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Wieder aufgetaucht

René Helm verlor mit dem Juni-Hochwasser in Döbeln seinen Arbeitsplatz. Was er damals als Katastrophe empfand, sieht er heute ein bisschen positiver. Er wagt einen neuen Anfang.

© Ronald Bonß

Von Annechristin Kleppisch

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Ein Stück vom Hochwasser ist geblieben. Es windet sich die Wand entlang. Einmal nach oben und im Bogen wieder hinunter. Der türkisblaue Farbstreifen sieht aus wie ein Fluss. An der Decke erstreckt sich ein See. Nass macht beides nicht. Keine Wasserlachen auf dem Boden, keine Tropfen, keine hässlichen Flecken und kein Pegelstand als braune Linie an den Wänden. Das Eckgeschäft in der Döbelner Innenstadt ist trocken. „Zum Glück“, sagt René Helm. „Noch einmal absaufen wollen wir nicht.“

René Helm musste mit seiner Freundin Lysann Hofmann im Juni raus aus Wohnung und Laden. © Ronald Bonß

Der 30-Jährige steht in seinem neuen Tattoogeschäft „Kreuz & Quer“. Zwei Monate, nachdem das Wasser der Freiberger Mulde die halbe Innenstadt Döbelns geflutet hat, wagt er zusammen mit seinen Partnern Andy Gillner und Jacqueline Kirsten einen Neuanfang, so wie andere Ladenbesitzer in der Stadt. An jedem zweiten Geschäft sind Zettel angebracht. „Danke allen Helfern“, steht da geschrieben. „Wir renovieren.“ „Wir machen weiter.“ Oder: „Neueröffnung im September.“ Die drei Körperkünstler haben es früher geschafft. Ihr Geschäft ist schon geöffnet. Eine harte Zeit liegt hinter ihnen mit viel Arbeit, Entbehrung und Zweifeln.

René Helm hatte sich erst vor zwei Jahren als Tätowierer selbstständig gemacht. Schon immer wollte er kreativ arbeiten. Er entdeckte sein Faible für die Körperkunst – nicht nur auf der eigenen Haut. Neben der Arbeit als Heilerziehungspfleger half er im Laden von Andy Gillner aus. Dann stieg er in das Geschäft auf der Döbelner Bahnhofsstraße ein und baute sich einen Kundenstamm auf. Mit Trockenbauplatten, eigenen Bildern und viel Farbe gestaltete er die Räume. Er war noch nicht fertig, als das Wasser kam. „Nach der Flut war alles futsch“, sagt er. Die Geräte für ihre Arbeit konnten sie zwar noch retten. Doch Inneneinrichtung und Trockenbau landeten im Container. In vier Stunden war alles demontiert. „Für den Anbau habe ich neun Monate gebraucht“, sagt René Helm.

Nur die Fotos auf dem Handy erinnern noch an die Zerstörung. Damals stapfte René Helm zusammen mit seiner Freundin in Gummistiefeln durch die Bahnhofsstraße, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie hatten ihre Wohnung verlassen müssen. Das Wasser stand fast vor der Tür, der Keller war voll. Vorübergehend kamen sie bei Renés Schwiegereltern unter. An jenem Juniwochenende hatte er seinen 30. Geburtstag feiern wollen. Nun räumten sie Laden und Wohnung aus und sahen zu, wie das Wasser kam, in den Laden lief und erst bei einer Höhe von 90 Zentimetern stehen blieb.

Die Geburtstagsparty hat René Helm auch zwei Monate später nicht nachgeholt. „Das muss warten“, sagt er. Gummistiefel und Regenkluft hat er gegen Flipflops und kurze Hosen getauscht. In Döbeln ist es Sommer geworden. Auf den Feldern vor der Stadt reift der Weizen. Traktoren fahren die Ernte ein. Noch vor zwei Monaten stand auch hier das Wasser.

Einen Ausflug ins Freibad will sich René Helm nicht leisten, an Urlaub ist nicht zu denken. Zu einem Festival fuhr seine Freundin allein, weil er für den Neustart schuftete. Mit Fugenkleber, Hammer, Akkuschrauber und Putzzeug kennt er sich inzwischen gut aus. Im neuen Laden schraubte er Holzplatten an die Wand. Noch immer klebt Farbe an seinen Klamotten. „Langsam muss das Geschäft schließlich wieder losgehen“, sagt er. Zwei Monate Verdienstausfall lassen sich nicht so leicht überbrücken. Jacqueline Kirsten jobbt nebenbei als Krankenschwester. Andy Gillner kann nach 20 Jahren im Geschäft von Rücklagen leben. René Helm aber hat kein solches Polster. Die 1 500 Euro Soforthilfe waren schnell aufgebraucht. Freunde und Eltern haben finanziell geholfen. Die Schwester sagte ihre Geburtstagsparty ab und gab das gesparte Geld an René weiter. Die 85-jährige Nachbarin steckte ihm 100 Euro zu. Ein Tattoo hat die Dame sicher nicht. Aber Anteilnahme. Zum Dank gab es eine Einladung zum gemütlichen Grillabend. „Alles, was an Geld reinkam, haben wir in den neuen Laden gesteckt“, sagt Helm. Wie viel genau es ist, hat er noch nicht ausgerechnet. Eine Versicherung wird nicht zahlen. Die Tätowierer haben für den Laden keine bekommen wegen der Nähe zur Freiberger Mulde.

Auch die Anträge auf Fluthilfe vom Land sind noch nicht ausgefüllt. Immerhin könnten René Helm und andere betroffene Händler, Unternehmer und Selbstständige, aber auch Privatpersonen dort bis zu 80 Prozent ihrer Ausgaben für den Neustart erstattet bekommen. Bisher sind in Sachsen 232 Anträge über einen Schaden von rund zwölf Millionen Euro insgesamt eingegangen. Das ist wenig, verglichen mit dem errechneten Gesamtschaden für Sachsens Unternehmen und Privatpersonen von knapp 700 Millionen Euro.

René Helm fehlte bisher die Zeit, um die Anträge auszufüllen. Andere Dinge waren wichtiger. Viel Mühe machte den Körperkünstlern die Suche nach einem neuen Standort. Eine große Auswahl an freien, hochwassersicheren Läden gab es in Döbeln nicht. Umso größer war die Konkurrenz. Durch Zufall hörten die drei von dem Eckgeschäft in der Straße des Friedens. 100 Quadratmeter, gleich neben einer Bank gelegen. Die Fläche stand lange leer. Früher war darin ein Sanitärgeschäft. Fünf Tage lang warteten René Helm und seine Partner auf die Zusage vom Vermieter. Er hatte noch einen anderen Interessenten an der Hand. „Manchmal haben wir auch ans Aufgeben gedacht“, sagt René Helm.

Das Gefühl von Resignation ist gewichen, der Optimismus zurück – und die Hoffnung, künftig vom Hochwasser verschont zu bleiben. Es stand im Juni gerade mal an der Türschwelle des neuen Ladens. Im Inneren führen acht Stufen vom Empfangsraum zu den Arbeitsräumen und den sanitären Anlagen. Der Tätowierstuhl steht bereit. An der Decke schaukelt ein silberner Kronleuchter. Noch müssen die restlichen Bilder aufgehängt und die Holzkanten an den Dielen befestigt werden. „Wenn das Wasser doch mal bis in den Empfangsraum kommt, können wir alles schnell abmontieren und hochräumen“, sagt Helm.

Nicht alle Gewerbetreibenden und Einwohner in Döbeln sind so optimistisch. „Manchmal wirkt die Innenstadt jetzt noch wie eine Geisterstadt“, sagt René Helm. Einige Geschäfte werden wohl länger leer bleiben. Die Besitzer haben aufgegeben. Viele Anwohner seien weggezogen. „Die hatten es einfach satt mit dem Wasser“, sagt der 30-Jährige. „Viele denken, dass die Mulde wieder und wieder so hoch steigen wird.“ Mit der Flut müssen die Döbelner wohl leben lernen. Eine bittere Erkenntnis der vergangenen Wochen.

Die Döbelner haben aber auch Positives erfahren. „Das Miteinander unter Nachbarn, Anwohnern und Betroffenen war einfach großartig“, sagt René Helm. „Helfer kamen einfach so in den Laden und haben mit angepackt.“ Leute, die er nicht kannte, haben bis spät in die Nacht auch im neuen Geschäft geholfen. Sogar Kunden machten mit. „Es ist gut, wenn man weiß, dass man nicht allein ist“, sagt er.

Nun muss noch der Neustart klappen. Der Laden ist so, wie es sich die beiden Tätowierer und die Piercerin immer gewünscht haben: groß, hell, modern. „So gesehen hatte das Hochwasser auch etwas Gutes“, sagen sie. René Helm ist froh über den Tapetenwechsel. Seine Gefühle hat er in den Bildern im Laden ausgedrückt. Die hat er selbst gemalt. Auch bei diesen Motiven konnte er vom Wasser nicht lassen, wie bei der Wandfarbe. Dabei geht es nicht um die zerstörende Wucht des Wassers, sondern um das rettende Ufer, das Auftauchen und Weitermachen. „Die Stelle am Fluss, wo der Strom von den Steinen gebrochen wird, wo keiner jemals suchen würde, sie wollte immer dorthin“, steht auf einem der Blätter geschrieben.