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Wie sächsische Firmen Flüchtlinge fördern

Etwa 200 Asylbewerber bekommen Lehrstellen. Maschinenfabrikanten wollen Vorbild sein.

© René Meinig

Von Georg Moeritz

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Zwei Jahre Deutschkurs hat Merd Altamo aus Mossul im Irak schon hinter sich. Vor gut zwei Jahren kam er als Flüchtling nach Deutschland. Nun steht der 28-jährige Mechaniker zum Probearbeiten in einer Werkshalle im Dresdner Osten und findet neue Vokabeln: Fließfett, Zuführkette, Verstellspindeln. Solche Begriffe stehen auf einer Liste an der halbfertigen Maschine. Im Unternehmen Theegarten-Pactec stellen mehr als 400 Beschäftigte Verpackungsmaschinen her, die später Schokoladenstücke oder Kaugummi einwickeln werden. Geschäftsführer Markus Rustler gibt regelmäßig Flüchtlingen die Möglichkeit zur Probearbeit. Schließlich exportiert er Maschinen auch nach Ostafrika, nach Pakistan und nächstes Jahr in den Iran.

Merd Altamo hat im Irak „Mechaniker studiert“ und für einen Lkw-Motorenhersteller gearbeitet, wie er berichtet. Mit seiner Frau wohnt er in Dresden, die 22-Jährige besucht auch Deutschkurse und wird bald Mutter. Geschäftsführer Rustler verspricht noch nichts, hat aber gute Erfahrungen gemacht: Vor zehn Jahren kam ein afghanischer Flüchtling als Hilfsarbeiter ins Unternehmen, zeigte sich geschickt genug für eine Ausbildung zum Mechatroniker und ist heute als Maschinenmonteur unterwegs – derzeit im Senegal. Ein anderer Afghane hat seinen Hauptschulabschluss nachgeholt und lernt nun Zerspanungsmechaniker bei Theegarten-Pactec.

Geschäftsführer Rustler betont, dass er sowohl aus „gesellschaftlicher Verantwortung“ Flüchtlinge integrieren wolle als auch aus Eigeninteresse. Der Maschinenbau brauche gut ausgebildete Mitarbeiter. Er sehe eine Chance in „Zugereisten“, nicht nur in Flüchtlingen. Zwar sei der Betreuungsaufwand größer als bei Einheimischen. Doch es sei zunehmend aufwendiger, Deutsche für eine Ausbildung zu begeistern – viele wollten lieber studieren.

Staatssekretärin Iris Gleicke (SPD) aus dem Bundeswirtschaftsministerium besuchte am Dienstag den Dresdner Maschinenbaubetrieb, weil er als 1500. Firma dem bundesweiten Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ beitrat. In Sachsen gehören 38 Firmen dazu. Allerdings ist Theegarten-Pactec auch Gründungsmitglied einer ähnlichen sächsischen Initiative, die 60 Mitglieder hat: des Vereins „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“ unter Leitung von Andreas von Bismarck. Der führt die Chemnitzer Strickmaschinenfabrik Terrot und will mit seinem Verein „einen Gegenpol setzen zur sonstigen Wahrnehmung von Sachsen“. Beide Vereine beraten Arbeitgeber beim Umgang mit Flüchtlingen. An diesem Donnerstag bietet das bundesweite Netzwerk eine Internetschulung zum Thema: „Angst vor Abschiebung – Wie können Unternehmen ihre Beschäftigten unterstützen?“ Dazu gebe es häufig Fragen, sagte Projektleiterin Christina Mersch. Auszubildende dürfen grundsätzlich während der Lehre in Deutschland bleiben und bekommen danach zwei Jahre Aufenthaltserlaubnis, wenn sie im erlernten Beruf eine Beschäftigung haben.

Selbst diese 3+2-Regelung werde aber nicht immer beachtet, sagte Achim Dercks, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Auch bei der Organisation der Sprachkurse sieht er noch Mängel. Staatssekretärin Gleicke notierte die Kritik und lobte die Unternehmer, die Verantwortung übernähmen. An ihren Taten könne man „das gute Gesicht unseres Landes erkennen“. Das Engagement für Flüchtlinge basiere auf Mitmenschlichkeit. Nicht alles lasse sich an wirtschaftlichem Nutzen messen, aber es gebe auch wirtschaftlich sehr gute Gründe, Ausländer zu beschäftigen.

Im Bezirk Dresden haben nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) 98 Flüchtlinge eine Lehrstelle, die Handwerkskammer weiß von weiteren 80, die aus Asylherkunftsländern stammen. „Sachsen ist mit Sicherheit nicht ausländerfeindlich“, sagte der scheidende IHK-Präsident Günter Bruntsch. Die Arbeitsagentur sagt, dass 186 Flüchtlinge in diesem Jahr eine Ausbildung in Sachsen begonnen haben. Allerdings wurden rund 450 von den Beratern als ausbildungsreif eingeschätzt. Etwa 24 000 Flüchtlinge leben in Sachsen, davon sind 17 807 arbeitsuchend. Rund 6 000 von ihnen nehmen derzeit an Integrationskursen teil, über 900 sind in Praktika und je 200 in Weiterbildung und Lehr-Vorbereitungskursen. IHK-Willkommenslotsin Marion Reich betreut 180 Flüchtlinge und sieht als Hauptaufgabe, Firmen für sie zu interessieren.

www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de

www.welcomesaxony.de

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