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Wie sich der Landkreis für Frauen aufhübscht

Eine Studie der Hochschule zeigt, was zu tun ist, um gut Ausgebildete anzulocken. Das Rezept ist überraschend simpel.

© Archivfoto: Matthias Weber

Von Anja Beutler

Landkreis. Sozialwissenschaftlerin Julia Gabler erklärt es gern praktisch: „Würde ein Bürgermeister dieselbe Rede vor Unternehmerinnen halten, wie er sie vor Unternehmern hält?“, fragt sie. Julia Gabler lächelt. „Sehr wahrscheinlich nicht“, sagt die Koordinatorin der Studie „Verbesserung der Verbleibperspektiven junger Frauen in der Oberlausitz“. Bei Männern würde der Bürgermeister von guter Verkehrsanbindung und technischen Details schwärmen. Bei Frauen eher von den vielen Kita-Plätzen. „Aber warum sollte das Männer nicht auch interessieren?“, wirft die Wissenschaftlerin der Hochschule Zittau/Görlitz ein.

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Solche Unterschiede sind es, die mitentscheiden, ob die Oberlausitz attraktiv für junge, gut ausgebildete Frauen – und damit natürlich auch für Männer ist und sein wird. Das zumindest legen die Erfahrungen aus der Studie nahe, die der Landkreis bei der Hochschule 2015 in Auftrag gegeben hat und nun mit Jahresende abschließt. Ausgangspunkt waren mehrere Veröffentlichungen, die aufzeigten, dass im Kreis in manchen, vor allem jungen Altersgruppen gewissermaßen Frauenmangel herrsche. Ein Manko, das die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, Ines Fabisch, gern ausgleichen will und deshalb erforschen ließ, warum junge Menschen weggehen, hier bleiben oder zu uns kommen.

Antworten erhofften sich die Forscher dabei von Schülern und Studenten hier im Kreis. Beide Befragungen sind repräsentativ, betont Julia Gabler. Zusätzlich interviewten die Wissenschaftler aber auch berufstätige Frauen zwischen Weißwasser und Zittau über ihre Lage hier vor Ort. Aha-Effekte gab es dann vor allem in zwei Workshops in Löbau und Boxberg, zu denen das Hochschulteam Verwaltungsmitarbeiter, Unternehmer, Kreative, Firmenchefs oder auch Planer eingeladen hatten – sowohl Männer als auch Frauen. „Wir wollten zeigen, dass dieses Thema kein wissenschaftliches ist, sondern wirklich ganz praktisch jeden betrifft“, erklärt Gabler. „Da mussten wir zum Teil die eingeladenen Männer überzeugen, dass sie eben gerade nicht ihre weibliche Vertretung schicken“, sagt Frau Gabler schmunzelnd.

Im Kern geht es darum, Dinge mal mit anderen Augen zu sehen, quer zu denken: „Eine Unternehmerin aus dem Norden des Kreises sucht einen Gerüstbauer. Sie findet keinen. Warum also nicht eine Gerüstbauerin suchen?“, nennt Julia Gabler ein Beispiel. Dann stelle sich natürlich auch die Frage, was man anders machen muss, um Frauen gezielt anzusprechen. „Wir haben in der Studie festgestellt, dass Frauen natürlich gefragt werden wollen, oft das Gefühl haben, dass man sie gar nicht haben wolle“, sagt sie. Auch im Berufsalltag gebe es durchaus noch häufig Diskriminierungen, Hürden, die man oft gar nicht auf den ersten Blick sehe. Dennoch kann es manchmal auch gut sein, sich nur unter Frauen auszutauschen: „Manche Dinge abseits der fachlichen Themen können Frauen einfach unter ihresgleichen besser klären“, sagt Frau Gabler. Deshalb sei es zum Beispiel gar nicht kontraproduktiv, Unternehmerinnen-Netzwerke zu gründen.

Bei den Jugendlichen – so zeigen die Befragungen, die an den Gymnasien des Kreises geführt wurden – gibt es übrigens gar keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, wenn man sie nach ihren Bedingungen für die Zukunft fragt: Qualitätsvolle Arbeit, gute Bezahlung, Familienfreundlichkeit, ein gutes Kulturangebot und der Wunsch, nicht in hierarchischen Strukturen, sondern eher im Team zu arbeiten, sei generell oben auf der Wunschliste. Dass es Mädchen also stärker in die weite Welt zieht, dafür gibt es keine Anzeichen.

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Deshalb muss sich in den Köpfen etwas ändern, argumentiert Frau Fabisch. „Wir sind nicht die einzige Region, die um die gut ausgebildete Jugend kämpft und eine schöne Landschaft hat – also müssen wir mehr tun“, sagt sie. Eine Frauenquote im Kreis einführen – darum gehe es nicht, sagt sie. Aber moderner zu werden, gezielt Frauen ins Team, in Entscheidungen einladen, auch bei handwerklichen Berufen nicht die Nase zu rümpfen, wenn Väter Elternzeit nehmen wollen – das sei wichtig. Um das Wohl der Männer müsse man trotz mehr weiblichem Blickwinkel nicht bange sein: „Bei den Interviews haben wir oft gehört, dass die Frauen besorgt darum waren, dass auch Männer hier eine Chance haben“, sagt Frau Gabler.