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Eine Schande, wie sich Sachsen zeigt

Die SZ sprach mit Bautzens Theaterintendant Lutz Hillmann über seine Pläne für die neue Spielzeit. Ein Thema bewegt ihn derzeit besonders.

© Uwe Soeder

Die Sommerpause im Bautzener Theater ist vorbei. Mit einer Schwanensee-Adaption für Puppen startet das Haus Ende der Woche in die neue Spielzeit. 21 Premieren sind bis zum Sommer 2016 geplant. Die SZ sprach mit Theaterintendant Lutz Hillmann über die neue Spielzeit, Glücksgefühle und die Frage, was das Wort Wirtschaftsflüchtlinge in ihm auslöst.

Herr Hillmann, fünf Wochen liegt das Ende der erfolgreichen Theatersommerinszenierung „My Fair Lady“ zurück. 32 500 Zuschauer waren begeistert. Da fällt der Start in die neue Spielzeit bestimmt leicht?

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Nichts ist so alt wie der Erfolg der letzten Spielzeit. Aber natürlich starten wir mit einem sehr guten Gefühl – auch, weil wir „My Fair Lady“ von der Sommerbühne ins große Haus übernehmen konnten und die ersten drei Vorstellungen schon wieder ausverkauft sind. Insgesamt steht das Stück nun siebenmal im Spielplan.

Sie sagen es selbst: Nach dem Erfolg muss der Blick nach vorn gehen. Worauf darf sich das Bautzener Publikum als erste Premiere freuen?

Wir starten mit einer Puppentheater-Produktion für Erwachsene: „Schwanensee“. Die Puppenspieler zeigen zur Musik von Peter Tschaikowsky eine Adaption der Geschichte der Schwanenprinzessin ohne Worte. Die Inszenierung ist ein wunderbarer Einstand für unsere neue Kollegin im Puppentheater Michelle Bray.

Welche neuen Produktionen stehen neben „Schwanensee“ noch in dieser Spielzeit an?

Insgesamt zeigen wir 21 Premieren. Wir denken, dass für jeden Geschmack und für jedes Alter etwas dabei ist. Es gibt die Boulevardkomödie „Die Nervensäge“, das Weihnachtsmärchen „Väterchen Frost“ und die deutsche Inszenierung des Jurij Koch-Stücks „Mein vermessenes Land“. Matthias Nagatis inszeniert für die Hauptbühne das sorbische Stück „Jakni mužojo!“ (Ganze Kerle!). Und nicht vergessen möchte ich die vier weiteren Premieren unseres Puppentheaters.

Scheinbar gibt es momentan kein anderes Thema in Deutschland als die Flüchtlingspolitik. Wie stellt sich das Theater dieser Situation?

Theater bringt den Zuschauer in Situationen, die er nicht selbst erlebt. Niemand von uns weiß wirklich, wie es auf einem Flüchtlingsschiff ist. Wir stellen uns nur vor, wie es wäre, das letzte Geld für den Schlepper zusammenzukratzen. Wir können es uns nur vage ausmalen, eingepfercht in einem Lkw zu hocken. Theater kann diese unvorstellbare Welt durchspielen. Deshalb muss es immer auch aktuell sein und auf solche Situationen reagieren. Es ist eine Schande, wie Sachsen sich derzeit der Welt präsentiert. Dabei haben wir doch gute Erfahrungen mit Flüchtlingen.

Wie meinen Sie das?

Im 17. Jahrhundert kamen 30 000 böhmische Glaubensflüchtlinge in die Oberlausitz. Sie brachten zum Beispiel die Leineweberei mit und sorgten hier für einen wirtschaftlichen Aufschwung, von dem die Region bis heute profitiert. Eine zweite große Gruppe von Einwanderern sind die Umsiedler, die nach 1945 kamen. Viele haben das Schicksal mitgemacht, dass syrische Kriegsflüchtlinge jetzt ebenfalls erleben. Wo ist denn unser Einfühlungsvermögen hin? Waren nicht alle DDR-Bürger 1990 Wirtschaftsflüchtlinge, die in den Westen gingen? Sie hatten alle denselben Ansatz wie die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge heute: Sie wollten ein besseres Leben.

Haben Sie denn schon eine Idee, wie das Theater auf das Flüchtlingsthema eingehen könnte?

In der vergangenen Spielzeit haben wir kurzfristig „Krieg“ von Janne Teller in den Spielplan aufgenommen. Auch unsere multimediale Inszenierung zur Reformation „Gregor kommt zurück nach Hause“ streift das Thema. Nicht zuletzt natürlich „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch im Puppentheater. Mit diesen Stücken richten wir uns auch an Schüler. Darüber hinaus haben wir im Spielplan immer offene Positionen, um eben auf Aktuelles reagieren zu können.

Gleich nach dem Start der Spielzeit steht für einen Teil des Ensembles eine große Reise auf dem Plan. Haben Sie die Koffer für Texas schon gepackt?

Naja, derzeit übe ich noch an der Bass-Gitarre, um bei unserer sorbischen Band, den „Floppy Dolls“ mitspielen zu können. Mit denen und mit der Puppentheaterinszenierung „Cowboy Tom“ gastieren wir beim „Wendish Fest“ in Serbin. Unser wohl bislang entferntester Abstecher beginnt am 21. September. Übrigens die Generalprobe unseres musikalischen Programms können die Zuschauer am 20. September in Spreewiese erleben.

Bleiben wir im Sorbischen. In der vergangenen Spielzeit war die Inszenierung „Mein vermessenes Land“ auf sorbisch zu sehen. Nun folgt die deutsche Fassung. Warum sollten sich auch deutsche Zuschauer das Stück ansehen?

Es geht es um die abgebaggerte Heimat der Sorben. Seit 1924 wurden in der Lausitz 137 Dörfer komplett oder zu Teil devastiert und die Entwicklung geht weiter. Ich habe das Gefühl, viele setzen sich zwar mit dem Umwelt- und Energieaspekt dieses Themas auseinander, das Schicksal des sorbischen Volkes interessiert dagegen nur wenige.

Die Inszenierung wird auch beim 9. Sächsischen Theatertreffen zu sehen sein. Es findet im Mai 2016 in Bautzen statt – und damit erstmals außerhalb der Großstädte. Wie gehen Sie diese Herausforderung an?

Mit den beiden Sächsischen Puppentheatertreffen, die wir hier erfolgreich ausgerichtet haben, konnten wir schon einmal üben. Unsere beiden sanierten Häuser bieten beste Voraussetzungen für dieses Treffen der elf Schauspiel-Ensembles. Darüber hinaus sind wir ein leistungsstarkes Theater, mit den meisten Vorstellungen im Jahr in Sachsen und mehr als 150 000 Zuschauern pro Spielzeit. Wir vertrauen auf unser Publikum, das dem Treffen sicher sehr aufgeschlossen gegenübersteht.

Volle Ränge verspricht auch der Titel des 21. Bautzener Theatersommers. „Die Olsenbande“ wird im Hof der Ortenburg zu erleben sein.

Es wird eine komplett neue Dramatisierung des Stoffs geben. Das Publikum darf sich also auf einen neuen Coup freuen.

Gespräch: Miriam Schönbach