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Wie junge Leute mit Vorurteilen aufräumen

Am Jugendhaus Neukirch gab es jetzt eine besondere Aktion. Die Akteure gingen nicht gerade zimperlich vor.

© R. Klein

Von Rocci Klein

Neukirch. Laute Schläge schallen durch das Wohngebiet nahe dem Jugendhaus in Neukirch. Immer wieder knallt es, Plasteteile fliegen herum, Scheiben gehen zu Bruch. Der Grund dafür ist schnell gefunden: eine besondere Aktion des Jugendvereins Valtenbergwichtel. Deren Rezept: Man nehme ein altes, nicht mehr fahrbereites Auto, schreibe Vorurteile darauf und zerstöre diese im Anschluss symbolträchtig. In diesem Fall geht es um Vorurteile, wie man sie mitunter gegen Jugendliche hört: Bock auf nichts. Rücksichts- und verantwortungslos. Nur auf Spaß bedacht.

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Bereits vormittags stand der alte VW auf dem Gelände. Viele Passanten hielten an, um sich auf dem Fahrzeug zu verewigen. Auch die Jugend selbst war bei der Aktion natürlich mit dabei, teils selbstkritisch, teils klagend. Jasmin König und Philip Gräubig waren zwei von ihnen. „Wir denken, es ist alles schön in der Welt, obwohl wir viele Probleme haben“, schrieb die 15-jährige Jasmin.

Den 17-jährigen Philip bewegten andere Vorurteile: „Jugendliche sind konsumgeil“ und „Jugendliche sind politisch desinteressiert“, schrieb er auf die Motorhaube. Am Abend dann wurde mit diesen und vielen anderen Vorurteilen gründlich aufgeräumt. Indem Jugendliche das Fahrzeug nicht gerade sanft zerlegten. „Die Idee zu dieser Aktion stammt von Neukircher Jugendlichen“, sagt Christian Schäfer, Mitarbeiter beim Jugendverein Valtenbergwichtel. Er selbst finde diese Aktion klasse. „Es ist eine Möglichkeit, Politik jugendgemäß zu vermitteln“, sagt er. Denn natürlich ging es nicht nur darum, ein Auto zu schrotten, sondern vor allem etwas Neues zu schaffen.

Erstmals wurde in der Oberlandgemeinde ein Jugendbeirat gewählt. Er soll künftig dem Gemeinderat bei Themen zur Seite stehen, die junge Leute betreffen. Jasmin und Philip kandidierten für den Beirat – und sie wurden gemeinsam mit fünf anderen gewählt. Zum 1. Januar 2018 wird das ehrenamtliche, siebenköpfige Gremium seine Arbeit aufnehmen. „Gerade diese Aktion vom Freitagabend hilft uns bei der künftigen Arbeit. Wir nehmen diese Vorurteile mit, aber auch Verbesserungsvorschläge“, sagten die beiden Jugendlichen.

Rund 40 Neukircher, von Jung bis Alt, hinterließen ihre Spuren auf dem Auto. Bis zum Abend wurden Vorurteile gesammelt. Dann wurde es laut. Jeweils zwei Jugendliche holten sich Schutzbrille, Helm, einen großen Hammer. Jasmin stieg zuerst auf den VW, die Windschutzscheibe musste daran glauben. „Wir zerschlagen symbolisch die Vorurteile“, erklärte Philip staunenden Passanten. Anschließend ging auch der 17-Jährige mit dem großen Hammer ans Werk. Nach knapp einer halben Stunde war das Auto völlig zerbeult. Alle Scheiben waren zerschlagen und die Aktion aus Sicht der Organisatoren ein Erfolg.

Doch das war noch nicht alles. Eine Sache hatten die Jugendlichen noch vorbereitet: ein großes Puzzle, das den Umriss der Gemeinde Neukirch zeigte. Auf den Teilen des Puzzles standen viele Hinweise – Aufträge, Wünsche und Tipps für den neuen Jugendbeirat. „Ein Ziel war und ist es, Kinder und Jugendliche politisch mehr einzubeziehen. Das hat heute richtig gut geklappt“, sagte Christian Schäfer. Er und mehrere Helfer räumten anschließend noch die Fahrzeugteile zusammen, ehe der gesponsorte und zur Verschrottung vorgesehene VW wieder abgeholt wurde.