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Wieder aufwärts im Freifallturm

Roßweiner Fachzentrum beginnt mit praktischer Qualifizierung von Aufzugstechnikern. Der Bedarf wächst.

© André Braun

Von Heike Heisig

Roßwein. Hand aufs Herz: Auch jüngere Leute nutzen gern mal den Aufzug. Das neue Ärztehaus in der alten Post in Roßwein wird einen Aufzug bekommen. Die sanierte Mittelschule hat bereits einen, um Schülern mit Behinderungen das Lernen in Roßwein zu ermöglich. Beim barrierefreien Bauen und Wohnen sind Fahrstühle inzwischen Standard. Auf diesen Trend hat das Mitteldeutsche Fachzentrum Metall und Technik (MFM) längst reagiert. Seit Jahren bietet das Fachzentrum Aus- und Weiterbildungen sowie Lehrgänge im Bereich Aufzugstechnik an. Der Clou ist nun: Der Praxis kann die Theorie folgen. Dafür steht ab sofort der frühere Freifallturm des abgewickelten Zentrums für Förder- und Aufzugstechnik (ZFA) zur Verfügung.

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Expertenteam entwickelt Module

Der Turm ist schon von Weitem zu erkennen, und nahezu jeder Roßweiner hat davon schon einmal etwas gehört. Doch drinnen waren wohl die wenigsten. In dem etwas mehr als 40 Meter hohen Turm gibt es einen Personenaufzug sowie drei Schächte, zwei kleinere und einen größeren Schacht. Letzterer ist vom ZFA für die Versuchsreihen genutzt worden. Bei denen ging es darum, Möglichkeiten und Grenzen von Sicherheitstechnik an Aufzügen zu testen. Einmal hat diese versagt, die Kabine ist unten aufgekracht. „Gerade diese Situation herauszufinden, ist der Sinn solcher Tests“, sagt Thomas Meyer. Er gehörte damals zum ZFA-Team, war Zertifizierungsstellenleiter für Sicherheitsbauteile. Heute leitet der Ingenieur das Fachzentrum und ist als Fachbereichsleiter Aufzugstechnik eines der Mitglieder des Fachbeirates. Dem gehören verschiedene Experten, darunter verschiedene Hersteller, an. Gemeinsam entwickeln sie die praxisorientierten Weiterbildungen für mittelständische Unternehmen der Aufzugsbranche.

Für Elektriker und Quereinsteiger

Der Bedarf liegt für Thomas Meyer auf der Hand. „Den Aufzugsbauer gibt es inzwischen nicht mehr als Ausbildungsberuf“, erklärt er. Daher sind alle Firmen, die den Aufzugsservice vom Einbau über die Wartung bis hin zur Erneuerung anbieten, auf eine dahingehende Qualifizierung ihrer Mitarbeiter angewiesen. Das kann in Theorie und nun auch in Praxis das MFM in Roßwein übernehmen. „Meist sind es Metallbauer, Mechatroniker oder Elektriker, die sich im Bereich Aufzugsbau qualifizieren“, so Thomas Meyer. Aber auch Quereinsteiger hätten sich durchaus schon gut einarbeiten und bewähren können.

Die nötige Praxis können sich die angehenden Aufzugstechniker im Turm holen. Dort stapeln sich schon all die Dinge, die zu einem funktionierenden Aufzug gehören: Tür, Seitenteile, Bodenplatte, die Elektrik und vieles mehr. Mit dem ersten Lehrgang könne es losgehen und ein kompletter Aufzug gebaut werden, so der MFM-Leiter. Der nächste Lehrgang müsse diesen dann demontieren, damit die nächsten wieder von vorn beginnen können. Über die komplette Höhe von elf Stockwerken, die im Freifalltrum möglich wären, werden die Probeaufzüge nicht errichtet. Über zehn bis 20 Meter jedoch sollen sie schon Lasten befördern – Funktionstests sind inbegriffen.

„Modulare Fachausbildung Aufzugstechnik“ heißt dieses neue Schulungsangebot des MFM. „Dabei werden, wie der Name schon sagt, in einzelnen Modulen alle praktischen Tätigkeiten vermittelt und abgefordert, die im Neubau und im Service notwendig sind“, sagt Thomas Meyer. Je 40 Wochenstunden beschäftigen sich die Handwerker mit Antrieb, Führungsschienen und Seilen, mit Türen und Kabinen sowie der Inbetrieb- und Abnahme. Weiterhin geht es um Wartung, Instandhaltung und das Abstellen von Störungen.

Rund 200 Teilnehmer hat das Fachzentrum im Vorjahr bei seinen aufzugstechnischen Seminaren gezählt. Für die nächsten Monate liegen die ersten Buchungen des Turmes samt der neuen Möglichkeiten dort vor. Meyer geht davon aus, dass sich die Angebote im deutschsprachigen Raum weiter herumsprechen. Schon jetzt kommen die Teilnehmer nicht nur aus Deutschland.

Auf die Wiederinbetriebnahme des Turmes ist das Fachzentrum auch deshalb stolz, „weil wir mit der nun vorhandenen Ausstattung ein in Europa einmaliges Fachzentrum zur Verfügung haben und nutzen können“, so der Aufzugsexperte. Ähnliches kenne er nur aus China.