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Wirtschaft

Wie kleine Firmen an Studenten kommen

Ein Unternehmer mit 60 Beschäftigten hat keine Zeit für Kontakte zur Hochschule. Das neue Projekt Step In kann helfen – vielleicht mit Wandern.

© Symbolfoto: Sven Ellger (Archiv)

Dresden. Tobias John hat einen Lockenkopf und ein modernes Produkt: Der Geschäftsführer der Econtrol-Glas in Plauen bietet Fensterscheiben, die sich mit elektrischer Spannung abdunkeln lassen und dann Hitze abhalten. Trotzdem findet Johns Firma mit 60 Beschäftigen nur schwer die nötigen Fachleute für Glas, Chemie, Elektronik und Informatik, die in Plauen-Oberlosa arbeiten und neue Ideen liefern wollen.

Für Kontakte zu Universitäten fehle im Tagesgeschäft die Zeit, sagte John am Mittwoch  bei einem Pressegespräch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden (HTW). Selbst ein Forschungsprojekt mit der Universität in Freiburg in Breisgau sei eher durch zufällige Kontakte zustande gekommen – und hätte vielleicht auch mit einer sächsischen Hochschule Erfolg.

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Wenn es nach Anke Wagner aus Dresden geht, haben mittelständische Betriebe wie Econtrol-Glas künftig mehr Chancen, Studenten kennenzulernen und umgekehrt. Wagner hat vor zwei Jahren nach dem Studium die Firma Scientists into Business mitgegründet. Elf Mitarbeiter helfen bei der Fachkräftesicherung – und dürfen das nun in ganz Sachsen tun. Denn Wagners Unternehmen hat vom Wirtschaftsministerium den Auftrag bekommen, das neue Projekt Step In zu organisieren. Das Land stellt 2,3 Millionen Euro bereit, damit in den nächsten zwei Jahren „eine junge Community von Fachkräften und Unternehmen“ gebildet wird. Wagner denkt dabei nicht nur an Begegnungen an Messeständen, sondern an Wanderungen bei Zittau oder Drachenbootfahrten.

Der sächsische Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Brangs möchte, dass künftig mehr als zwei Drittel der Studenten nach ihrem Abschluss in Sachsen bleiben. Zuletzt blieben 60 Prozent von 22 000 Absolventen im Land. Vor allem ausländische Studenten, derzeit 18 000 von 110 000 in Sachsen, sollen mit guten Kontakten zum Bleiben ermutigt werden. Brangs erinnerte an den erwarteten Arbeitskräftemangel: „Der Druck ist immens groß“. Sachsen habe ein Imageproblem und müsse den Mut haben, neue Wege zu gehen. Für Studenten bedeute das auch, den Übergang in unbekannte kleine Firmen zu organisieren.

Allerdings bieten die Hochschulen bereits Beratung. Wer die HTW am Dresdner Hauptbahnhof betritt, findet rasch das „Karriere“-Büro und die lange Wand mit Stellenangeboten: Da werden Bau-Ingenieure gesucht, auf den nächsten Aushängen ein Hardware-Entwickler und ein Referent für Energie und Nachhaltigkeit. Das Akademische Auslandsamt wirbt für Praktika in Kanada. Zudem gibt es Absolventen-Netzwerke. Auch Arbeitsagenturen, Kammern und Branchenverbände sehen sich als Mittler und legen Faltblätter aus.

Projektleiterin Anke Wagner weiß, dass es auch schon viele Karrieremessen gibt. Sie kennt aber die Zeitnöte gerade der Kleinunternehmer und will ihnen beispielsweise über Videokonferenzen die Teilnahme erleichtern. Vorbildlich findet sie auch Bustouren, bei denen Studentengruppen mehrere Betriebe kennenlernen.

Der Leipziger Professor Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer, wies allerdings auf die Gehaltsunterschiede zwischen Ost und West hin und beklagte zudem, dass seine Universität Opfer für den Erfolg der Dresdner Exzellenz-Universität bringen musste. Glasproduzent John hielt beim Thema Gehalt dagegen: Das Niveau sei gestiegen, manche Sachsen kämen aus Bayern zurück in die Heimat.

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