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Wie sich der Bäckerberuf gewandelt hat

Auch das gibt es noch in der schnelllebigen Arbeitswelt von heute: 40 Jahre Treue zu einem Arbeitgeber in Schmiedeberg.

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© Frank Baldauf

Von Franz Herz

Schmiedeberg. Am Mittwochmorgen um 9 Uhr zum Feierabend gab es für Tino Thümmel in der Bäckerei Pfützner in Schmiedeberg einen Blumenstrauß und einen Reisegutschein. Der 56-Jährige arbeitet seit 40 Jahren in der Bäckerei. „Ich kann mich noch genau erinnern“, erzählt Thomas Pfützner. „Wir saßen damals mit meinem Vater beim Essen. Da kam der Vater vom Tino und fragte, ob sein Sohn hier Bäcker lernen kann.“ Er konnte und hat es mit Erfolg gemacht. Abgesehen von anderthalb Jahren Zwangsdienst in der Armee, wie er es nennt, arbeitet er seitdem in der Bäckerei. Schon vor der Armeezeit hat er die Meisterschule absolviert. Er hatte auch den Gedanken, sich einmal selbstständig zu machen. Aber die Zeitumstände waren dafür nicht günstig.

So blieb er seinem Lehrbetrieb bis heute treu. In dieser Zeit hat sich der Beruf deutlich geändert, vor allem in der Wendezeit. „Sesam kannten wir bis dahin ja gar nicht. Aber solche exotischen Sachen sind dann immer mehr gekommen“, erinnert sich Thümmel. Manches ist einfacher geworden im Beruf. So erinnert er sich, wie er als Lehrling noch 75-Kilogramm-Säcke mit Mehl oder Zucker gewuchtet hat. „Da hing ich wie ein Schluck Wasser dran. Heute mit dem Mehlsilo drückst du auf den Knopf und es kommt.“ Die Handarbeit ist zurückgetreten gegenüber der Kopfarbeit.

Auch die Ausstattung der Backstube mit Maschinen ist danach viel besser geworden. „Früher gab es eine große und eine kleine Knetmaschine. Das war‘s. Heute haben wir da viel mehr.“ Was aber geblieben ist, sind die typischen Arbeitszeiten. Tino Thümmel geht kurz nach Mitternacht um halb eins auf Arbeit. „Da sitzen andere noch bei einem Bier auf dem Balkon“, sagt er. In der Früh gegen neun Uhr hat er Feierabend. Dann legt er sich etwas hin. Anschließend setzt er sich oft aufs Fahrrad, um eine Runde in der Umgebung zu drehen. Gerne fährt er durchs Pöbeltal bis hoch auf den Kahleberg. Das ist sein Sommerhobby. Im Winter gestaltet er Intarsienbilder. „Das geht aber nicht jeden Tag. Wenn du vorher in der Stollenzeit zwei Tonnen Zutaten verarbeitet hast, fehlt dir die ruhige Hand dafür“, sagt er. Aber so schwer ist die Arbeit auch nicht jeden Tag. Er ist der einzige Bäcker in der Familie. Seine Frau arbeitet in Dresden im Handel. Einer seiner Söhne ist bei Sachsenküchen in Obercarsdorf, der andere Uhrmacher in Glashütte.

In seinen vierzig Berufsjahren wird er einen Tag nie vergessen. Das ist der 12. August 2002, der Tag als die Flut über Schmiedeberg hereinbrach. „Wir haben noch ganz normal gebacken und in der Früh dann aus dem Fenster geschaut. Da hat das Hochwasser schon die ersten Bäume mitgeschwemmt“, erinnert er sich. Durchs Wasser ist er schnell nach Hause gegangen und hat das Kellerfenster geschlossen. Aber das hat auch nicht mehr viel geholfen. Bald stand der ganze Ortskern von Schmiedeberg unter Wasser, die Bäckerei genauso wie Thümmels eigenes Haus. Im Keller lag über eineinhalb Meter hoch der Schlamm und das Geröll. An Backen war in diesen Tagen nicht mehr zu denken. Thomas Pfützner hat ihn damals freigestellt, damit er in seinem Haus für Ordnung sorgen konnte. „Heute muss man staunen, wie schnell wir danach wieder auf die Füße gekommen sind“, sagt Thümmel.