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Wie man Hundert wird

Herta Hirche aus Königsbrück feiert am Sonnabend einen immer noch seltenen Geburtstag. Ganz in großer Familie.

© Jonny Linke

Von Jonny Linke

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Königsbrück. Herta Hirche ist am 10. Februrar 1918 geboren. Da war Weltkrieg, der erste. Zwar ist sie in Dresden zur Welt gekommen, doch wenige Tage später schon mit ihrer Mutter zurück nach Königsbrück gegangen.

Königsbrück – das ist der Schaffensort von Herta Hirche. Denn hier hat die humorvolle Seniorin ihr ganzes Leben verbracht. An viele Einzelheiten und lustige Geschichten kann sie sich noch erinnern und erzählt gern davon. Warum auch nicht, denn solch ein langes erfülltes Leben ist eine riesige Ehre und Besonderheit.

Ihre Erinnerungen gehen bis in die Schulzeit zurück. „Ich hab die Schule nicht mehr gemocht als andere Kinder, aber ich habe alles natürlich ordentlich gemacht und war im Sport sehr gut“, erzählt die charmante 100-Jährige. Denn der Sport war es, der es ihr angetan hat. Schon als Kind war sie überall und ständig unterwegs gewesen. Zumeist zu Fuß, denn regen Autoverkehr wie heute gab es damals noch nicht. „Ich habe die Leichtathletik geliebt. Ob das Rennen, die Ballspiele oder die Springdisziplinen. Ich hab es gern und sehr gut gemacht“, berichtet Herta Hirche. So gut, dass sie mit Anfang 20 sogar das Sportabzeichen in den schweren Disziplinen der Leichtathletik errungen hat.

Schwimmen selbst beigebracht

Doch ihre Schulzeit bestand nicht nur aus Sport. „Wir haben, wie fast jeder zu der Zeit, sehr einfach gelebt. Wir waren sehr glücklich, hatten aber keinen Luxus, wie er heute üblich ist“, sagt die vor allem geistig noch sehr rüstige Frau. Wenn sie von der Schule kam, ließen ihr ihre Eltern große Freiheiten zum Spielen. „Sie haben mir eine ehrliche, vertrauensvolle Jugend ermöglicht. Ich durfte fast alles machen, sofern ich immer der Familie half, wenn es von Nöten war“, erinnert sie sich. Abends, nachdem die Schularbeiten erledigt waren, musste sie zum Beispiel den großen Familiengarten gießen. „In der Freizeit haben wir unheimlich gerne Verstecken oder andere Spiele gespielt. Und im Sommer sind wir in der Pulsnitz baden gegangen“, schwärmt die lustige Seniorin. Bei so vielen Freiheiten und einer erfüllten Jugend ist es kaum verwunderlich, dass sich Herta das Schwimmen selbst beigebracht hat. „Das war schon recht, so mit acht Jahren. Das war ein Spaß!“

Vom Kaiser bis zur Kanzlerin Merkel

Aber natürlich hat man in einem so langen Leben auch politisch viel erlebt. Fast vom Kaiser bis zur Kanzlerin Merkel. „Aus Politik habe ich mir aber nie etwas gemacht. Wir mussten es eh so nehmen wie es kommt“, so die Jubilarin. Zweimal war Herta Hirche verheiratet, einen Mann verlor sie im Zweiten Weltkrieg. Doch über diese Zeiten redet sie nicht gern, verständlicherweise. Nur an wenige schöne Momente kann sie zurückblicken in der Zeit. „Wir wurden damals fast alle zur Arbeit befehligt. Ich musste am Bahnhof, wo ein Lazarett eingerichtet war, in den Baracken der verwundeten Soldaten die Reinigung machen“, erzählt sie mit nachdenklicher Stimme. Eines Tages kam ihr Mann auf Urlaub zurück. Man wollte ihr nicht frei geben, sie sollte weiter im Lazarett arbeiten. „Ich wollte es nicht wahrhaben, mein Mann so nah und ich sollte ihn nicht sehen?“ Schließlich habe sie den Mut gefasst, beim Befehlshaber im Lazarett vorzusprechen. Wenigstens konnte sie noch einmal mit ihrem Mann zusammen sein. „Einige Zeit später kam die Meldung, er sei im Krieg gefallen“, erinnert sich Herta Hirche traurig. Seine Tochter Ulrike, die heute ja auch schon 77 ist, hat der Vater nie kennengelernt. „Wenigstens ein Foto hab ich ihm geschickt.“

Sachsens erster Lottoladen

Später hat sie dann mit ihrem zweiten Mann das Elektrofachgeschäft am Markt eröffnet. Auch den ersten Lottoladen Sachsens gab es bei ihnen. Mittlerweile ist das Geschäft in der dritten Generation. Herta Hirche hatte zwei Kinder. Ihr Sohn ist vor neun Jahren gestorben, ihre Tochter Ulrike kümmert sich immer noch rührend um sie. Auch die große Familie ist häufig da. Denn die vier Enkel, fünf Urenkel und drei Ururenkel wohnen fast alle in Königsbrück und Umgebung. Und etwas Unterstützung hat die Seniorin nach einem Oberschenkelhalsbruch vor mehreren Jahren schon nötig. Auch die Augen machen mittlerweile erhebliche Probleme. Doch die Familie ist stets zur Stelle. „Das schätze ich sehr. Es macht mich glücklich. Vor allem mit den ganz Kleinen“, sagt die rüstige Rentnerin. Zu ihrem Geburtstag wird am Sonnabend also volles Haus sein. Und viele werden sagen „Alles Gute zum Geburtstag, Gesundheit und Kraft zum Leben!“ Und auch die SZ schließt sich diesen Wünschen an.