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Dresden

Wie sich der Fokus verschiebt

Passable Bilder macht heute jedes Handy. Für Foto-Wolf sind die Zeiten härter geworden. Trotzdem wird das Jubiläum keine Trauerfeier. 

Im großen Stil wollen Steffen Wolf (l.) und sein Sohn Rico in diesem Jahr den 80. Firmengeburtstag begehen.
Im großen Stil wollen Steffen Wolf (l.) und sein Sohn Rico in diesem Jahr den 80. Firmengeburtstag begehen. © Marion Doering

Einst spazierten die Kunden öfter zur Tür herein. Auf ein Schwätzchen. Man kannte sich. Vor allem aber wollten die Kunden ihre Fotos entwickeln lassen. Heute sieht Rico Wolf seine Kunden meist nur einmal: Beim Kauf der Kamera. „Vielleicht nehmen sie auch noch eine Speicherkarte mit. Das war es dann aber auch“, sagt er. Sein Trost: Drei Jahre später kommen Profi- und Hobbyfotografen wieder und holen sich wieder das neueste Modell. Die Kamera für’s ganze Leben gibt es nicht mehr. „Dafür sind die Zeit und speziell unsere Branche zu schnelllebig geworden.“

Vor vier Jahren übernahm Rico Wolf das Geschäft auf dem Weißen Hirsch von seinem Vater Steffen. Dessen Vater Herbert wiederum war es, der den Laden 1939 unter seinem Namen eröffnete. Seine Frau brachte das Geschäft durch die Kriegszeit. Danach wurde viel für die Russen gearbeitet. Das Material war knapp, doch die Kontakte gut. Nach der Wende kaufte Steffen Wolf das Haus und konnte daraufhin 1992 um die Ecke in die heutigen, weitaus größeren Geschäftsräume umziehen. In diesem Jahr feiert Foto-Wolf sein 80-jähriges Bestehen. Damit ist es das älteste Fachgeschäft für Fototechnik in der Stadt. Fünf festangestellte Mitarbeiter gibt es hier heute. Auch Rico Wolfs Mutter hilft noch aus.

Ihr Laden hat alles mitgemacht – und tut das noch immer. Alle Entwicklungen, alle Trends, alle Probleme. Einige Formate wurden nur kurzzeitig bejubelt und verschwanden bald wieder in der Versenkung. Die Foto-Diskette endete als Flop. Auch Kameras mit integriertem Drucker blieben von bescheidener Qualität. Im Jahr 2019 sind nun spiegellose Systemkameras mit Vollformatsensor im Trend, wie Rico Wolf verrät. Nachdem die Geräte jahrzehntelang immer kleiner geworden seien, sei nun wieder eine gegensätzliche Entwicklung erkennbar.

In den ersten Jahrzehnten warb
Herbert Wolf auch für Kinotechnik. 
In den ersten Jahrzehnten warb Herbert Wolf auch für Kinotechnik.  © privat

Wo genau die Reise technisch hingeht, wissen aber auch die Experten nicht. „Dafür brauchten wir eine Glaskugel“, sagt Rico Wolf. Wie sich die Zeiten geändert haben, beschreibt sein Vater: „Zu DDR-Zeiten mussten wir immer aktiv sein, um Waren zu bekommen“, erinnert sich Steffen Wolf, der einst im ganzen Land herumreiste und eifrig suchte und tauschte. „Heute müssen wir aktiv sein, um die Waren noch zu verkaufen.“ Von einfachen Modellen ab 70 Euro bis zur Profi-Kamera für über 10 000 Euro gibt es hier die volle Auswahl in den Regalen. Dazu Objektive, Filter, Bilderrahmen unzähliges anderes Zubehör. 2014 haben die Wolfs ihr Geschäft noch einmal komplett umgebaut und modernisiert. Nicht zuletzt auch, um wieder jüngeres Publikum anzulocken, wie sie sagen.

Einst kaufte man im Fachgeschäft noch eine Kamera für’s Leben. 
Einst kaufte man im Fachgeschäft noch eine Kamera für’s Leben.  © privat

Die Branche schrumpfe jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent. Mit der massenhaften Verbreitung der Smartphones, die immer bessere Fotos machen, sei der Markt für die günstigsten Kompaktkameras in den vergangenen Jahren fast komplett zusammengebrochen, sagt Rico Wolf. „Wir leben heute von den Leuten, denen die professionelle Beratung noch etwas wert ist und die nicht erst kommen, wenn sie ihre im Internet gekaufte Kamera reklamieren möchten.“

Er selbst weiß am besten, dass er kreativ bleiben muss, wenn die Geschichte von Foto-Wolf auf lange Sicht weitergeschrieben werden soll. Auch neue Nischen gilt es zu entdecken. Erst kürzlich hat sich Foto-Wolf erstmals in seiner Geschichte ein eigenes Fotostudio eingerichtet. Angeboten werden heute auch Workshops, kleinere Reparaturen und Sensorreinigung.

Zum 80. Jubiläum, das haben sich Rico Wolf und sein Vater fest vorgenommen, soll keine Trauerstimmung herrschen. Ganz im Gegenteil. Sie haben vor, ihre Branche im großen Stil zu würdigen. Für den 14. und 15. Juni organisieren sie eine Hausmesse im und hinter dem Geschäft an der Bautzner Landstraße. Von 10 bis 18 Uhren sollen sich dann 40 Firmen präsentieren. Die Planungen laufen seit Monaten.

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Rico Wolf freut sich sehr auf die Feierlichkeiten, und doch sieht er auch nachdenklich aus, wenn er da so in seinem kleinen Büro sitzt. „Man macht sich schon ein bissel Sorgen, wie es weitergeht“, sagt er. Seine Tochter ist zwölf Jahre alt. „Natürlich wäre es schön, wenn sie irgendwann in das Geschäft einsteigen würde und wir in die vierte Generation gehen.“ Doch guten Gewissens dazu raten kann er ihr derzeit nicht mehr. „Es gibt keine bleibenden Werte mehr.“ Er hoffe darauf, dass mal wieder eine Zeit kommt, in der Bilder auch in die Hand genommen werden. Und nicht nur auf der Festplatte gespeichert.