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Wie Sachsens Arbeitsmarkt zu der 5 vorm Komma kam

Die Arbeitslosenquote lag mal bei 18 Prozent. Seitdem änderte sich nicht nur die Statistik.

© dpa/Arne Dedert, Montage: SZ-Bildstelle

Von Georg Moeritz

Für Sachsens Arbeitsminister Martin Dulig (SPD) ist es ein Symbol: Die Arbeitslosenquote in Sachsen ist zum ersten Mal unter sechs Prozent gesunken. Dulig sagte am Mittwoch in Dresden, dank der guten Einstellungsbereitschaft der Unternehmen müssten nun auch mehr Langzeitarbeitlose in Arbeit kommen. Sie profitierten bisher „noch zu selten“ von der guten Entwicklung. 125 918 Sachsen sind derzeit arbeitslos gemeldet, davon 47 571 länger als ein Jahr ohne Unterbrechung. Sachsens Arbeitsagentur-Chef Klaus-Peter Hansen sagte, er freue sich über die Arbeitslosenquote von 5,9 Prozent – aber für jeden einzelnen Arbeitslosen sei sie unwichtig. Jeder brauche Hilfe und werde sie bekommen.

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Rechenwege: Niedrigste Quote, aber nicht jeder mitgezählt

Die Arbeitslosenquote in Sachsen lag im Jahr 2005 bei 18,3 Prozent. Vor zehn Jahren erreichte sie noch 12,8 Prozent. Sie zeigt nicht den Anteil der Arbeitslosen an der gesamten Bevölkerung, sondern nur an der erwerbsfähigen Bevölkerung – also ohne Kinder und Rentner. Nun sind 5,5 Prozent der erwerbsfähigen Frauen in Sachsen arbeitslos und 6,3 Prozent der Männer. Allerdings ist die Statistik nicht ganz vollständig: Etwa 49 000 Sachsen werden bei der Berechnung der Arbeitslosenquote nicht mitgezählt, weil sie beispielsweise einen Ein-Euro-Job haben oder krank gemeldet sind und deshalb nicht vermittelt werden können. Verheimlicht werden diese Zahlen allerdings nicht, sie sind online in großen Tabellen und Monatsberichten zu sehen.

Zuwachs: 290 000 Stellen seit dem Jahr 2006 entstanden

Die Arbeitslosigkeit sinkt vor allem aus zwei Gründen: Seit Jahren entstehen zusätzliche Arbeitsplätze, zugleich erreichen viele ältere Arbeitslose das Rentenalter. Die Hartz-Reformen mit mehr Druck unter dem Motto „Fördern und fordern“ haben dazu beigetragen, auch mit Leiharbeitsstelen. Laut Hansen sind in Sachsen in den vergangenen zwölf Monaten 28 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Seit dem Jahr 2006 waren es fast 290 000. Nicht mitgerechnet sind Minijobs und Selbstständige – ihre Zahl schrumpfte zeitweise. 1,6 Millionen Menschen in Sachsen sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Der Stellenzuwachs kam zuletzt vor allem aus der Industrie und dem Sozialwesen.

Unterschiede: Große Spanne zwischen Klingenthal und Görlitz

Die Arbeitslosenquote in Sachsen ist schlechter als die gesamtdeutsche von 5,1 Prozent, aber besser als etwa die in Nordrhein-Westfalen. Bayern meldet 2,7 Prozent und in einzelnen Regionen noch deutlich weniger – das gilt als Vollbeschäftigung. Davon ist Sachsen weit entfernt. In Dresden liegt die Arbeitslosenquote bei sechs Prozent. Die niedrigsten Zahlen melden eher ländliche Regionen: Kamenz und Dippoldiswalde mit 3,7 Prozent, noch weniger Klingenthal im Vogtland mit 3,5. Doch in der Stadt Görlitz sind 3 930 Menschen arbeitslos, das sind 11,6 Prozent.

Vorhersage: Noch zwei Jahre mit mehr Arbeitsplätzen

Die Aussichten sind gut: Hansen erwartet für Juni erneut sinkende Arbeitslosigkeit. Im Sommer steigt sie oft – weil Verträge auslaufen. Nach Prognosen wächst die Beschäftigung in Sachsen dieses und nächstes Jahr kräftig. Danach allerdings schrumpft sie, selbst wenn keine Krise kommt. Denn der Nachwuchs reicht nicht, um alle Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Das hindert manche Firmen am Wachsen.

Angebot: Freie Stellen für Fachkräfte, Programm für Langzeitarbeitslose

In Sachsen sind fast 40 000 Stellen frei. Doch Hansen sagt: „Angebot und Nachfrage passen immer weniger zusammen.“ Dulig verspricht einem Teil der Langzeitarbeitslosen, mit dem Programm Sozialer Arbeitsmarkt Beschäftigung zu bekommen. Sachsens Arbeitgeberverband fordert, die Ganztagsbetreuung auszubauen – dann könnten mehr Eltern Vollzeit arbeiten.