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Wie Lkw-Fahrer zu Corona-Helden wurden

Brummifahrer müssen in der Krise gar für den Klopapiermangel herhalten. Dabei würde ohne ihren Einsatz auch in normalen Zeiten nicht viel gehen.

Andre Löffler ist Fahrer bei der Spedition Hanitzsch und beliefert große Supermärkte und Discounter mit Waren.
Andre Löffler ist Fahrer bei der Spedition Hanitzsch und beliefert große Supermärkte und Discounter mit Waren. © Ronald Bonß

Fahren bis zur Erschöpfung, die Bremslichter vom Vordermann permanent im Blick, Zeitdruck, Staus, endlose Parkplatzsuche, abends eine Beutelsuppe, etwas TV-Berieselung, todmüde in die Koje – hinterm Lenkrad. Und nun noch Corona. Sieht so ein Traumjob aus? „Ja“, sagt Martin Semetzky.

Der Mann, der das felsenfest behauptet, ist Fernfahrer bei der Spedition Hanitzsch im Gewerbegebiet Kesselsdorf nahe Dresden. Der 100 Jahre alte Familienbetrieb wird in 4. Generation von Inhaber Andreas Hanitzsch geführt. Die meisten seiner 180 Beschäftigten sitzen wie Semetzky auf dem Bock: regional, national, international, auf Linie und mit Sonderfahrten – in Summe 25.000 Touren pro Jahr.

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Das Gros der gut 90 Laster, vom Kleintransporter über 60-Tonner bis zum Kühlfahrzeug, ist auf dem Betriebshof stationiert, mit eigener Tankstelle, Werkstatt und Lager. Von dort ist es ein Katzensprung zur Autobahn 4, Semetzkys Aufwärmstrecke auf dem üblichen Weg gen Norden.

Im Juli werden es zehn Jahre, dass er vor allem Container von Sachsen zum Hamburger Hafen fährt und umgekehrt. „Mittlerweile grüßen mich die Grashalme“, scherzt der 39-Jährige am Handy. Wegen des coronabedingten Abstandsgebots muss sich der neugierige Reporter mit fernmündlicher Recherche begnügen. Am anderen Ende der Leitung ist einer froh, dass mal jemand in das berufliche Nomadenleben einbricht und sich für seine Spezies interessiert.

„Ich habe es mir gerade in einer Seitenstraße zwischen zwei Containerterminals gemütlich gemacht“, tönt es aus dem Hörer. Er genieße den Blick auf die Köhlbrandbrücke, mit gut 3.600 Metern Deutschlands zweitlängste Straßenquerung, und warte auf den Container für die nächtliche Heimfahrt. Das könne aber noch ein paar Stunden dauern. Zeit für Einblicke in seine zwar allgegenwärtige, von vielen aber oft verkannte Branche.

Martin Semetzky durfte sich ein Cockpit nach eigenen Wünschen zusammenstellen.
Martin Semetzky durfte sich ein Cockpit nach eigenen Wünschen zusammenstellen. © Spedition Hanitzsch

„Unsereins wird derzeit mit Lobeshymnen überschüttet“, sagt Semetzky. Aber das sei nur ein kurzer Hype. „Wir waren immer die Deppen der Nation, und werden es nach der Seuche wieder sein“, ist er überzeugt. „Wir sind sogar schuld am Klopapiermangel“, schimpft er. Die Frohnatur wird ernst. Er klagt über fehlende Wertschätzung.

Mit der Fernfahrerromantik eines Manne Krug im Westfernsehen der 70er-Jahre hat der Beruf von Semetzky & Co längst nichts mehr zu tun. Es ist ein knüppelharter Job, dem es oft an fairer Bezahlung fehlt. Dabei geht es dem Sachsen noch gut unter den etwa 800.000 Brummifahrern in Deutschland – erst Recht im Vergleich mit Südosteuropäern, die für 800 Euro im Monat wochenlang durch Europa hetzen. Oder noch billigeren Philippinos, die laut Semetzky zunehmend für den litauischen Giganten Girteka unterwegs sind.

Umso weniger versteht er, dass die Bundesregierung das Kabotageverbot der EU, das Dumpingtouren von Spediteuren aus Drittstaaten untersagt, gekippt habe – „das Allerletzte“, schimpft er. Nach Angaben des Bundesamts für Güterverkehr sind die Mautkilometeranteile von Lkws aus Westeuropa seit 2007 von 13 auf sieben Prozent gesunken, jene der Osteuropäer aber von 18 Prozent auf ein Drittel gestiegen, voran die der Polen.

Oft sind es sächsische Maschinen, die Semetzky mit seinem 450 PS starken Sattelzug zur Überseeverladung schleppt. Umgekehrt nehme der Scania auch Landmaschinen „Made in USA“ und andere gewichtige Ware huckepack. Ein Onlinehändler in Großdubrau bei Bautzen sei mit jährlich gut 150 Containern Stammkunde. Dessen Ortskenntnis und Tipps hätten ihm jüngst den Horror des 60 Kilometer langen Rückstaus vor der polnischen Grenze erspart.

Ins Ausland fährt der gelernte Koch kaum noch – und bedauert es nicht. „Ich habe durch den Beruf fast alles in Europa gesehen“, sagt er. Nur Finnland, Norwegen und Schweden seien noch weiße Flecken auf seiner Landkarte. „Die habe ich mir für Privattrips aufgehoben.“ Mit dem Alter werde man gesetzter und bodenständiger.

Früher, als er noch für Westfirmen gefahren sei, habe er 240.000 Kilometer im Jahr geschrubbt. Jetzt seien es noch 130.000. Er könne sich weitgehend selbst organisieren und komme alle zwei Tage für elf, zwölf Stunden heim. Seine Frau, Verkäuferin in einer Bäckerei, habe er einst bei ihrer Nachtschicht in einer Tankstelle kennengelernt. „Sie wusste, worauf sie sich mit mir einlässt.“

Während Semetzky am frühen Abend im Hafen auf seine Fuhre wartet und über seinen Job sinniert, hat ein Kollege 460 Kilometer südlich sein Tagessoll fast geschafft. André Löffler ist seit 1995 Lkw-Fahrer und beliefert seit acht Jahren für Hanitzsch im Regionalverkehr Läden einer Drogeriemarktkette bis nach Görlitz und Südbrandenburg. In der Frühschicht muss der gelernte Elektromechaniker 4.30 Uhr daheim los. Auch seine Lebensgefährtin hat sich damit arrangiert.

Andreas Hanitzsch, Inhaber und Chef der Spedition Hanitzsch GmbH & Co. KG in Kesselsdorf.
Andreas Hanitzsch, Inhaber und Chef der Spedition Hanitzsch GmbH & Co. KG in Kesselsdorf. © Ronald Bonß

Diese Tour in den Dresdner Westen ist die letzte von drei an jenem Tag, sein Zwölftonner vollgepackt bis unter die Dachplane. Per Hubwagen karrt Löffler Kosmetik, Halsbonbons, Babywindeln, Küchentücher in die Filiale – ja, auch Klopapier. „So ein Quatsch“, kommentiert der 51-Jährige die Hamsterkäufe. Fahrer wie er sorgten immer wieder für aufgefüllte Auslagen. 17 Mal rein, 17 Mal raus. „Tempo“ steht auf Kartons mit Papiertaschentüchern – in Zeiten leerer Ladenregale für Brummifahrer auch Programm. „Soft und sicher“ versprechen die weiß-blauen Packungen stapelweise.

Diese Gewähr gibt derzeit niemand, erst Recht nicht den Rittern der Landstraße. Angst vor Corona habe er nicht, gibt sich der Vater einer erwachsenen Tochter gelassen. „Ich fahre hinten an die Rampe, schaffe die Sachen mit Arbeitshandschuhen rein und habe nur bei der Unterschrift durch die Filialleiterin Fremdkontakt“, sagt er.

Beim Hamburg-Pendler Martin Semetzky ist das anders. „Ich stehe eine Stunde bei null Grad in der Anmeldeschlange der Packstation – mit Fahrern aus Italien und von sonstwo, die sich gegenseitig vollhusten“, sagt er. Die Firmen schützten zwar sich und ihre Mitarbeiter, aber niemand denke an die Fahrer. Die Angst, sich anzustecken fahre bei ihm immer mit, wie die Flasche Desinfektionsmittel.

Er sei auf dem Land großgeworden, die Stadt nicht sein Ding, erzählt Semetzky, der in Hirschbach bei Dippoldiswalde wohnt. Ins nahe Dresden zieht es ihn selten, etwa wenn er sich dort in Schulen in der Verkehrserziehung engagiert und Kinder zum toten Winkel schult. Unfälle mit abbiegenden Lastern enden für Fußgänger und Radfahrer oft tragisch. Der dreifache Vater kennt die tödliche Gefahr, auch wenn ihm ein solches Drama erspart blieb. Nach der Theorie dürfen seine kleinen Zuhörer und ihre Lehrer auch selbst mal ins Fahrerhaus steigen.

Der Fernfahrer schwärmt von seinem zweiten Zuhause. „Ich durfte das Auto nach meinen Wünschen zusammenstellen“, ist er dem Firmenchef dankbar: Fernseher, Soundsystem mit Subwoofer, Kühlschrank, Top-Stromnetz, Spezialmatratze, abgeflachtes Sportlenkrad mit Lederbezug... „Wenn ich meine Frau nicht geehelicht hätte, hätte ich mein Auto geheiratet.“ Wimpel oder anderen Schnickschnack gibt es nicht im Cockpit, Straßenschuhe sind tabu. „Bei mir könnten sie vom Fußboden essen“, protzt Semetzky.

„Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt“, sagt er. Er könne zwar nicht erklären, was ihn am Job reizt, gesteht er, „aber es zieht mich immer wieder raus“. Schon nach zwei Wochen Urlaub werde er unruhig. Auch jetzt, als seine Fuhre ruft.

Im Hamburger Hafen läuft vieles elektronisch: von der Vorbuchung des Containers im Internet bis zum Einloggen mit der Truckerkarte, Container-Nummer, Adresse und Pin. Selbst das Beladen in der Kranspur erfolgt automatisch. Der Kranführer sitzt Hunderte Meter entfernt im Büro. Einmal habe es einen kompletten Systemausfall gegeben, berichtet Semetzky. 4.000 Laster standen. Chaos.

Diesmal läuft alles perfekt. Martin Semetzky fährt raus in die Nacht. Heim nach Sachsen. Sechs Stunden Autobahn. Fernfahrer sind einsame Wölfe. Früh um neun muss er in Großdubrau sein.

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