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Wie im Märchen

Sieben Jahre Stadtführer, sieben Jahre Bergfriedwärter, sieben abgelaufene Schuhe, sieben Gewänder, so ist Klaus Hammerlik.

© privat

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Für Klaus Hammerlik scheint die lustige Sieben eine besondere Bedeutung zu haben. „Am 7. Juli 2011, also vor sieben Jahren, wurde ich als einer von mehr als zwei Dutzend Lehrgangsteilnehmern geprüfter Gästeführer in Großenhain und Zabeltitz“, ließ der 64-Jährige kürzlich Freunde und Bekannte wissen.

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Seitdem führt er auch durch den Röderpark Walda, über den Kupferberg und durch den Stadtpark. „In der K &K-Bahn gab ich als Beifahrer Erläuterungen zur Stadtfahrt“, so Hammerlik stolz. Sieben Jahre ist er außerdem Bergfriedwärter im ehrenamtlichen Dienst. Jeden Sonntag sitzt er auch dieses Jahr seit Mai bis zum Tag des offenen Denkmals im September vorm Schloss und wartet auf Interessierte. „Die kommen oft mit der Kamera und staunen über die weite Sicht ins Land“, weiß Hammerlik, der die Bergfriedsaison rettete, als sein Compagnon gesundheitlich ausfiel. Neue Ehrenamtler haben sich leider kaum gemeldet.

Großenhain hatte Erfolg

Manchmal fährt der kleine Mann mit dem Kullerbauch und dem weißen Bart als Reisebegleiter mit Gruppen durch die Stadt. Reisebusse, Schüler auf Wandertag, auch Einzelpersonen wie Pilger sind seine Stadtführungsgäste. „Sie interessieren sich für die historische Innenstadt, die Häuser und die Geschichte“, weiß Hammerlik. Durch Mundpropaganda oder Werbung sind sie auf Großenhain gestoßen. So mancher erzählt von einem früheren Besuch zur Landesgartenschau oder beim Tag der Sachsen. „Die Leute wissen noch, dass Großenhain Erfolg damit hatte – das wirkt nach.“

Selbst mancher Einwohner lässt sich oder seine Gäste durch die Stadt führen, gern auch im Sitzen bei einem von Hammerliks sieben Bildvorträgen per Technik. Was gewünscht wird, versucht Klaus Hammerlik zu liefern. Nicht selten stürzt er sich dabei vorher in tagelange Recherche. So war ein Auftritt im „Bergkeller“ vor Thomas de Maizière, als der noch Bundesinnenminister war, der Anstoß für sein Auftreten als „Flurschütz“. Das sei wörtlich zu nehmen, meint der Großenhainer mit großem Behagen an sprachlicher Finesse. Das Zschieschener Rittergut bezahlte früher einen Mann, der die Flur schützte – eine Art Nachtwächter. In dieser Rolle erzählt Hammerlik vom früheren Bergkeller und der Brauerei, vom Kalkabbau und den Urnengräbern an der Bahntrasse.

Um bei der Zahl sieben zu bleiben: Sieben Kostüme, pardon Gewänder, trägt der Stadtgeschichtenerzähler: Pilger, Nachtwächter, Flurschütz, kleiner Hayner, Rathausmann, Bauer und Bürger mit Zylinder – letzterer auch als Preusker einsetzbar. „Es ist kein Witz: In den sieben Jahren habe ich auch sieben paar Schuhe und drei paar Stiefel abgelatscht“, rechnet Hammerlik zusammen. Pro Führung lege er immerhin 1,5 bis vier Kilometer zurück. „Das ist wie ein 3000-Meter-Lauf – nur anstrengender.“ Für diesen Einsatz musste sich der Stadtführer sogar selbstständig machen. „Ich erkläre damit meine Liebe zur Stadt“, bringt der Gästeführer theatralisch hervor.

Es ist sein fünfter und letzter Beruf geworden. Vorher war er unter anderem Sozialarbeiter und Vereinsgeschäftsführer. Viele Hindernisse hätte der Alleinstehende mithilfe und Unterstützung anderer überwunden. Als gebürtiger Riesaer ist Klaus Hammerlik in Großenhain nach 18 Umzügen im halben Deutschland nun seit 18 Jahren – und „inzwischen eingebürgert“. Das spiegelt sich auch in seiner Mitgliedschaft in Vereinen wider. Er zählt alle auf und kommt – es ist wie im Märchen – auf sieben. Dazu gehören unter anderem Großenhain aktiv, wo er Vorstandsmitglied ist, und der Förderverein des Museums Alte Lateinschule.

In Gröditz war Hammerlik nach einer Tätigkeit als Sozialarbeiter vor mehr als 20 Jahren in jüngster Zeit ebenfalls im Einsatz: „Als Rathausmann und Dreiseithofbauer, als Vortragender und Vorleser.“ Hammerlik schwärmt noch immer von der 800-Jahrfeier im Vorjahr und dem Aufschwung in der Stadt. „Mein Versuch, ein wenig mehr Rücksicht zu nehmen auf meine Gesundheit war deshalb nicht sehr erfolgreich“, verweist er weniger temperamentvoll auf die Kehrseite. Vermehrt war er dieses Jahr auch in Zabeltitz im Einsatz aufgrund des Ausfalls von Dr. Jürgen Schreiber als Gästeführer.

Beim Prager Frühling dabei gewesen

Viele Recherchen führen Hammerlik, der schon immer geschichtsinteressiert war, in die Parlamentsbibliothek des sächsischen Landtags, in die Landes- und Universitätsbibliothek, die Stadtbibliotheken in Großenhain, Riesa und Gröditz. Die „ausgezeichneten Weiterbildungsmöglichkeiten“ der Landeszentrale für politische Bildung, der evangelischen Hochschule für Sozialarbeit und der katholischen Akademie in Dresden sowie der evangelischen Akademie in Meißen würden ihm sehr helfen. Auch die örtlichen Archive.

Stadtgeschichtenerzähler wäre ein langes und umständliches Wort als Ersatz für Gästeführer, Fremdenführer, Reisebegleiter oder City Guide, „die alle nicht beschreiben, wie mir ist, wenn ich keine Hand frei habe, um Texte auf dem Weg abzulesen.“ Genau mit diesem Duktus kennt man Klaus Hammerlik. Manche nennen das umständlich. Andere schmunzeln. Freihändig könne aber kein Nachtwächter auf Schicht gehen, wenn er Hellebarde und Laterne mit sich führt. Deshalb lernt Hammerlik alles auswendig.

Die Geschichten hinter der Geschichte und vor allem über die Menschen, die sie gestalten, will er weiterhin erzählen. Für sich selbst möchte der Großenhainer noch ganz persönliche Erinnerungsorte seines Lebens aufsuchen und beschreiben. Zum Beispiel Prag. Wer kann schon von sich behaupten, beim Prager Frühling 1968 zufällig als 14-Jähriger dabei gewesen zu sein.