigt er mehrere Stellen zwischen Muldentalsportplatz und Pöppelmannbrücke, an denen umgefallene Bäume nicht weggeräumt wurden, große Mengen Gestein und Anlandungen das Flussbett an mehreren Stellen stark verkleinert haben. Das fördert bei Hochwasser die Gefahr von sich anstauendem Wasser, das sich dann seinen Weg bahnt. „Hinzu kommt, dass die Wehre zwischen Sportplatz und Gymnasium in einem sehr schlechten Zustand sind. Sie sind brüchig, durchlässig oder völlig kaputt“, so der Nossener. Er hoffe, dass schnell Abhilfe geschaffen werde.

Doch zumindest die LTV berichtet von keinen kurzfristig geplanten Arbeiten. Eine Anfrage der SZ , unter anderem zu Maßnahmen der letzten Jahre an der Freiberger Mulde, wurde bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht beantwortet.