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Wie krank sind Sachsens Kliniken?

© dpa (Symbolbild)

Der Chef der Krankenhausgesellschaft über die künftige Versorgung auf dem Land, Finanzprobleme und Qualitätsanreize.

In Dresden diskutieren heute 280 Fachleute auf dem Sächsischen Krankenhaustag über die Krankenhausreform. Die Sächsische Zeitung sprach vorab mit Dr. Stephan Helm, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

Dr. Stephan Helm, (59) ist seit 1991 Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen. © Ronald Bonß

Herr Dr. Helm, Personalnot, Geldnot, Qualitätsdebatte: Wie krank sind Sachsens Krankenhäuser?

Der sächsische Patient Krankenhaus ist gesünder als man ihm oft attestiert.

Warum ist die öffentliche Wahrnehmung dann aber oft eine andere?

Offenbar fällt es nicht so auf, dass unsere Krankenhäuser 365 Tage im Jahr rund um die Uhr für die Patienten da sind. Wir sind in Sachsen besser aufgestellt als andere Bundesländer, haben eine ausgewogene Trägerstruktur und können flächendeckend eine moderne, leistungsfähige stationäre, nichtstationäre und notfallambulante Versorgung anbieten. Das ist aber kein Grund, sich auszuruhen. Vor allem angesichts der demografischen und auch der technischen Entwicklung stehen wir vor großen strukturellen Herausforderungen.

Heißt das, dass angesichts sinkender Bevölkerung auf dem Land weitere Krankenhäuser schließen müssen?

Das Problem ist nicht allein mit dem Rückbau von Kapazitäten zu lösen, sondern komplexer. Wir müssen uns fragen, wie die Gesundheitsversorgung in Sachsen in 10 bis 15 Jahren aussehen soll: Wie kann eine moderne Grund- und Regelversorgung in der Fläche aufrechterhalten werden und welchen Beitrag sollen die Ballungszentren leisten? Wir müssen klarer definieren, wo ein berechtigtes Bedürfnis nach ortsnaher Versorgung besteht und wo es Sinn macht, Versorgungszentren zu bilden, zu konzentrieren und zu spezialisieren. Doch die Diskussion wird heute so nicht geführt.

Warum nicht?

Weil das Entscheidungen erfordert, die nicht einfach, hochgradig politisch, aber auch mit Zugewinn und Verlusten verbunden sind. So müsste zunächst definiert werden, was eine gute Grundversorgung künftig heißen soll. Und was Erreichbarkeit im Krankenhaus bedeutet, das die Hälfte der Patienten als Notfälle aufnimmt. Das führt auch zu Fragen, die mit der Gesundheitsbranche zunächst gar nichts zu tun haben. Wie werden die Siedlungsräume an die Ballungszentren angebunden? Wie weit ist der Breitbandausbau entwickelt, um moderne telemedizinische Lösungen anbieten zu können? Hierfür brauchen wir eine sektoren- und ressortübergreifende Kommunikation. Und klar ist auch, dass solche strukturellen Veränderungen nicht ohne Investitionen zu machen sind.

Der Bund hat dafür einen Strukturfonds bereitgestellt.

Der passt leider nicht so richtig auf den Bedarf in Sachsen, weil die Mittel an den Abbau von Kapazitäten geknüpft sind. Wir wollen aber, dass er auch für die Optimierung von Strukturen genutzt werden kann. Der sächsische Anteil am Fonds beträgt 50 Millionen Euro und soll im Wesentlichen in drei Strukturmaßnahmen fließen: im Städtischen Klinikum Dresden, im Klinikum Chemnitz und am Standort Mittweida. Doch das reicht bei Weitem nicht aus.

2016 schrieb jedes fünfte deutsche Krankenhaus rote Zahlen. Wie ist die Situation in Sachsen?

Auch in Sachsen steigt der wirtschaftliche Druck ständig. Zum einen greift der Gesetzgeber sehr rigide in die Finanzierung der Krankenhäuser ein. Leistungszuwachs ist bis auf wenige Ausnahmen nicht gewünscht und wird mit Abschlägen sanktioniert. Das zentrale Problem einer adäquaten tariflichen Bezahlung von Personal wird nur halbherzig angegangen. Konsequenz ist eine schwierige personelle Situation, besonders in der Pflege. Der Freistaat stellt für die Krankenhäuser nur reichlich die Hälfte des jährlichen Investitionsbedarfs von etwa 250 Millionen Euro bereit. Wir fordern seit Jahren mehr Geld für den Substanzerhalt und eine Ausstattung, die mit dem medizinischen Fortschritt Schritt hält. Der Finanzbedarf für die Digitalisierung steigt exorbitant und wird weit unterschätzt. Es geht nicht nur um Telemedizin, sondern um digitale Krankenhaustechnik, IT-Sicherheit und kritische Infrastruktur.

Der Bund hat ein neues Förderprogramm für Pflegestellen am Krankenbett aufgelegt? Was bringt das?

Das Programm ist schön und gut, aber was machen wir mit den Leuten, wenn es ausläuft? Eine solide personelle Ausstattung in der Pflege bedarf der verlässlichen Berücksichtigung in den Betriebskosten.

Weil ambulant Ärzte fehlen, nutzen viele Patienten die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser, die völlig überlastet sind. Wie wollen Sie das Problem lösen?

Entweder die personelle Ausstattung der Krankenhäuser wird deutlich verbessert, wobei Voraussetzung eine faire Vergütung der Notfallbehandlungen wäre. Oder die Leistungsfähigkeit der Vertragsärzte erhöht sich. Wir wollen eine Überwindung der starren Sektorengrenzen an dieser Stelle. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen plant an 26 Krankenhausstandorten Bereitschaftspraxen und an elf weiteren Bereitschaftsangebote. Doch wir wissen nicht wo. Und der Zeitplan verschiebt sich immer weiter. Jetzt ist von 2020 die Rede. Wir wünschen uns hier eine bessere Abstimmung. Denn Fakt ist auch, dass es rein stationäre Versorger künftig schwer haben werden, aber in einigen Regionen notwendig bleiben. Wir brauchen eine Öffnung hin zu komplexen, integrierten Gesundheitszentren mit dem Krankenhaus als organisatorischen und wirtschaftlichen Kern.

Was wirtschaftlich gut fürs Krankenhaus ist, muss nicht immer gut für den Patienten sein. Mit der Krankenhausreform soll es deshalb neue Qualitätsanreize geben. Was heißt das konkret?

Darüber wird zunächst auf Bundesebene verhandelt. Im Gespräch sind zum Beispiel Mindestmengen für einzelne Leistungen. Doch damit könnte auf einen Schlag die Versorgungsstabilität im ländlichen Raum infrage gestellt sein. Insofern ist hier Augenmaß nötig. Schon heute haben wir über 400 Qualitätsindikatoren im Krankenhausbereich. Neue Kriterien dürfen nicht zu noch mehr Bürokratie führen. Denn die Zeit dafür fehlt am Ende für die Patienten.

Ein einfaches Kriterium ist die Verweildauer im Krankenhaus. Und die sinkt permanent. Wie erklären Sie sich das?

Zum Beispiel durch bessere medizinische Möglichkeiten. Die Verantwortung für das Entlassungsmanagement wird allein den Krankenhäusern überlassen. Doch uns fehlen Informationen über die nachsorgenden Bereiche. Sind sie nicht möglich, sollte die Nachsorge in die Verantwortung der Krankenhäuser gelegt werden, wie es z.B. bei der Tumornachsorge schon der Fall ist.

Herr Helm, und wann waren Sie zuletzt im Krankenhaus – als Patient?

Im August. Und ich bin Ärzten, Schwestern und dem Pflegedienst für die schnelle und gute Hilfe und Zuwendung sehr dankbar.

Interview: Katrin Saft