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Wie geht es auf Oberlausitzer Gleisen weiter?

Sachsen bekommt mehr Geld für den Nahverkehr. Die schlimmsten Kürzungs-Szenarios sind damit vom Tisch. Doch es bleiben offene Fragen.

© Matthias Weber

Von Tilo Berger

Region. Weniger Züge zwischen Görlitz und Zittau, Kürzungen zwischen Dresden und Zittau, gar kein Nahverkehr mehr zwischen Görlitz und Hoyerswerda – die Gedankenspiele beim Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) lasen sich wie ein Kapitel aus einem Horror-Roman. Doch die Zvon-Verantwortlichen mussten sich solche Gedanken machen. Denn ab 2017 drohten massive Einschnitte bei den finanziellen Zuschüssen des Bundes für den Nahverkehr. Bevölkerungsreiche West-Bundesländer forderten mehr Geld – zulasten des dünner besiedelten Ostens. Die Landesregierungen verhandelten über mehrere Monate und wohl auch nicht immer freundlich miteinander.

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Solche Dieseltriebwagen kaufte die Niederbarnimer Eisenbahn vom polnischen Hersteller Pesa und will sie unter anderem im grenzüberschreitenden Verkehr einsetzen.
Solche Dieseltriebwagen kaufte die Niederbarnimer Eisenbahn vom polnischen Hersteller Pesa und will sie unter anderem im grenzüberschreitenden Verkehr einsetzen. © Christian Bedeschinski

Am vergangenen Donnerstagabend einigten sie sich auf einen Kompromiss: Die Ost-Länder bekommen jährlich 200 Millionen Euro mehr als eigentlich geplant. Am Tag darauf freute sich Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig (SPD), nun sei ein „attraktiver, bürgerfreundlicher und bedarfsgerechter“ Nahverkehr sichergestellt. „Wir geben den Zweckverbänden im Freistaat Sachsen nun die Planungssicherheit, dass sie auf dem Niveau, was wir jetzt haben, weiter ihre Verkehre bestellen können.“

Das heißt für die Oberlausitz: Alles bleibt, wie es jetzt ist. Sicher ändern sich mal ein paar Abfahrtszeiten, und auf der einen Strecke fährt vielleicht mal ein Zug weniger, dafür auf einer anderen einer mehr – aber das sind Feinheiten. Der Zvon, der benachbarte Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) und der tschechische Kreis Liberec können nun auch die beiden Bahnstrecken Dresden–Görlitz und Dresden–Zittau–Liberec neu ausschreiben. Bisher zögerten sie damit, weil sie nicht wussten, was sie sich künftig überhaupt noch leisten können.

Grünes Licht für Ausschreibung

Der gegenwärtig laufende Vertrag mit der Vogtlandbahn endet zum Fahrplanwechsel im Dezember 2018. Das klingt lange hin, ist es aber nicht. Denn erst müssen die Strecken europaweit ausgeschrieben werden, dann gibt es Fristen, in den sich mögliche Bieter bewerben können. Deren Gebote werden dann gesichtet, möglicherweise müssen die Verkehrsunternehmen auch noch einiges nachbessern. Wenn eines von ihnen dann den Zuschlag bekommen hat, muss es sich Züge und Personal besorgen. In diesem Procedere ist ein Monat weiter gar nichts. Deshalb gilt als wahrscheinlich, dass die Verkehrsverbünde den gegenwärtigen Vertrag mit der Vogtlandbahn um ein oder zwei Jahre verlängern, um Zeit zu gewinnen.

Kein Bestandteil der Ausschreibung ist der polnische Abschnitt beim Dresden-Breslau-Express. Den Verkehr zwischen Görlitz und Breslau handeln Verkehrspolitiker und Bahnen beider Länder immer direkt aus. Seit Dezember 2015 fahren wieder grenzüberschreitende Züge über die Neiße – und zwar außer dem Dresden-Breslau-Express auch polnische Triebwagen, die Görlitz mit Jelenia Gora (Hirschberg) und Wegliniec (Kohlfurt) verbinden.

Den Dresden-Breslau-Express betreibt im Auftrag der Vogtlandbahn die Deutsche Bahn AG, die sechs Triebwagen so umrüsten ließ, dass sie außer auf deutschen auch auf polnischen Gleisen fahren dürfen. Bei diesen Triebwagen will die DB auch bleiben, erklärte ein Bahnsprecher auf Anfrage der SZ. Die Frage hatte sich aufgedrängt, weil seit Kurzem neue Triebwagen des polnischen Herstellers Pesa auf dem Markt sind. Das Unternehmen in Bydgoszcz baut diese Fahrzeuge so, dass sie sowohl in Polen als auch in Deutschland rollen können. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) mit Sitz in Berlin hat von Pesa sieben dieser Züge gekauft und will sie außer im Nahverkehr rund um die deutsche Hauptstadt auch auf der sogenannten Ostbahn ins polnische Kostrzyn einsetzen. Von Pesa stammen auch die Fahrzeuge, die zwischen Görlitz, Jelenia Gora und Wegliniec pendeln. Auf deutscher Seite dürfen sie nur mit einer Sondergenehmigung rollen – anders als die ganz neuen Pesa-Triebwagen.

Schildbürgerstreich droht

Wie die DB wollen auch die Vogtlandbahn und die Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) ihren jetzigen Fahrzeugpark weiter betreiben und nicht auf Pesa umsteigen. Das erklärten Sprecher der Verkehrsunternehmen gegenüber der SZ. DB und Vogtlandbahn fahren in der Oberlausitz mit Triebwagen des Typs Desiro, gebaut von Siemens. Die Odeg fährt in der Region mit zwei Fahrzeugtypen. Zwischen Cottbus und Zittau pendeln Desiros, zwischen Görlitz und Bischofswerda auch kleinere Triebwagen des Herstellers Stadler in Berlin-Pankow. Zwischen Görlitz und Hoyerswerda lässt die Odeg derzeit gar keine Züge fahren, sondern Busse. Der Grund: Die Bahn baut die 55 Kilometer lange Strecke zwischen der Grenzbrücke bei Horka und Knappenrode zweispurig aus und bringt sie unter Strom. Hier sollen künftig bis zu 160 Kilometer pro Stunde schnelle Güterzüge fahren können, die Strecke gilt als wichtige deutsch-polnische Verbindung.

Aber werden hier in Zukunft auch wieder Personenzüge fahren? Nein, sagt der stellvertretende Zvon-Geschäftsführer Christoph Mehnert mit Blick auf den am Donnerstag ausgehandelten Finanzierungs-Kompromiss. Denn der gewährleistet eben den gegenwärtigen Stand – und das heißt für die Strecke Görlitz–Hoyerswerda Bus statt Zug. Für Zugverkehr müsste der Zvon etwa vier Millionen Euro pro Jahr ausgeben, Busse kommen rund zwei Drittel günstiger. Der Zvon hofft nun, dass der Freistaat Sachsen diese Differenz aus Landesmitteln ausgleicht. Das aber muss noch ausgehandelt werden.

Gelingt das nicht, droht ein verkehrspolitischer Schildbürgerstreich. Denn die Bahn baut entlang der Niederschlesien-Magistrale auch alle Bahnhöfe und Haltepunkte aus. Nur würde dort in Zukunft niemand mehr ein- oder aussteigen.