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Wie lassen sich Feiern und Wohnen vereinen?

Wegen Lärmbeschwerden mussten Neustädter Clubs schließen. Vier Ideen, um das zu vermeiden.

© René Meinig

Von Sarah Herrmann

Das Aus des Clubs Sabotage auf der Bautzner Straße hat sie neu entfacht: die Diskussion um Lärm in Wohngebieten. Magnus Hecht ist nicht nur Vorstand des Kulturzentrums Scheune, sondern auch Gründungsmitglied von „Livekomm“, dem Verband der Musikspielstätten in Deutschland. 478 Mitglieder aus allen Bundesländern kämpfen gemeinsam gegen das Clubsterben. Einige Ideen würde Hecht auch gerne in Dresden umsetzen.

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Das Problem: Lärmbeschwerden steigen

Zwei Neustädter Institutionen des Nachtlebens mussten 2017 schließen. Anwohner hatten sich zuvor über das „Stilbruch“ auf der Böhmischen Straße und über das „Sabotage“ auf der Bautzner Straße beschwert. In beiden Fällen sollen es neue Nachbarn gewesen sein. Die Zahl der Beschwerden über Ruhestörungen durch gastronomische Betriebe steigt. Waren es 2015 noch 42, schnellte die Zahl 2016 auf fast 80 Beschwerden hoch. Den Konflikt gibt es auch in anderen Städten in Sachsen, Deutschland, Europa und der Welt. Anwohner wollen ihren Schlaf. Clubbesitzer ärgern sich über zu starre Regeln. In Wohngebieten dürfen ab 22 Uhr maximal 40 Dezibel herrschen. Zum Vergleich: Ein Flüstern hat 30, ein Kühlschrank sogar 50 Dezibel.

Idee 1: Kulturschutzgebiete bestimmen

Langfristiges Ziel der „Livekomm“ ist, sogenannte Kulturschutzgebiete in Deutschland einzurichten. Dort soll die Nachtruhe erst deutlich später als 22 Uhr beginnen. Auch dann sollten noch bis zu 70 Dezibel erlaubt sein. Zur Erinnerung: In Wohngebieten sind momentan 40 erlaubt. In Mischgebieten sind es 45 und in Gewerbegebieten 50 Dezibel. Nur in Industriegebieten sind Tag und Nacht 70 Dezibel erlaubt. Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung die Kategorien um die urbanen Gebiete ergänzt. Dort sollen Betriebe, Wohnungen, aber auch soziale, kulturelle und andere Einrichtungen in nächster Nähe gemeinsam existieren. Die Grenzwerte liegen dort tagsüber bei 63 und nachts bei 45 Dezibel.

Diese Neuerung wird von der Stadtverwaltung begrüßt, teilt Stadtsprecherin Diana Petters im Auftrag des Stadtplanungsamtes mit. „Die Anwendung der neuen Gebietskategorie in Bebauungsplänen wird anlassbezogen geprüft“, heißt es weiter. Prinzipiell kämen dafür aber eher Neubaugebiete infrage. Dass die Neustadt vom Wohn- in ein urbanes Gebiet umgewandelt wird, ist unwahrscheinlich. Die Idee des Kulturschutzgebiets stößt im Dresdner Umweltamt indes nicht auf Gegenliebe: „Zu einem Pegel von 70 Dezibel nachts, dem Wert eines Industriegebietes, ist anzumerken, dass er deutlich jenseits dessen liegt, was vom Bundesverwaltungsgericht als Schwelle zur Gesundheitsgefährdung angesehen wird, von der Lärmwirkungsforschung und der WHO sowieso.“

Idee 2: Auflagen für Investoren machen

Über das „Stilbruch“ und das „Sabotage“ sollen sich neue Nachbarn beschwert haben. Im Umfeld beider Clubs waren kurz zuvor Neubauten entstanden. „Investoren müssen derzeit keine Rücksicht nehmen“, beklagt Hecht. „Die platzieren einfach ihr Wohnhaus daneben.“ In London hat sich dieses Problem in den vergangenen Jahren zugespitzt. Jährlich schlossen bis zu 80 Musikbühnen unwiderruflich ihre Türen, weil Bewohner von Neubauten sich gestört fühlten. Die Politik hat mittlerweile reagiert: Bürgermeister Sadiq Khan hat das Thema mit dem London Plan 2018 zur Chefsache erklärt. In dem Masterplan werden die Themen Stadtentwicklung und Kulturräume zusammen betrachtet. Dabei werden auch die Investoren künftig stärker in die Pflicht genommen. Sie müssen zum Beispiel für besonderen Schallschutz sorgen. Auch in Dresden müsse sich etwas an dem rechtlichen Rahmen ändern, meint Hecht. Es könne nicht sein, dass es so viele Klagemöglichkeiten gibt und Institutionen schließen müssen.

Idee 3: Flächen für Partys ausweisen

Für viele Anwohner sind besonders die illegalen Partys im Freien ein Ärgernis. Mehr als zehnmal rückte die Polizei 2017 deswegen aus. „In Halle gibt es ausgewiesene Flächen für solche Events“, sagt Hecht. Damit könne man Konflikte vermeiden, ohne die Feiernden in die Illegalität zu drängen.

Idee 4: Anlaufstellen schaffen

In den meisten Bundesländern gibt es die sogenannten Pop-Büros schon. Hecht will in Dresden nun auch ein sächsisches einrichten. Gespräche laufen bereits. Wenn alles reibungslos verläuft, könnte es 2019 losgehen. „Es soll eine Anlaufstelle sein, in der Probleme diskutiert werden“, erklärt Hecht. Eine andere Idee kennt der Kulturschaffende aus Amsterdam. Dort sind Nachtbürgermeister unterwegs, die regelmäßig Clubs besuchen. Sie sprechen mit Betreibern und Anwohnern über Probleme und sind für Drogenprävention zuständig.

Weitere Ideen gibt es unter livekomm.org